Das Murgtal in die Welt hinaus getragen

Gernsbach (stj) – Mehrere ehemalige Schüler der Handelslehranstalt Gernsbach setzen sich für den Erhalt ihrer alten Schule ein. Am 18. Mai befindet der Kreistag über das Schicksal der Einrichtung.

Bald nur blanker Hohn? Der ehemalige Schulsprecher Mustafa Özkan steht vor dem Schriftzug am HLA-Gebäude, der „beste berufliche Aussichten verspricht“. Foto: Omar Jaafar

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Bald nur blanker Hohn? Der ehemalige Schulsprecher Mustafa Özkan steht vor dem Schriftzug am HLA-Gebäude, der „beste berufliche Aussichten verspricht“. Foto: Omar Jaafar

Der ehemalige Klassen- und Schülersprecher Mustafa Özkan und die einstige Klassensprecherin Jennifer Fuchs sehen gute Argumente, die engagierte HLA im Murgtal fortzuführen.

Özkan war seiner Erzählung nach „zwar nur ein Schuljahr auf der Schule, aber trotzdem konnte ich erfolgreich im Berufskolleg ,Verzahnung‘ einen Abschluss absolvieren und bin allen Beteiligten sehr dankbar“. Das gilt besonders, weil der Wintersdorfer „auf der HLA Rastatt und auf der Robert-Schuman-Schule keinen Platz bekam, hatte ich nur noch eine Möglichkeit: die HLA Gernsbach“.

Der heute 21-jährige nahm den weiten Weg von seinem Dörfchen am Rhein aber gerne auf sich: „Ich bin jeden Schultag morgens einundeinhalb Stunden mit Bus und Bahn von Wintersdorf nach Gernsbach gefahren und mittags wieder zurück nach Hause. Drei Stunden am Tag, die ich für meinen Schulweg in Kauf genommen habe, da ich gerne zur HLA gegangen bin“, betont Özkan und bedauert mit Blick auf die „unvergessene schöne Zeit“ die drohende Schulschließung.

Das Argument sinkender Schülerzahlen lässt der ehemalige Schulsprecher, der inzwischen bei der Stadt Baden-Baden eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert, nicht gelten. Die komplette Schließung sei falsch, zumal gelte: „In kleineren Klassen kann man viel besser lernen und im Unterricht mitmachen als in einer Klasse mit 30 Schülern.“ Die Verantwortlichen im Kreistag sollten sich daher sehr genau überlegen, welche Auswirkungen eine Schließung für viele jungen Menschen im Murgtal habe.

Özkan verweist zudem auf das ungewöhnlich hohe Engagement der Lehrer, die ihren Schützlingen zahlreiche Projekte ermöglichten. So traf der 21-Jährige auf der Übungsfirmenmesse (ÜFA) in Pforzheim den FDP-Spitzenpolitiker Hans-Ulrich Rülke, der sich für das Angebot der Murgtäler interessierte und Halt machte an dem Stand der Gernsbacher.

Sehr gerne erinnert sich Özkan auch an eine besondere Auszeichnung: Acht Schüler nahmen 2019 bei der „Lass ma machen-Challenge“ teil. Unterstützt vom Bundesumweltamt wurden bei dem Wettbewerb deutschlandweit Aktionen gesucht, die wirkungsvoll zum Erreichen der Klimaziele beitragen. Gemeinsam mit dem Verein Regenerative Energien Mittelbaden baute die HLA ein acht Meter hohes, funktionierendes Windrad auf dem Weidenhof in Staufenberg auf. „Dadurch sind wir unter die besten Drei gekommen und wurden zu einem Workshop im Umweltbildungszentrum in Berlin eingeladen“, erzählt Özkan. Verschiedene weitere Projekte in dem Schuljahr wie die DKMS-Aktion, bei der sich 86 Schüler im Alter von über 17 Jahren im Kampf gegen Blutkrebs beteiligten und sich registrieren ließen, sprechen für das hohe Engagement der HLA-Absolventen.

Das gilt ebenso für die Weihnachtsaktion, bei der der Wintersdorfer zusammen mit Devin Aksu und Jennifer Fuchs in den HLA-Klassen Kleinigkeiten gesammelt und in Kartons verpackt hatte. „Anschließend wurden die Päckchen an das Wohnstift Gernsbach und an das Kinder- und Jugendheim Baden-Baden verschenkt.“

Green Leadership mit den Vereinten Nationen

Die heute 20 Jahre alte Forbacherin Fuchs bricht ebenfalls eine Lanze für den Erhalt der HLA. Sie hat drei Schuljahre (2017 bis 2020) dort verbracht, zwei davon war sie Klassensprecherin und hat in vielen Projekten mitgewirkt. Für sie war die kleine kaufmännische Bildungseinrichtung die nahe liegendste Schule, zumal sie im ersten Jahr noch keinen Führerschein hatte. „Die HLA Gernsbach bringt einem einfach viel mehr für das Leben bei, egal ob im Unterricht oder durch verschiedene Projekte.“

Besonders positiv sei ihr etwa das Jugendforum Green Leadership in Erinnerung, das Februar 2018 im Haus Lautenbach stattfand. Dabei konnten junge Leute lernen, wie man verantwortungsbewusst mit der zukünftigen Umwelt umgeht: „In einer Videokonferenz mit Studenten der Florida International University aus Miami wurden die unterschiedlichsten Meinungen und Ideen zum Klimaschutz ausgetauscht und zusammengetragen. Zudem fanden verschiedene Workshops zum Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit unter der Führung von Shamina de Gonzaga als Vertreterin bei den Vereinten Nationen, Leadershiptrainer Jason Higgins aus New York und Carina Auchter von der Jugendinitiative Baden-Württemberg statt.“

Fuchs unterstreicht auch das Thema Nachhaltigkeit, das an der HLA Gernsbach groß geschrieben werde. So sollten sich Schüler eigene Ideen ausdenken, um die HLA nachhaltiger zu gestalten. Dabei seien richtungsweisende Ideen entstanden wie ein Müllspiel, bei dem die Mülltrennung spielerisch dargestellt wurde, ein Kleidertauschprojekt oder die Organisation eines Veggie-Days (Essen für die Zukunft: Vergleich diverser Ernährungsformen); auch habe man das Konsumverhalten von Schülern untersucht und hinterfragt.

Nicht zuletzt profitiere die Forbacherin noch heute von der Teilnahme am BEO-Wettbewerb für berufliche Schulen von der Baden-Württemberg Stiftung. Dabei musste Fuchs sowohl am Stand als auch auf einer großen Bühne vor größerem Publikum den Mut aufbringen, zu sprechen und die Verantwortung zu übernehmen, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das die Zukunft verbessert.

Gewichtiger Faktor für die Anziehungskraft

Mit Schreiben an Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), Peter Hauk (CDU), Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, sowie Regierungspräsidentin Sylvia Felder, Landrat Toni Huber und den Rastatter Kreistag setzen sich vier Murgtal-Bürgermeister mit einem flammenden Appell für den Erhalt der HLA Gernsbach ein. „Bei dieser Haltung sehen wir durchaus auch die Fakten der seit Jahren rückläufigen Schülerzahlen“, heißt es in dem von Katrin Buhrke (Forbach), Daniel Retsch (Weisenbach), Julian Christ (Gernsbach) und Markus Burger (Loffenau) unterzeichneten Schriftstück: „Der Widerspruch liegt unseres Erachtens jedoch auf Landesebene angesiedelt: Die Entwicklung und die Stärkung des Ländlichen Raums ist seit Jahren eins der beherrschenden Themen, durchaus beachtliche Fördervolumina werden vom Ministerium Ländlicher Raum zugeteilt und dienen der Erreichung dieses Ziels. Eine wichtige Bildungseinrichtung zu schließen, konterkariert diese Bestrebungen und Bemühungen ausgerechnet am ersten und wichtigsten Schritt einer jeden Entwicklung – der Bildung.“

Hoffnung ergebe sich nun aus dem neuen Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landesregierung. Dort werde die Wichtigkeit erkannt, auch kleinere Standorte zu erhalten, und der Notwendigkeit von Bildungseinrichtungen in der Fläche ausdrücklich Rechnung getragen. „Insbesondere sollen auch weiterhin Bildungseinrichtungen in ländlichen Regionen angesiedelt und erhalten werden. Defizite einzelner Regionen werden ausgeglichen. Auch dezentrale Aus- und Weiterbildungsangebote sowie Landeseinrichtungen und -behörden sind wichtige Aspekte.“

Die Gemeinden Forbach, Weisenbach, Loffenau und Gernsbach sehen in der HLA Gernsbach einen gewichtigen Faktor für die Anziehungskraft des mittleren Murgtals als Wohnort, Wirtschaftsstandort, die Attraktivität als künftigen Unternehmensstandort sowie die Ausbildungsbereitschaft der ansässigen Lehrbetriebe. Die HLA Gernsbach als kleinen, leistungsfähigen Bildungsstandort zu stärken, „sehen wir als wichtigen und richtigen Schritt für unsere Region und den Landkreis an und setzen uns daher als Kommunen des mittleren Murgtals für den Erhalt ein“.

Jonas Weber: „HLA Gernsbach muss bleiben“

„Für mich gibt es absolut keinen Zweifel, dass die HLA Gernsbach erhalten bleiben muss.“ Das betont der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Jonas Weber. Die Argumentation derjenigen, die die Schule schließen wollen, bezöge sich überwiegend auf die Schülerzahlen. Doch sehe er es gerade umgekehrt. „Die schon lange Zeit gärende Schließungsabsicht, noch unterstützt durch nicht erfolgte konsequente Maßnahmen zur Schulentwicklung, spiegelt sich unmittelbar in rückläufigen Schülerzahlen wider“, so Weber: „Dem müssen wir als Kreistag Einhalt gebieten und der Schule alle Möglichkeiten eröffnen, dass sie als wichtiger Bestandteil der vielfältigen Bildungseinrichtungen mit enormer Bedeutung für unseren Landkreis, aber vor allem für das Murgtal, gestärkt wird.“

Auch die SPD-Kreistagsfraktion hat sich eindeutig positioniert und setzt sich dafür ein, die HLA als wichtigen Mosaikstein im Attraktivitätsportfolio des ländlich geprägten Murgtals „aufzupolieren“. Hier setze man auch auf den aktuellen Koalitionsvertrag, in dem es heißt: „Wir setzen die Standortpolitik für die ländlichen Räume fort. Insbesondere sollen auch weiterhin Bildungseinrichtungen in ländlichen Regionen angesiedelt und erhalten werden.“

Zudem habe man gerade im Hinblick auf die Lehrerversorgung im ländlichen Raum die Priorität erkannt und statt gleichmäßiger Zuweisungen seien schulbezogene Stellenausschreibungen für den ländlichen Raum möglich, bekräftigt Weber: „Wir begrüßen deshalb, dass sich zumindest die Grünen als Ortsverband Murgtal und die grüne Fraktion im Gernsbacher Gemeinderat für den Erhalt der HLA ausgesprochen haben. Ob sie hierbei von ihren Kreistagsmitgliedern unterstützt werden oder kalt abblitzen, bleibt abzuwarten“, sagt Renate Schwarz für die SPD-Kreistagsfraktion.

Sylvia Felder: Bildungsgänge vor der Aufhebung

Regierungspräsidentin Sylvia Felder hat mit zwei Schreiben auf die jüngste Kritik reagiert, die ihre Behörde im Zusammenhang mit den Schließungsabsichten der HLA Gernsbach erreicht hatten. Inhaltsgleich wendet sich die CDU-Politikerin darin an die erste Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau, Claudia Peter, sowie an den Betriebsrat des Mercedes-Benz-Werks Gaggenau. Für die Stabilisierung einer Schule spiele neben den Maßnahmen der aktiven Schülerlenkung und der regionalen Schulentwicklung auch immer die Bereitschaft der Unternehmen zur Ausbildung innerhalb der jeweiligen Region eine wichtige Rolle, heißt es darin: „Neben rückläufigen Ausbildungszahlen sind leider in den letzten Jahren zusätzliche Abwanderungstendenzen von der HLA Gernsbach zu verzeichnen, unter anderem durch die Verschiebung der Industriekaufleute der Daimler AG aus Gaggenau vor zwei Jahren von der HLA Gernsbach zur HLA Rastatt. Darüber hinaus stellen wir seit einige Jahren im Vollzeitbereich aufgrund der freien Schulwahl einen gravierenden Rückgang der Bewerbungen an der HLA Gernsbach fest.“

Dies habe laut Felder nunmehr zur Folge, dass zwischenzeitlich einzelne Bildungsgänge im dualen System, aber auch im Vollzeitbereich kurz vor der Aufhebung stehen. „Dies stellt keine Kann-Option dar, sondern ist gültige und bindende Rechtslage.“ Die Aufhebung der Bildungsgänge wäre damit gleichbedeutend mit dem Verlust für den ganzen Landkreis, betont die Regierungspräsidentin, die in Gernsbach zuhause ist: „Demgegenüber erscheint unseres Erachtens die Schließung der Schule insgesamt verbunden mit der Verlagerung einzelner Bildungsgänge innerhalb des Landkreises gegenüber einer zwingenden Schritt-für-Schritt-Schließung als vorzugswürdig.“

Murgtal bleibt weiter „prominent verortet“

Des Weiteren verweist Felder darauf, dass durch eine Verlagerung der dualen Ausbildungsgänge nach Rastatt „neben einer guten infrastrukturellen Anbindung an das Murgtal auch weiter die gewohnt gute technische Ausstattung der Schule gegeben wäre, da der Landkreis Rastatt diese als Schulträger an all seinen Schulen in besonderem Maße gewährleistet. Zusätzliche Kontinuität besteht darin, dass auch die Lehrkräfte an die HLA Rastatt und die anderen Kreisschulen wechseln würden, welche die Besonderheiten der HLA Gernsbach mit in das Schulleben der neuen Schulen transportieren könnten.“

Zu guter Letzt unterstreicht Felder mit Verweis auf die Carl-Benz-Schule in Gaggenau und die Papiermacherschule in Gernsbach, dass das Murgtal auch nach einer Schließung der HLA Gernsbach in der Schullandschaft des Regierungspräsidiums Karlsruhe „prominent verortet“ bliebe.

Auf der „ÜFA-Messe“ in Pforzheim traf Mustafa Özkan (von links) FDP-Politiker Hans-Ulrich Rülke mit Mitschülerin Seray Öztürk und Lehrerin Elke Bartling. Foto: HLA

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Auf der „ÜFA-Messe“ in Pforzheim traf Mustafa Özkan (von links) FDP-Politiker Hans-Ulrich Rülke mit Mitschülerin Seray Öztürk und Lehrerin Elke Bartling. Foto: HLA

Ihr Autor

den BT-Redakteuren Hartmut Metz und Stephan Juch

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Erstellt:
13. Mai 2021, 14:03 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 10sec

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