„Das ist bald eine Todesliste“

Durmersheim (dm) – Ein ehrenamtlicher Helfer aus Durmersheim übt harsche Kritik an der Vergabe der Corona-Impftermine. Viele über 80-Jährige auf der Warteliste würden nicht berücksichtigt.

Corona-Impfung: Darauf warten viele über 80-Jährige lange. Foto: Oliver Berg/dpa

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Corona-Impfung: Darauf warten viele über 80-Jährige lange. Foto: Oliver Berg/dpa

Der Ärger über die Vergaben der noch immer zu wenigen Corona-Impftermine reißt nicht ab. Der Durmersheimer Joachim Fischer singt ein Lied davon. Als einer der Initiatoren und Leiter des Zirkels „Senioren im Netz 60+“ – der ehrenamtlich dem Familien- und Seniorenbüro angegliedert ist – kümmert er sich um Impftermine für Senioren im Ort. Und hat damit schon seine Erfahrungen gemacht – von Anmeldesystemen, die für alte Menschen zu kompliziert seien, über die schlechte Erreichbarkeit der Hotline bis hin zum „Windhundprinzip“ bei der Online-Anmeldung, bei der passieren könne, dass man, wenn man schon beim Ausfüllen des Formulars angekommen ist, noch immer das Nachsehen habe, wenn ein anderer schneller ist, weil der Termin eben nicht geblockt werde.

Nach vier Wochen noch keine Benachrichtigung

Die Einführung des Recall-Systems vor vier rund Wochen hätte das eigentlich verbessern sollen: Damit, so die Idee, kommt man, wenn man die Hotline 116117 erreicht hat, auf eine Warteliste für einen Impftermin und muss es nicht immer wieder aufs Neue probieren. Man werde dann benachrichtigt. Doch auch fast vier Wochen später warten immer noch viele auf eine solche Benachrichtigung, während andere es parallel schaffen, über die Homepage Termine zu bekommen, wie auch Fischer weiß, der schon zahlreiche Impfungen über www. impfterminservice.de klargemacht hat. Er habe aber einst auch über 50 Leute auf die Warteliste setzen lassen – und von diesen habe bisher noch niemand eine Impfterminnachricht bekommen, obwohl zwischendurch immer wieder welche über die Homepage neu ergattert werden konnten.

„Das ist bald keine Warteliste mehr, sondern eine Todesliste“, schimpft er. Die Menschen seien verärgert und fühlten sich im Stich gelassen. „Bald kommen die 70-Jährigen dran, da sind die 80-Jährigen noch gar nicht abtelefoniert.“

„Das Recall-System funktioniert“

Funktioniert schlicht das Recall-System nicht? Doch, heißt es in einer Antwort des Landessozialministeriums auf Nachfrage des BT. Allein: „Es ist immer noch zu wenig Impfstoff da.“ Die Terminvergabe an über 80-Jährige über die Warteliste finde Tag für Tag statt, aufgrund der großen Zahl von Personen und dem nach wie vor immer noch knappen Impfstoff dauere es „allerdings leider länger, bis alle auf der Warteliste einen Termin bekommen haben“. Von bisher rund 120.000 Personen, die zwischenzeitlich auf der Warteliste standen, seien bislang 45.900 „abgearbeitet“ worden. Und: „Aktuell arbeiten wir daran, wie die Impfung der übrigen rund 74.000 Einträge auf der Warteliste beschleunigt werden kann.“ Die Situation könne sich sowohl durch die Entscheidung der Ständigen Impfkommission, die Altersbegrenzung für den Impfstoff Astrazeneca aufzuheben, als auch durch eine avisierte Sonderlieferung von Biontech entspannen. Warum aber Personen, die es über die Homepage probieren, am Ende schneller dran sind, als Menschen, die bereits länger auf der Warteliste stehen – darüber wird in der Antwort des Ministeriums keine Aussage gemacht.

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
6. März 2021, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 27sec

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