Das größte Problem ist die Menge

Baden-Baden (naf) – Die Tücken der Entsorgung von Elektrogeräten: Problematisch sind die Geräte, die nicht erfasst werden – denn viel Elektroschrott landet nicht dort, wo er hingehört.

Giftige Dämpfe: Um an das Kupfer zu gelangen, verbrennen Männer in Ghana die Ummantelung von Kabeln. Foto: Gioia Forster/dpa

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Giftige Dämpfe: Um an das Kupfer zu gelangen, verbrennen Männer in Ghana die Ummantelung von Kabeln. Foto: Gioia Forster/dpa

Insgesamt 853.000 Tonnen: So viele Elektro- und Elektronikgeräte wurden 2018 in Deutschland entsorgt. Das entspricht 10,3 Kilogramm pro Person, wie das Statistische Bundesamt jüngst mitteilte. Damit liegt Deutschland deutlich über dem EU-Durchschnitt von 8,9 Kilogramm pro Kopf. Problematischer sind jedoch die Zahlen, die nicht erfasst werden – denn viel Elektroschrott landet nicht dort, wo er hingehört.

Sammelquote bei 43,1 Prozent


Die Sammelquote von E-Schrott ist nicht sehr hoch, erklärt Stefan Klinkert, der beruflich mit weggeworfenen Elektrogeräten zu tun hat und ehrenamtlich für Greenpeace in Stuttgart arbeitet. Gerade mal 43,1 Prozent der in den drei Vorjahren im Durchschnitt auf den Markt gebrachten Geräte hat Deutschland 2018 gesammelt, das Jahresziel von 45 Prozent wurde damit leicht verfehlt. Um die EU-Vorgabe einzuhalten, müsste man hierzulande eine Sammelquote von 65 Prozent erreichen – davon ist Deutschland noch weit entfernt. „Viel landet im Hausmüll und einiges wird von Verkäufern illegal eingesammelt und weiterverkauft“, weiß Klinkert.

Laut einer Studie von Ökopol im Auftrag des Umweltbundesamts wurden im Jahr 2008 etwa 155.000 Tonnen Elektro-Altgeräte – als Gebrauchtgeräte deklariert – in Länder wie Nigeria, Ghana, Indien oder Südafrika exportiert. Laut Umweltbundesamt gibt es dort kaum professionelle Recyclingstrukturen. Häufig würden junge Menschen aus den nicht mehr funktionsfähigen Geräten einige wenige Wertstoffe gewinnen. Dabei riskieren sie nicht nur ihre Gesundheit, auch die Umwelt wird stark belastet. „Üblicherweise werden die Monitore auf den Boden geworfen, um sie zu zerstören. Die Kunststoffummantelung von Kupferkabeln wird weggeschmort. Dabei entwickeln sich giftige Dämpfe. Andere Geräteteile werden ohne jeglichen Arbeitsschutz im Säurebad aufgelöst“, schreibt das Umweltbundesamt. Um dem entgegenzuwirken, spricht sich der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung dafür aus, sich verstärkt auf das illegale Abgreifen und den anschließenden Verkauf von Altgeräten zu konzentrieren. Viele Exportfirmen würden weiterhin in diesem Bereich agieren – das gelte es zu unterbinden.

Klinkert macht auf einen weiteren Lösungsansatz aufmerksam: „Das große Problem ist überhaupt die riesige Menge an Geräten und, dass viele nicht mehr reparaturfähig sind.“ Viel werde unnötigerweise weggeworfen, kritisiert er, die Geräte seien schlichtweg nicht mehr auf dem Markt gewollt.

Software oft nicht mehr aktualisierbar


„Ein Computer, der älter als fünf oder sechs Jahre ist, kann auch von Bedürftigen nicht mehr benutzt werden. Die Software läuft darauf einfach nicht mehr.“ Smartphones, Computer, Tablets und Co. müssten so umgerüstet werden, dass auch eine neuere Software darauf gespielt werden kann – die Geräte also über einen längeren Zeitraum verwendbar sind, sagt Klinkert. „Das ist wirklich das größte Problem, die Menge an E-Schrott steigt immer mehr, und die Geräte werden auch schneller weggeworfen.“

Verwertungsquoten, darüber sollte mehr gesprochen werden, findet Klinkert. Klar sei, dass nicht alle Geräte repariert und wieder verwendet werden könnten. „Doch darauf wird gar nicht geschaut“, prangert er an, „es wird alles immer direkt zerlegt“. Unternehmen, die für die Entsorgung zuständig sind, hätten hauptsächlich ein Interesse darin, Wertstoffe zu filtern und weiterzuverkaufen.

Doch wer wäre letztlich für eine Überprüfung der Geräte verantwortlich, bevor sie zerlegt werden? Bereits bei der Abholung vom Wertstoffhof würden die meisten Geräte laut Klinkert endgültig beschädigt; der Wertstoffhof sei wiederum auch nicht verpflichtet, einwandfreie Geräte auszusortieren. Das gesamte Gesetz sei nun mal nur auf die stoffliche Verwertung ausgelegt, so Klinkert. „Aus ökologischer Sicht macht das zwar Sinn, die Wiederverwendung als solche wäre allerdings besser.“

Geräte vor dem Zerlegen prüfen


Es gäbe auch andere Möglichkeiten der Verarbeitung, betont Klinkert, der hauptberuflich für das gemeinnützige Sozialunternehmen Neue Arbeit in Stuttgart arbeitet. Langzeitarbeitslose Menschen erhalten dort eine Beschäftigung und wirken unter anderem bei einem Elektrorecycling-Projekt mit.

Das Besondere daran: Geräte werden per Hand von den Mitarbeitern in ihre Bestandteile zerlegt. Die Beschäftigten können also prüfen, ob Teile repariert und weiterverwendet werden könnten. „Die können dann beispielsweise an Sozialkaufhäuser weitergegeben werden.“ Neben der Verlängerung der Lebensdauer einzelner Geräte fordert Klinkert die Verhinderung von illegalem Export sowie eine Verbesserung der Trennschärfe, wenn die einzelnen Teile zerkleinert werden – das würde schon viel helfen.


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