Das Leben ist weder rational noch irrational: Es ist nur anders

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Der Mensch wechselt beliebig zwischen Welten.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

In den Momenten vor dem Einschlafen bewegen sich unsere Gedanken auf seltsamen Wegen. Sie folgen dabei keiner erkennbaren Logik. Bilder tauchen auf und drängen sich in den Vordergrund, es gibt ein Spiel mit Worten, die von Empfindungen getragen werden. Dann driften unsere Gedanken immer weiter ab und verlieren uns im Schlaf, um eine Bilderwelt zu betreten und uns in einer Traumwelt wiederzufinden, in der alles vertraut und fremd, denkbar und verwirrend ist.

Zwei Welten treffen aufeinander: eine, die wir als vernünftig oder rational ansehen und die andere, die einer Traumlogik folgt, die assoziativ ist, beinahe spielerisch. Warum kommen Gedanken zu uns? Warum denken wir, was wir denken? Warum drängen sich Bilder auf, die uns bedrängen? Was ist ihr Sinn?

Der Traum träumt, was er will

Wir vermuten etwas, aber wir wissen es nicht genau. Was wir wissen, ist, dass sich diese Welt der Beherrschbarkeit und der Rationalität immer wieder entzieht. Wir vermögen weder unsere Träume, Empfindungen oder Gefühle noch unsere Bilderwelt so zu steuern, dass wir einen Zugriff auf sie haben. Der Traum träumt, was er will.

Die Welt ist für den verwirrend, der sich lediglich an den Verstand hält. Abbild dieser Rationalität ist jedes Computerprogramm. Es impliziert eine reine Logik mit der Folge, dass wir nie genau sagen können, ob wir das Programm nutzen oder ob das Programm uns gelernt hat, nur das zu tun, was es zulässt, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Wir bewegen uns dabei in einem Regelbereich, der durchschaubar ist und dennoch eigenartig fremd anmutet. Unser Alltagsempfinden meint, dass logische Folgerungen für sich gesehen diskutierbar wären. Beispielsweise ruft jemand „Halt!“, dessen Autorität wir nicht anerkennen wollen, dann setzen wir uns über sein Kommando hinweg. Wir handeln zwar nicht irrational, weil wir ja unsere eigenen Gründe dafür haben, aber wir handeln nicht in jenem Regelkreis, zu dem das „Halt!“ gehört.

Es liegt an uns, wie sich der Roboter verhält

Es gibt viele solcher logischen Kreise, die sich überschneiden oder ignorieren oder gegenseitig ausschließen. Die Hoffnung setzt nun auf ein zu Grunde liegendes Gesetz, nach dem wir uns alle richten können. Beispielsweise wären im Unterricht durch Argumente Muster einzuüben, nach denen diskutiert werden kann oder im Umgang mit Computer und IT gewisse Strategien zu erlernen, durch die etwas gesteuert werden kann. Das zeigt im Umkehrschluss, dass die Welt komplexer ist, als wir sie uns vorstellen.

Gerade die Robotertechnologie liefert den Beweis dafür, dass es an uns liegt, wie sich der Roboter verhält. Er reagiert auf ein abgestecktes, genau festgelegtes Schema an Aktionen unsererseits. Das können Bewegungen, Sprache, Befehlszeilen oder Programme sein. Aber alle sind so gestaltet, dass erst wir sie erlernen müssen, sie dann im Computer programmiert werden, um am Ende gegenseitig voneinander zu profitieren.

Dem Computer ist das Irrationale fremd

Der Computer folgt keiner Traumlogik, ihm ist das Irrationale fremd. Der Mensch jedoch ist Bewohner mehrerer Welten, die er beliebig betreten kann und die rational, irrational oder a-rational sein können. Die Vielfalt ist Segen und Fluch zugleich, vor allem dann, wenn es um Eindeutigkeit geht. Wenn ich in meine Traumwelt hinübergleite und mir am nächsten Morgen Träume verwirrend oder unlogisch vorkommen, dann gehört auch das zu mir.

Es ist meine andere Seite. Sie benötigt zwar ein anderes Instrumentarium, eine andere Begrifflichkeit, um sie zu erforschen, doch sie ist unleugbar vorhanden. Ebenso wie es ein Sonnenstrahl ist, der verschiedene Empfindungen und Bilder in uns auszulösen vermag, ist auch ein Gedicht, ein Kunstwerk, ein Computer, eine Maschine, ein Tisch, ein Gedanke, eine Empfindung, eine Hoffnung oder ein Traum dazu imstande. Sie alle gehorchen ihrer eigenen Logik und haben eine eigene Daseinsberechtigung. Es liegt an uns, sie bewusst zu erfahren, indem wir uns darauf einlassen. Das Leben ist weder rational noch irrational. Es ist einfach nur anders.

Jean Baudrillard: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen. Frankfurt 2007.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über den Menschen und die Künstliche Intelligenz.

Ihr Autor

Wolfram Frietsch

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Erstellt:
4. Dezember 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 06sec

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