„Das alles spaltet total“

Rastatt/Iffezheim (ar) – Vielen Elässern, die in Deutschland arbeiten, machen Anfeindungen zu schaffen. Von deutsch-französischer Freundschaft keine Spur.

Viel Geduld gefragt: Stau am Grenzübergang bei der Iffezheimer Staustufe. Fotos: Gangl

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Viel Geduld gefragt: Stau am Grenzübergang bei der Iffezheimer Staustufe. Fotos: Gangl

Das Corona-Virus kennt keine Grenzen. Und doch wurden in den vergangenen fünf Wochen die Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich geschlossen. Betroffen hiervon sind insbesondere die vielen Frauen und Männer, die in den Gemeinden und Städten entlang der Grenze arbeiten, an der Kasse im Supermarkt oder in den Büros am Schreibtisch sitzen, am Band stehen, in den Handwerksbetrieben tätig sind oder in Pflegeberufen im Einsatz sind. Viele Elsässer müssen aktuell erleben, dass sie kritisch, manchmal sogar feindselig beäugt werden.
Manches musste die deutsch-französische Freundschaft in den vergangenen Jahren schon ertragen, oft schon gab es aus Unverständnis auf beiden Seiten des Rheins. Doch derzeit wird offenbar viel Porzellan zerschlagen. „Ich bin stinkesauer auf die Verhaltensweise von uns Deutschen“, sagt Claus Haberecht, Geschäftsführer des Pamina-Rheinparks, der sich die Frage stellt: „War alles umsonst, was wir die letzten Jahrzehnte gemacht haben?“

„Wir Elsässer fühlen uns in Deutschland nicht mehr erwünscht, nur noch zum Arbeiten“, erzählt Marie-Renée Sitter. Sie arbeitet seit über 20 Jahren in der Geschäftsstelle des Pamina-Rheinparks im Riedmuseum in Ottersdorf und engagiert sich mit viel Leidenschaft für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. „Ich bin sprachlos, wie sich diese Stimmung mit so wenig kippen lässt“, sagt sie enttäuscht über die unangemessenen Erfahrungen, die auch ihre Tochter erleben musste. „Sie war einkaufen im Drogeriemarkt in Wintersdorf und wurde von der Aufsicht aufgefordert, das Geschäft zu verlassen, weil sie Elsässerin ist“, so Marie-Renée Sitter.

Hauptsache, der Rubel rollt

Ähnliche Erfahrungen machte Isabell V. aus Roeschwoog, die einen Lebensmittelmarkt verlassen musste, weil sie aus dem Elsass kommt. „Da sagt man, in der Corona-Krise müsse mehr Solidarität gelebt werden, aber wir erfahren gerade das Gegenteil. Hauptsache der Rubel rollt, und wir Elsässer kommen zum Arbeiten“, bedauert sie. Sie darf gemäß deutscher Verordnung ihre Fahrt vom Arbeitsplatz nach Hause nicht unterbrechen, benötigt morgens aufgrund der Kontrollen auf deutscher Seite an der Staustufe teilweise bis zu drei Stunden länger und spürt sogar an ihrem Arbeitsplatz die Ressentiments ihrer Kollegen gegenüber den „Menschen aus dem Corona-Risikogebiet“. Die Situation ist für sie so belastend, dass sie davon krank geworden sei, wofür auch ihr Chef Verständnis habe. „Das alles spaltet total, aber Europa muss weitergehen und wir können nur miteinander, aber die Politik kriegt das nicht auf die Reihe“, sagt Isabell V.

Nadine Schalck aus Seltz arbeitet seit 16 Jahren als Erzieherin im deutsch-französischen Kindergarten Le Petit Prince in Baden-Baden und war jetzt fünf Wochen lang freigestellt, nachdem das Robert-Koch-Institut das Elsass als Corona-Risikogebiet eingestuft hatte. Am Mittwoch war ihr erster Arbeitstag. Für die 23 Kilometer von Seltz nach Baden-Baden brauchte sie fast zwei Stunden. Ihrer Kollegin Fiona Wendling ging es noch schlechter: Sie wurde auf der Fahrt zur Arbeit in Baden-Baden gleich viermal kontrolliert, dreimal von der Gendarmerie, um gleich darauf nach dem Stau nochmals von der Bundespolizei kontrolliert zu werden. „Aber es war alles in Ordnung, wir gehen ja nur arbeiten“, sagt sie und weiß, dass der Einkauf in Deutschland nach der Arbeit nicht gestattet ist.

Man brauche zurzeit viel Geduld, aber schlechte Erfahrungen habe er noch keine gemacht, berichtet Stéphan Strasser aus Muenchhausen, der seit sechs Jahren in einem Handwerksbetrieb in Rastatt arbeitet. Er hofft, dass die Wintersdorfer Brücke bald wieder geöffnet wird. Und er wünscht sich andere Kontrollmaßnahmen wie zum Beispiel das Scannen der Kfz-Autokennzeichen, damit es nicht zu den kilometerlangen Staus kommt.

„Die Verordnungen müsste man lockern, und sie müssten insbesondere auch zwischen Frankreich und Deutschland besser abgesprochen werden“, fordert Robert Heimlich, langjähriger Bürgermeister von Forstfeld und Vorstandsmitglied der Grenzgänger-Vereinigung Elsass-Lothringen.


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