Das Theater meldet sich zurück

Baden-Baden (co) – Der Programm-Auftakt nach der Corona-Pause in der Hofbühne des Theaters mit Max Ruhbaum, Michael Laricchia und Nadine Kettler lockte am Wochenende die ersten Besucher wieder an.

Die zugelassenen 26 Besucher an 13 Bistrotischen kommen mit Schnelltest und Maske, was für ihren Hunger nach aktivem Theaterleben spricht. Foto: Conny Hecker-Stock

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Die zugelassenen 26 Besucher an 13 Bistrotischen kommen mit Schnelltest und Maske, was für ihren Hunger nach aktivem Theaterleben spricht. Foto: Conny Hecker-Stock

Es sei ein „unglaubliches Vergnügen“, das Publikum beim Hofbühnen-Programm im Innenhof des Theaters zu begrüßen, versicherte die derzeitige Intendantin Kekke Schmidt bei der Premiere am Freitagabend. Nach siebenmonatiger Schließung des Hauses merkte man auch den Ensemblemitgliedern ihre Lust auf Bühnenluft und lebendigen Austausch mit den Besuchern an.

In bewährter Weise übernahm Max Ruhbaum den Auftakt mit einer vergnüglichen Reise auf den Spuren von Mark Twain durch den Schwarzwald und speziell die Kurstadt, die er in etwas illustrer Erinnerung zu haben schien. „Reisen ist tödlich für Vorurteile“ stellte der Comedian als vorweggenommenes Fazit über Twains „Bummel durch Europa“, den er mit unzähligen Anekdötchen höchst unterhaltsam gespickt hatte. So erfuhren die Besucher von der Herkunft seines Namens durch seinen Job bei der Mississippi-Schifffahrt, dass Journalisten ihr Leben lang überlegen, was sie eigentlich werden wollen und dass eine gute Stegreifrede Minimum einen Tag Vorlauf braucht. Im Schwarzwald wollte er den Anblick eines verwegenen Wanderers bieten, haderte aber mit der „schrecklichen deutschen Sprache“, deren Grausamkeit Ruhbaum mit detailverliebten, herzerfrischenden Grammatikexkursen und ihren zahlreichen Ausnahmen belegte.

Nachdem Twain mit einem Floß über den Neckar geschippert war, ging die Reise weiter in die Kurstadt. Wo er sich neben dem geradezu euphorisch beschrieben Friedrichsbad vor allem an grobe Beleidigungen des Personals in quasi allen touristischen Sparten und betrügerische Geschäftsleute erinnerte. Immerhin war es ihm vergönnt, in der kleinen Kirche am Bertholdbad Kaiserin Augusta persönlich anzutreffen.

Im Plattenbau und im Palazzo-Bad

Als Tausendsassa in Sachen Sprachmodulation erwies sich Michael Laricchia, der sich mit Nadine Kettler den Samstagabend teilte bei Lesungen von Ingrid Lausund. Eben in seiner neuen Wohnung im Plattenbau angekommen, gefällt ihm gerade die konfektionierte, ästhetische Gelassenheit des Funktionalen in einer Wohnung „die nichts von einem erwartet“. Er enthüllte fiktiv ein überdimensioniert großes Bild des Jüngsten Gerichts und lud sich damit unerwartet ganze Heerscharen in sein Wohnzimmer, die jenem entstiegen und denen er durch stimmliche Differenzierung subtiles Leben einhauchte. Allen voran seine Mutter, deren verhauchte Stimme die ständigen Vorwürfe fast salbungsvoll klingen ließ. Immer mehr himmlische Posaunen wuchsen ins Zimmer, sein zynischer Kunstprofessor mischte sich ebenso ein wie seine weinerliche Therapeutin oder das rauchige Organ von Che Guevara, selbst ein Croissant sprach mit dem geplagten Menschen.

Nadine Kettler schließlich möchte sich doch nur dem Luxus ihrer Wellness-Oase hingeben. Diesem Traum eines italienischen Palazzo-Bades im venezianischen Stil, mit Carrara-marmorierter Badewanne, in die sie eine Wohlfühl-Badekugel nach der anderen gleiten lässt. Entspannt bewundert sie das in Richtung Michelangelo tendierende Fresko über ihr, und ihre Fantasie geht auf Reisen. Doch statt schäumendem, sinnlichem Vergnügen scheint sie sich Dämonen eingeladen zu haben, die sich wie eine Art Kopfkino immer dann in den Vordergrund schieben, wenn sie sich gerade hingeben möchte. Es entwickelt sich eine turbulente Szenerie im Bad, an Entspannung ist nicht mehr zu denken und irgendwie mag man jetzt auch gar nicht mehr mit ihrer Wohlfühloase tauschen. Die zugelassenen 26 Besucher an 13 Bistrotischen hielten sich an den geforderten tagesaktuellen Schnelltest und Maskenpflicht auch während der Vorstellung, was für ihren Hunger nach aktivem Theaterleben sprach.

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Erstellt:
31. Mai 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 38sec

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