„Das System ist einfach zusammengebrochen“

Gaggenau (red) – Der Leiter der Gaggenauer Altenhilfe kritisiert eine mangelhafte Versorgung der Pflegeeinrichtungen mit Schutzausrüstung.

Peter Koch (vorne, links) bei der Auslieferung der bestellten FFP2-Schutzmasken. Diese sollen auch anderen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Foto: G. Modlich/Denkwirkstatt

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Peter Koch (vorne, links) bei der Auslieferung der bestellten FFP2-Schutzmasken. Diese sollen auch anderen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Foto: G. Modlich/Denkwirkstatt

Bei der Gaggenauer Altenhilfe sind 10 000 FFP2-Atemschutzmasken (Filtering-Face-Piece-Masken) angekommen. Geschäftsführer Peter Koch freut sich über diese Lieferung, kritisiert aber im gleichen Atemzug die Politik: Bereits im Januar habe es deutliche Warnungen vor der Corona-Pandemie gegeben, „jetzt ist Mitte April, und wir würden mit leeren Händen dastehen, wenn wir nicht selbst handeln würden“.

Intensive Recherche habe trotz extrem angespannter Marktlage zum Erfolg geführt. Vor über einer Woche habe er bereits die Nachricht erhalten, dass die Masken in Deutschland angekommen seien, doch dann steckten sie am Flughafen im Zoll fest – „hier waren Formalitäten zu klären“.

Frühzeitige Abriegelung der Häuser, Reduktion der Kontakte auf ein mögliches Minimum, verschärfte Hygienemaßnahmen und das Bemühen um FFP-Schutzmasken: Damit will man bei der Gaggenauer Altenhilfe die Bewohner sowie die ambulant betreuten Menschen und die Mitarbeiter schützen.

Nur die FFP-Masken böten im professionellen Umfeld einen sicheren Schutz für Pflegepersonal und versorgte Personen. Sie seien „absolut notwendig, um Leben zu schützen“, sagt Koch. Zudem müsse der Gebrauch frühzeitig geübt werden, damit im Notfall alle Handgriffe sitzen: „FFP-Schutzmasken zu tragen ist nicht nur für den Kreislauf sehr anstrengend, sondern kann auch bei ungeübter Handhabung dazu führen, dass man sich dabei selbst kontaminiert.“

Koch ist auch Vorsitzender des Pflegebündnis Mittelbaden. Bei dessen Mitgliedern sei ebenfalls der Bedarf abgefragt worden. Dementsprechend würden die Masken an die Häuser weitergeben. „Die Corona-Krise ist die größte Herausforderung unseres bisherigen Berufslebens“, gibt Koch zu bedenken, „hier gilt es, als Gemeinschaft zusammenzustehen und zu handeln.“

Von Bund und Land hätten die Einrichtungen des Pflegebündnisses bislang nur eine sehr geringe Anzahl an FFP-Schutzmasken erhalten, verteilt durch Land- und Stadtkreis. Zum Osterwochenende sei eine größere Menge einfacher Mund-Nasen-Schutzmasken eingetroffen, die der Landkreis Rastatt organisiert hatte. Diese böten zumindest Personen einen Schutz, die nicht direkt „am Menschen“ arbeiten und die Zwei-Meter-Abstand-Regelung einhalten können. Aber einen Menschen waschen, anziehen, mobilisieren, ihm Nahrung reichen – das alles gehe nicht mit einem Abstand von zwei Metern.

„Firmen in Deutschland stärken“

„Wir freuen uns über diese Lieferung einfacher Mund-Nasen-Masken“, so Koch, doch sei man sehr besorgt, dass man FFP-Schutzmasken nicht in ausreichenden Maße erhalten werde. Seit drei, vier Wochen hören wir, dass sich die Behörden bemühen, diese Schutzmasken zu besorgen. Doch alles, was wir bisher bekommen haben, reichte für wenige Tage und auch nur, sofern kein massives Ausbruchszenario auftritt“, klagt Koch und fährt fort: „Wir können nicht einfach schließen oder ins Homeoffice gehen. Wir sind hier im Auge des Orkans, kümmern uns um die Hauptrisikogruppe und bekommen fast keine Hilfe.“

Er verweist auf grundlegende Mängel: „Die Strukturen sind nicht da, die Vorräte sind nicht da. Das gesamte System ist auf ,just in time‘ ausgelegt und in dieser Pandemiesituation – die wir schon seit Jahren befürchten – einfach zusammengebrochen. Es gibt aus Kostengründen keine ausreichende Lagerhaltung von Schutzkleidung, Desinfektionsmitteln, Medikamenten und medizinischen Geräten.“ Dabei schreibe das „Nationale Pandemie-Protokoll“ von 2013 genau das vor. Koch hofft, dass die FFP-Schutzmasken reichen, bis die von der Regierung versprochene Schutzausrüstung endlich eintreffen werde. Koch abschließend: „Ich kann nur hoffen, dass die Landes- und Bundesregierungen einsehen, dass es nicht sein kann, nach der Krise wieder Billigprodukte zu Dumpingpreisen aus China zu beziehen. Bei uns ist nun mal die Produktion teurer und sind die Löhne höher – und das muss es doch wert sein, Firmen in Deutschland zu stärken und sich vor allem im Gesundheitsbereich Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit zu sichern.“


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