Hospizausbildung in Rastatt und im Murgtal

Rastatt/Gernsbach (vgk) – BT-Mitarbeiterin Veronika Gareus-Kugel absolviert eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin und berichtet darüber. Kursleiter Martin Klumpp fragte sie nach seiner Motivation.

Wichtige Leitsätze, die Sterbebegleitern bei ihrer Aufgabe helfen, schreibt Martin Klumpp auf sein Chart. Veronika Gareus-Kugel

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Wichtige Leitsätze, die Sterbebegleitern bei ihrer Aufgabe helfen, schreibt Martin Klumpp auf sein Chart. Veronika Gareus-Kugel

Die Hospizausbildung beim Hospizdienst Rastatt/Hospizgruppe Murgtal-Gernsbach in Kooperation mit dem Hospizdienst Gaggenau soll den Teilnehmerinnen Sicherheit für spätere Einsätze am Bett eines Sterbenden geben. Ruhig und geduldig versucht Kursleiter Martin Klumpp diese so nah wie möglich an die Thematik des Sterbens, die Anzeichen dafür und die Kommunikationsführung heranzuführen.

„Gemeinsam verbringen wir mit ihm intensive Stunden, die uns Absolventinnen ein hohes Maß an Konzentration abverlangt. Im Grunde bin ich ein Eindringling in einer sehr intimen und privaten Situation, die es auszuhalten gilt, das wird schnell klar“, sagt Teilnehmerin und BT-Mitarbeiterin Veronika Gareus-Kugel, die das nachfolgende Interview geführt hat.

BT: Herr Klumpp, schaut man auf ihre Vita, ist Ihnen die Hospizarbeit ein großes Anliegen. Sie sind Mitbegründer des Hospizes Stuttgart. Zudem sind Sie seit 40 Jahren der Leiter von verschiedenen Trauergruppen in Stuttgart. Gab es in Ihrem privaten Leben oder als Pfarrer gemachte Erfahrungen, die sie bewogen, sich intensiv mit dem Hospizgedanken zu befassen?

Martin Klumpp: Das begann schon in der Kindheit. Wenn man in die Kirche ging, gab es Menschen, die sehr weinten. Meine Mutter sagte mir, dass deren Männer oder Söhne im Krieg gefallen seien. Das hat mich immer sehr bewegt, zumal ich auch Fliegerangriffe in unserem Keller erlebte und Angst hatte, wir könnten verschüttet werden. Später habe ich zusätzlich zum Theologiestudium eine therapeutische Ausbildung absolviert. Da wurde mir bewusst, dass die Menschen von heute große Schwierigkeiten haben, mit Sterben oder Trauer umzugehen. Wir lernen, dass man alles im Leben mit Verstand und Technik „bewältigen“ und überwinden kann. Wenn wir mit Trauer oder Sterben konfrontiert werden, erleben wir einen Sturm von Gefühlen, den man mit dieser Methode nicht in Griff kriegt. Umso hilfloser sind wir deshalb. Meine Frage war also, wie finden Menschen psychisch wieder Lebensbejahung, wenn sie das Gefühl haben, ihr ganzes Leben sei zerstört?

BT: Sie begleiten Sterbende und Trauernde, überdies sind Sie mit Ihrem Wissen im Rahmen von Hospizhelferausbildungsseminaren präsent. Wo liegen diesbezüglich Ihre Schwerpunkte und was möchten Sie den neuen Hospizhelferinnen und -helfern für ihre späteren Einsätze mit auf den Weg geben?

Klumpp: Ich will sie ermutigen, in Situationen hineinzugehen, die man nicht im Griff hat. Wenn man zu einem Sterbenden geht, gibt es kein Rezept, mit dem man alle Fragen lösen kann. Man muss eigene Hilflosigkeit ertragen können. Dann ist man nahe bei denen, die auch hilflos sind. Hospiz erspart den Menschen ihre Trauer nicht. Wir begleiten sie vielmehr auf den Wegen, die sie gehen. Außerdem möchte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hospiz zeigen, wie man die Gefühle eines Menschen genau wahrnimmt. Wenn die Betroffenen ihre Gefühle sagen können oder weinen dürfen, dann fühlen sie sich angenommen, manchmal auch geborgen. Sie sind dann nicht allein, sondern erleben Nähe. Natürlich sprechen wir auch darüber, wie Menschen das eigene Sterben wahrnehmen, was in ihnen psychisch vor sich geht. Dann haben die Begleiterinnen und Begleiter weniger Angst dazubleiben, wenn jemand stirbt.

BT: Was zu der Frage führt: Ist eine professionelle Distanz überhaupt möglich, ohne dass man dem Begleiteten das Gefühl gibt, einem nicht wichtig genug zu sein?

Klumpp: Wenn man ehrlich ist, stellt sich die professionelle Distanz von alleine ein. Wenn eine Mutter weint, weil ihr Kind gestorben ist, kann ich nicht sagen: „Ich verstehe, wie es Ihnen jetzt geht.“ Ich kenne mehrere Hundert Familien, die das erlitten haben. Aber ich habe es nicht selber durchgemacht. Also kann ich nicht so tun, als ob ich es selbst erfühlen könnte. Das wirkt wie eine Anbiederung. Ich muss ehrlich sein. Ich kann „begleiten“, da stecke ich nicht in diesem Menschen, sondern bleibe neben ihm. Ich gebe keinen Trost, der gar nicht tröstet. Ich lasse zu, dass jemand trostlos sein darf. Das ist Nähe, die den Menschen guttut.

BT: Gibt es in Ihrer Erinnerung in diesem Zusammenhang eine Begebenheit, die Sie noch heute berührt?

Klumpp: Besonders erinnere ich mich an eine ganz frühe Begebenheit. Ich war in einer Schule, in der man auch Latein, Griechisch und Hebräisch lernte. Deshalb ging das Theologiestudium schneller, und ich war schon mit 24 Jahren im Vikariat. Man sagte mir, ich solle eine Frau im Krankenhaus besuchen, die ein Kind tot geboren hätte. Zuerst hatte ich schreckliche Angst. So etwas lernt man im Studium gar nicht. Ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Als ich zu ihr kam, weinte die Frau und ich spürte, dass schneller Trost ihr gar nicht hilft. Aber was dann? Sie erzählte ein bisschen von dem, was sie erlebte. Ich wusste trotzdem keinen Trost. Als ich nach 40 Minuten wieder ging, weinte sie immer noch. Ich fühlte mich als der große Versager und war darüber traurig. Einige Wochen später wurde ich aus der Gemeinde verabschiedet. Da kam die Frau nach dem Gottesdienst freundlich auf mich zu, gab mir die Hand und sagte lächelnd: „Dass Sie zu mir kamen und so lange blieben, das vergesse ich mein Leben nicht“. Das erzähle ich immer als große Ermutigung in den Kursen. Ihr müsst nicht schnell trösten können. Wenn Ihr ganz da seid und dem Menschen helft, seine Gefühle in eurer Gegenwart zu fühlen, dann ist das hilfreich. Vorgestern habe ich auch etwas Bewegendes erlebt. Eine Frau im Hospiz war unglücklich, weil sie spürte, dass das Ende bald kommt, aber sie wusste nicht, „wie man das macht“. Ich sagte, dass das niemand vorher weiß, man könne sich einfach hinlegen, ruhig werden und warten bis das Ende kommt. Da war sie so froh, dass sie meinte, wenn ich jetzt so lange dabliebe und ihre Hand halte, ginge es vielleicht sehr bald.

BT: Herr Klumpp, wenn Sie sich in Bezug auf die Hospizarbeit etwas wünschen dürften, was wäre das?

Klumpp: Ich wünsche mir, dass es in unseren Hospizen keine Routine gibt, dass wir nicht mit fertigen Konzepten arbeiten, sondern jeden Menschen so nehmen, wie er ist. Wir wissen nicht vorher, wie es geht, sondern hören auf die Menschen. Außerdem wünsche ich mir, dass sich alle Menschen für dieses Thema öffnen. Dann leben wir bewusster und können leichter Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden.

BT: Zwei allerletzte Fragen noch: Wie kann eine Begleitung eine spirituelle Erfahrung sein? Und: Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Klumpp: Jede Begleitung ist eine spirituelle Erfahrung, weil die Menschen ihren Weg finden, den keiner vorher wissen kann und weil wir Kräfte entdecken, die keiner von uns machen kann. Besonders schön finde ich, dass dies nicht nur religiöse Menschen erleben, sondern auch jene, die im Alltagsleben keine religiöse Bindung hatten. Eine Frau sagte mir einmal staunend: „Da ist man so nahe am Ende und erlebt Dinge, die man noch nie erleben konnte“.

Zu Ihrer letzten Frage: Vor einigen Jahren war ich so krank, dass ich das Sterben ganz nahe fühlte, ja es sogar – wegen der schrecklichen Schmerzen – herbeisehnte. Ich war überrascht, dass ich in dieser Situation gar keine Angst empfand. Was aber geschieht, wenn ich wirklich sterbe, weiß ich nicht. Für mich ist es aber keine Tugend, ohne Angst zu sein. Immerhin erlebt man etwas, was man noch gar nicht kennt. Es ist ein Weg in fremdes Land. Da darf man doch auch Angst haben. Viele sind froh, wenn jemand da ist, andere sind beim Sterben lieber ganz allein.

Zur Person: Pfarrer mit psychologischen Kenntnissen

Martin Klumpp, Prälat im Ruhestand, wurde 1940 in Tübingen geboren, studierte evangelische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Er absolvierte zudem eine psychologische Zusatzausbildung in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Nach neun Jahren als Gemeindepfarrer in Sindelfingen wechselte er 1979 nach Stuttgart. Er gründete das Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart, die sogenannte Stadtakademie der Evangelischen Kirche. Sechs Jahre später wurde Klumpp Stadtdekan und 1998 Prälat von Stuttgart. Vor 40 Jahren initiierte Klumpp die Hospizbewegung in Stuttgart, leitete erste Trauergruppen.

Bis heute ist er ehrenamtlicher Vorsitzender des 1994 gegründeten Förderverein Hospiz Stuttgart. Ebenfalls ist Klumpp Gründungsmitglied des Evangelischen Betreuungsverein Stuttgart und langjähriger Vorsitzender des Vereins Evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik. 2015 wurde der Prälat i.R. mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

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Erstellt:
22. November 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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