„Das Murgtal braucht diese Schule“

Gernsbach (stj) – Was sagen die Gernsbacher Gemeinderatsfraktionen und die AfD zur Diskussion um die HLA Gernsbach? Das Badische Tagblatt hat nachgefragt.

Eine von zwei beruflichen Schulen, die der Landkreis Rastatt in Gernsbach unterhält: Die Zukunft der Handelslehranstalt scheint derzeit nicht gesichert. Foto: Juch

© stj

Eine von zwei beruflichen Schulen, die der Landkreis Rastatt in Gernsbach unterhält: Die Zukunft der Handelslehranstalt scheint derzeit nicht gesichert. Foto: Juch

Uwe Meyer (Fraktionsvorsitzender der Freien Bürger): Die Freien Bürger werden alles Mögliche tun, um die HLA in Gernsbach zu halten. Wir werden hierzu die Vertreter im Kreistag ansprechen und unsere Argumente vorbringen. Die HLA ist seit vielen Jahrzehnten erfolgreich unterwegs, junge Menschen auf dem zweiten Bildungsweg die Grundlagen für ein erfolgreiches Berufsleben zu vermitteln. Die Region braucht diese Schulform. Die Stadt Gernsbach braucht diese Schule. Das Murgtal braucht diese Schule. Es macht keinen Sinn, die Schüler von Forbach nach Bühl oder Rastatt zu schicken.

Frauke Jung (Fraktionsvorsitzende der CDU): Zweifelsohne halten wir die HLA Gernsbach für eine wichtige Schule, die eine tolle Arbeit leistet und die darüber hinaus auch in einem guten baulichen Zustand ist. Der Gemeinderat hat aber keine eigene Entscheidungsbefugnis hinsichtlich der weiteren Zukunft der Schule, da die Stadt nicht Schulträger ist. Wie in allen kommunalen Entscheidungsprozessen ist uns Offenheit und Transparenz wichtig. Abzuwägen sind auch städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten, die sich durch eine Nutzung der Immobilie und der Parkplätze ergeben könnten. Unser Bildungsstandort ist gut und gegenüber anderen Kommunen beispielhaft.

Zur Bewertung der Zukunftschancen der HLA muss der Gemeinderat wissen, welche Schularten derzeit an der HLA angeboten werden und wie sich diese in den letzten Jahren auf die Schülerzahlen ausgewirkt haben – zum Beispiel die Einrichtung der Wirtschaftsoberschule. Noch liegen die aktuellen Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr unseres Wissens nicht vor. Im Übrigen halten wir die derzeitige öffentliche Diskussion ohne Kenntnis wesentlicher Fakten nicht für zielführend. Aus unserer Sicht wird es nicht dazu führen, dass sich die Anmeldezahlen für das nächste Schuljahr erhöhen.

Dr. Irene Schneid-Horn (Fraktionsvorsitzende der SPD): Das Regierungspräsidium Karlsruhe bewirtschaftet die Schule im Bereich der Lehrerversorgung, der Landkreis ist Träger und bewirtschaftet die Schule im Bereich des Gebäudes, der Sachmittel und des Trägerpersonals. Ein qualifiziertes Mitspracherecht der Stadt Gernsbach gibt es nicht. Verwaltungsrechtlich sicherstellen kann die Stadt den Bestand der HLA nicht. Dennoch ist die HLA wichtiger Player am Bildungsstandort Gernsbach und deshalb von hoher kommunaler Bedeutung. Wir müssen mit dem Landkreis und dem Land (RP) in einen intensiven Dialog treten, um sicherzustellen, dass die Bedeutung der HLA für Gernsbach und das mittlere Murgtal erkannt und gewürdigt wird. Gleichwohl sollten wir mit den Schulen in unserer Trägerschaft und der HLA in Dialog treten, um auszuloten, wie die Kooperationen rasch und wirksam gestärkt werden können.

Schwerpunktsetzung auf Umwelttechnologie

Birgit Gerhard-Hentschel (Fraktionsvorsitzende der Grünen): Die Zusammenarbeit der Schule mit den umliegenden Gemeinschaftsschulen und Realschulen funktioniert gut. Das alleine genügt aber nicht. Nachdem das Thema E-Commerce nach Rastatt geschickt wurde, braucht es in Gernsbach neue Bildungsbereiche. Gedacht werden könnte an eine Schwerpunktsetzung im Bereich Umweltökonomie. In den Bereichen Klimaschutz und Umwelt hat sich die Schule bereits einen Namen gemacht. Hierzu sollte dringend mehr Werbung und Öffentlichkeitsarbeit gemacht und mit lokalen Ideenträgern zusammengearbeitet werden. Eine Ausrichtung auf die Bereiche Umwelt und Energie gäbe den Schülern die Chance, ideal für eine Ausbildung in der Branche Umwelttechnologie vorbereitet zu sein. Auch weil hier eins der führenden Solarunternehmen Mittelbadens ansässig ist, ist Gernsbach optimaler Standort für einen Schwerpunkt im Bereich Umwelttechnologie im Schulsektor.

Zu bedenken ist auch, dass die Gemeinschaftsschule in Gernsbach über keine Oberstufe verfügt. Ab dem kommenden Jahr stehen die ersten Absolventen in den Startlöchern. Für sie bietet die HLA das optimale aufbauende Bildungsangebot. Deswegen sollte eine Entscheidung zurückgestellt werden, bis an den Gemeinschaftsschulen in Gernsbach und Gaggenau die ersten vier Jahrgänge die zehnte Klasse absolviert haben werden. Alles andere wäre eine schwerer Schlag gegen die Bildungsgleichheit.

Dr. Ernst-Dieter Voigt (AfD): Wir sind uns im Gemeinderat alle darin einig, gegen eine mögliche Schulschließung vorgehen zu müssen. Nur wie, ist noch nicht klar. Diese einhellige Meinung in der Öffentlichkeit zu kommunizieren, ist schon etwas. Den Bildungsstandort stärkt man, indem man ihn nicht schwächt.

Meyer: Die HLA hat offensichtlich zurückgehende Schülerzahlen, wobei die Nachfrage aus dem Murgtal nach wie vor hoch ist. Wir erwarten uns eine breite Allianz der Murgtalkommunen, um diese Einrichtung zu halten. Auch das Argument des geringen Zuschussbedarfs sollte bei den Kreisräten ankommen. Wir appellieren an alle Kreisräte, der Verantwortung für das Murgtal gerecht zu werden. Alle Maßnahmen der Strukturförderung bewirken weniger als die dauerhafte Sicherung vorhandener Einrichtungen.

Jung: Das Angebot der Schularten an der HLA ist abhängig von den Schülerzahlen. Wir gehen davon aus, dass RP und Landkreis Empfehlungen für die weitere Entwicklung im September abgeben werden. Zum jetzigen Zeitpunkt über mögliche Szenarien zu spekulieren, halten wir für verfrüht.

Schneid-Horn: Schülerzahlen sind ein wichtiger Faktor bei der regionalen Schulentwicklung, aber bei weitem nicht der einzige. Die Schülerzahlen müssen kreisweit betrachtet werden. Im Rahmen der regionalen Schulentwicklung ist es möglich, Schülerströme so zu steuern, dass alle Berufsschulstandorte stabil und performant betrieben werden können. Auf diese Weise kann auch im mittleren Murgtal ein standortnahes kaufmännisches Bildungsangebot erhalten werden. Das ist letztlich eine Frage des Trägerwillens und des Willens der Schulverwaltung, des RP. Hier fehlen klare Signale. Es scheint so zu sein, als nutzten die Kreis- und die Schulverwaltung die kurzfristige Delle bei den Schülerzahlen, um durch die Schließung langfristige Einsparungen zu realisieren – auf Kosten der Murgtäler Schüler, die dann nach Rastatt, Baden-Baden oder Bühl fahren müssten, um ein kaufmännisches Bildungsangebot wahrzunehmen.

Gerhard-Hentschel: Die demografische Entwicklung rechtfertigt den Aufschub einer Entscheidung über eine mögliche Schließung. Statt darüber nachzudenken, sollte das Rektorat schnellstens neu besetzt werden. Derzeit lasten alle Führungsaufgaben auf den Schultern der Stellvertreterin, die einen guten Job macht, aber auch die Herausforderungen der Corona-Krise im Griff haben muss. Damit wird ein erfolgreicher Aufbau neuer Ideen praktisch unmöglich.

Meyer: Die Konzentration der Einrichtungen auf die Großen Kreisstädte schwächt die strukturschwächere Region des Murgtals. Wir haben seit einigen Jahrzehnten das Problem, dass die Industriebetriebe wegen fehlender Fläche das Murgtal verlassen. Ein adäquater Ersatz für die fehlenden Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen ist nicht in Sicht. Daher sind wir Gemeinden im Murgtal auf jede Einrichtung angewiesen, die Wertschöpfung generiert, sei es durch Arbeitsplätze oder wie hier durch die Schüler selbst. Wir müssen um jeden Arbeitsplatz, um jede Einrichtung im Murgtal kämpfen, um die Wohn-und Lebensqualität wenigstens zu erhalten. Was nützen uns die Maßnahmen der Strukturförderung – zum Beispiel im Bereich Tourismus oder Breitband –, wenn die Menschen wegziehen.

Jung: Grundsätzlich sprechen wir uns als CDU-Fraktion in Zeiten von klammen Kassen immer dafür aus, pragmatische Lösungen zur Erledigung der kommunalen Aufgaben auch interkommunal zu lösen.

HLA ein bedeutender Faktor und Imageträger

Schneid-Horn: Eine Schulschließung ist keine Alleinentscheidung weniger Personen. Selbstverständlich braucht es dazu den Dialog mit allen Beteiligten und Betroffenen. Der Arbeitskreis Schule und Kultur des Landkreises wird sich mit diesem Thema befassen müssen. Als Fraktion im Stadtrat legen wir größten Wert darauf, einen hochrangigen Vertreter des Landkreises zu diesem Themenkomplex befragen zu können. Wir erwarten auch, dass Landrat Toni Huber sich als Verantwortlicher in seiner Abwägung zwischen der Stärkung des ländlichen Raums und den Kreisfinanzen klar und öffentlich wahrnehmbar positioniert. Außerdem würden wir gerne als SPD-Fraktion mit der Schule selbst sprechen, um zu hören, welche Konzepte zur Schulentwicklung dort existieren und wie wir diese gegebenenfalls unterstützen können.

Gerhard-Hentschel: Die Entscheidung über die Zukunft der beruflichen Schulen liegt nicht beim Land, sondern auf Kreisebene. Damit kann ein breites Bündnis der Kommunalpolitik im Kreistag eine Schließung verhindern. Die Entscheidung sollte dabei nicht nur auf fiskalische Erwägungen gestützt werden. Eine gute Schulentwicklung im Murgtal kann und muss auf einem breiten Fundament stehen. Dazu gehört auch die traditionsreiche Schule in Gernsbach, die nicht nur den ländlichen Raum, sondern vor allem auch den zweiten Bildungsweg für die Absolventen von Real- Werkreal- und Gemeinschaftsschulen eröffnet.

Voigt: Zur Stärkung des ländlichen Raums dürfte die Landespolitik einer Schließung nicht zustimmen, denn das wäre das genaue Gegenteil. Das Murgtal ist eben wegen seiner Topografie ein Sonderfall und muss außerhalb des üblichen Rahmens behandelt werden.

Meyer: Wichtig ist, dass die Schüler aus dem Murgtal hier zur Schule gehen können, dass wir die Einrichtung weiterhin am Ort haben und dass der Landkreis die Belange der strukturschwachen Gemeinden berücksichtigt.

Jung: Unabhängig von der weiteren Entwicklung der HLA ist und bleibt der Schulstandort Gernsbach stark. Nach wie vor haben wir alle Abschlussmöglichkeiten, das ist wichtig und nicht selbstverständlich. Dafür hat sich auch die CDU-Fraktion in den letzten Jahren stark gemacht. Selbst bei der derzeitigen Haushaltssituation haben wir stets zum Ausdruck gebracht, dass wir bei der Bildung für unsere Kinder nicht sparen dürfen. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass wir im Murgtal, insbesondere mit der Stadtbahn, über ein gutes ÖPNV-Angebot zu allen beruflichen Schulen im Landkreis verfügen.

Schneid-Horn: Die HLA Gernsbach hält Bildungsangebote für Kinder mit Haupt- und mit Realschulabschluss vor. Damit schafft sie vor Ort Anschlüsse an die Sekundarschulen – unabhängig davon, ob diese zum Realschulabschluss, zur Fachschulreife oder zur Fachhochschulreife führen. Der Wegfall dieser Anschlüsse hätte eine unmittelbare Auswirkung auf die Bildungschancen der Schüler und damit auf das Leben unserer Bürger. Das Image der Stadt Gernsbach als Bildungsstandort hängt davon ab, wie stark sie sich für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Strukturen einsetzt. Hier sehen wir über alle Fraktionen und die Verwaltung hinweg einen stabilen Konsens. Wir sind überzeugt, dass im konstruktiven Zusammenwirken aller Beteiligten eine gute Lösung gefunden werden kann, die der HLA eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung ermöglicht.

Gerhard-Hentschel: Leider bekommen gerade die Gemeinschaftsschulen allgemein noch nicht ausreichend Rückendeckung im Land. Mit der Schließung der HLA würde der Druck auf die Eltern zu einer Entscheidung pro Gymnasium erhöht werden. Dies würde die Bildungslandschaft im Murgtal durcheinanderwirbeln. Zum einen würde die Tendenz, Schüler gleich im Gymnasium anzumelden, steigen. Zum anderen wäre damit zu rechnen, dass das Vertrauen in die Gemeinschaftsschule sinken würde. Dies hätte eine Abnahme der Zahl der Schüler dort zur Folge und würde gerade das konterkarieren, was Ziel der Gemeinschaftsschule ist, nämlich das Spektrum für alle Kinder – gleich welchen Bildungsniveaus – zu bieten. Es entstünde eine loose-loose-loose- Situation, von der letztlich keiner profitieren könnte.

Voigt: Der „Gernsbacher Weg“ ist für das Image der Stadt ein bedeutender Faktor und ein Imageträger – wie die Papiermacherschule.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.