„Das kann auf der Welt keiner so gut wie wir“

Baden-Baden – Grenke-Vorstandsvorsitzender Michael Bücker und Finanzchef Sebastian Hirsch sprechen im Interview über neue Geschäftsfelder und ihren Fokus auf Small-Tickets.

Wollen das Leasing-Portfolio ausweiten: Michael Bücker (links) und Sebastian Hirsch. Foto: Stefan Wichmann

© Stefan Wichmann

Wollen das Leasing-Portfolio ausweiten: Michael Bücker (links) und Sebastian Hirsch. Foto: Stefan Wichmann

Der Grenke-Konzern hat eine Verdoppelung von Neugeschäft und Gewinn bis 2024 angekündigt. Dies soll einerseits mit einem neuen Produkt-Portfolio erreicht werden, gleichzeitig sieht der Baden-Badener Leasing-Spezialist auch neue Geschäftsfelder im Zuge der Energiewende und will die Grenke Bank bei Finanzierungen stärker einbinden. Bei all dem bleibe der Fokus jedoch auf Small-Ticket, also Leasing für Objekte mit kleinerem Anschaffungswert. „Das ist und bleibt unsere Kernkompetenz“, sagt der Grenke-Vorstandsvorsitzende Michael Bücker im Interview, das Jürgen Volz mit ihm und dessen Stellvertreter und Finanzchef Sebastian Hirsch geführt hat.

BT: Herr Bücker, Herr Hirsch, der Ukraine-Krieg hält die Welt in Atem. Zur menschlichen Tragödie kommen auch wirtschaftliche Folgen. Inwiefern trifft dies Grenke?
Michael Bücker: Was in der Ukraine gerade passiert, ist eine humanitäre Katastrophe, und unser aller Mitgefühl gilt den vielen betroffenen Menschen. Was uns als Grenke betrifft, sehen wir keine Auswirkungen in unserem Geschäft, weil wir weder Geschäftsbeziehungen nach Russland noch in die Ukraine haben. Natürlich können sich aus diesem Krieg indirekte Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft ergeben. Aber auch bei Inflation und steigenden Zinsen ist unser Geschäft als klassischer Asset-Finanzierer sehr resilient. In Krisenzeiten ist die Rolle von Grenke für die Finanzierung von Investitionen um so wichtiger – weil wir unseren Kunden, den kleinen und mittelständischen Unternehmen, mit liquiditätsschonenden Leasing- und Nutzungskonzepten für anstehende Investitionen zur Verfügung stehen.
Sebastian Hirsch: Als Menschen und Europäer sehen wir die Entwicklung in der Ukraine mit großer Sorge. Mit Blick auf unser Unternehmen kann ich nur betonen, dass wir über eine starke Liquidität und ein solides Eigenkapital verfügen. Dafür haben wir in den vergangenen zwei Jahren hart gearbeitet. Deshalb sind wir zuversichtlich, was die Zukunft anbelangt.

BT: Schon länger belasten globale Lieferengpässe die Wirtschaft. Lieferketten sind unterbrochen, teilweise müssen Händler und Kunden lange auf Rohstoffe oder Waren warten. Wie macht sich das bei Grenke bemerkbar?
Bücker: Natürlich sind auch wir davon betroffen und sehen, dass die globalen Lieferketten weiter angespannt sind. Allerdings zeichnet sich insgesamt eine Besserung ab. Ein klares Indiz dafür sind die Ergebnisse unserer Vertriebsoffensive, die wir im letzten Quartal des vergangenen Geschäftsjahrs gestartet haben. Dieser Trend setzt sich jetzt auch im ersten Quartal 2022 fort.

BT: Haben die Lieferengpässe zu steigenden Preise geführt, etwa bei IT-Ausstattungen?
Bücker: Wir sehen insgesamt einen leichten Anstieg, was meiner Meinung nach aber nicht getrieben ist von einer besonders großen Nachfrage, sondern eher durch eine Verknappung des Angebots. Dies betrifft derzeit viele Wirtschaftsbereiche. Deshalb glaube ich nicht, dass uns die Inflation davon galoppiert. Wir als Grenke haben in dieser Hinsicht jedenfalls keine Sorgen.
Hirsch: Hinzu kommt, dass sich nicht nur die Händler, sondern auch die Kunden darauf einrichten, ihre Investitionen in kleinere Ausstattungen eher etwas längerfristig zu planen. Händler haben die Waren nicht immer sofort auf Lager, sondern zwischen Bestellung und Lieferung vergeht mehr Zeit. Auch unser Geschäft hat sich entsprechend eingependelt. Wir sehen an der einen oder anderen Stelle, dass die Preise zwar etwas steigen, aber insgesamt werden die Objekte für Anschaffungen, die über unsere Leasingverträge laufen, nicht signifikant teurer.

BT: Grenke ist in den vergangenen Jahren mit seinem Geschäft weltweit expandiert und inzwischen in 33 Ländern engagiert. Kommen mit Blick auf das geplante weitere Wachstum kurz- oder mittelfristig neue Länder hinzu?
Hirsch: Wir sind heute in vielen Regionen dieser Welt unterwegs. Dazu zählen auch Kanada, die USA und Australien, die derzeit noch einen ganz geringen Teil des Geschäfts ausmachen. Unterm Strich sind es weniger als fünf Prozent, die wir außerhalb von Europa machen. Das schließt die drei genannten Potenzialmärkte und somit auch die USA als größten Leasingmarkt der Welt mit ein. Das verschafft uns enormes Wachstumspotenzial, und wir wollen vor allem in unseren bestehenden Märkten weiter expandieren und unsere Chancen nutzen.

BT: Also keine weitere Länder-Expansion, stattdessen neue Produkte. Herr Bücker, sie haben angekündigt, das Leasing-Portfolio ausweiten zu wollen, etwa auf 3D-Drucker und Robotik. Heißt das, dass sich Grenke ein Stück weit vom Small-Ticket-Geschäft verabschiedet, wenn die neuen Produkte in einem höheren Preissegment angesiedelt sind als die bisherigen?
Bücker: Nein, wir stehen weiterhin für Small-Ticket. Leasing für Objekte mit kleinerem Anschaffungswert ist unsere Kernkompetenz, das kann auf der Welt keiner so gut wie wir. Und Leasing und Asset-Finanzierung bleiben langfristig ein wachsender Markt, insbesondere angesichts der Megatrends der Wirtschaft. Gleichzeitig ist die Kleinteiligkeit eine Eintrittsbarriere für größere Leasingunternehmen oder Banken, die ein solches Geschäft nicht so betreiben können wie wir. Deshalb bleibt Small-Ticket im Mittelpunkt dessen, was wir tun. Diese Kompetenz werden wir in Zukunft in neue Marktsegmente unserer bestehenden Regionen übertragen und die wachsenden Investitionsbedarfe unserer Kunden beispielsweise bei Nachhaltigkeit und Medizintechnik erfüllen. Im Übrigen: Diese neuen Produkte in unserem Portfolio müssen nicht zwangsläufig teurer sein.
Hirsch: Das kann ich unterstreichen. Objekte, die heute noch eher hochpreisig sind, werden mit der Zeit und – wenn sie in die Massenproduktion gehen – günstiger, sodass sie wieder genau in jenes kleinteilige Geschäft von unter 25.000 Euro fallen, in unser Kerngeschäft.

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“


Bücker: Grundsätzlich ist es natürlich schon so, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie wir unser Geschäftsmodell weiterentwickeln können. Gerade vor dem Hintergrund der angesprochenen Megatrends in der Gesellschaft wie Digitalisierung oder Energiewende. Letztere rückt aktuell durch den Ukraine-Krieg noch mehr in den Fokus. Zur Energiewende sage ich: Wenn nicht jetzt, wann dann? Und in der Folge wird es ganz viele neue Dinge zu finanzieren geben wie etwa Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge, wovon Grenke wiederum profitieren wird. Dass wir gleichzeitig immer Eigentümer der Objekte sind, die wir verleasen, bringt uns zusätzliche Vorteile. Denn wir spielen am Ende eine ganz gewichtige Rolle bei der Drittverwertung und dem Recycling und können so die Themen Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit und Klimaschutz noch mehr in unserem Geschäftsmodell verankern. Das wird auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für diesen Wandel eine aktive Rolle spielen, sicherlich sehr spannend und interessant. Überhaupt muss ich in diesem Zusammenhang den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein großes Kompliment machen. Die zurückliegenden Monate waren alles andere als einfach und alle Prüfungen und Sonderprüfungen ein absoluter Härtetest. Nicht nur für uns als Vorstand, sondern für die gesamte Belegschaft, die dem Unternehmen in der schwierigen Zeit Stabilität und Sicherheit gegeben hat.

BT: Nach der Vorlage der Bilanz für das Geschäftsjahr 2021 haben Analysten zuletzt wieder positive Signale bei Grenke ausgemacht. Gleichzeitig haben Großinvestoren wie Allianz Global Investors ihr Aktien-Engagement etwas zurückgefahren. Wo sehen Sie die arg gebeutelte Grenke-Aktie am Ende dieses Jahres?
Hirsch: Wir haben mit der Vorlage der Zahlen für 2021 eindrucksvoll bewiesen, dass wir zurück in der Normalität sind. Das heißt, dass der Aktienkurs sicherlich nach vorne gerichtet ein Barometer sein wird, um das zu beurteilen, was wir tun. Wir wollen das Geschäft voranbringen, Grenke wieder groß machen und blicken schon über das Jahr 2024 hinaus. Jetzt gilt es, das Geschäft anzukurbeln und die vorhandenen Potenziale zu nutzen. Dann wird die Bewertung und der Aktienkurs wieder dementsprechend sein. Aber auch aktuell liegt der Substanzwert des Unternehmens bei ungefähr 1,6 Milliarden Euro, das sind umgerechnet 34,40 Euro pro Aktie – allein bezogen auf das Bestandsgeschäft.

BT: Herr Bücker, bei der Bilanzvorlage vergangene Woche haben Sie quasi einen Neustart für das kommende Jahr angekündigt. Heißt das, das Unternehmen kann in diesem Jahr den Shortseller-Angriff von Fraser Perring hinter sich lassen?
Bücker: Für mich war der Angriff nach Abschluss der Sonderprüfung durch die Bafin im Februar endgültig beendet. Wir hatten bekanntlich einige Hausaufgaben von der Aufsicht bekommen, die wir weitgehend erledigt haben und weiterhin abarbeiten werden. Darüber hinaus waren wir frühzeitig selbst initiativ geworden. Es gab einen Aufschlag bei der Kapitalquote von 1,5 Prozent, den wir akzeptiert haben. Jetzt arbeiten wir an weiteren Verbesserungen, sodass auch dieser Aufschlag bald wieder verschwindet. Für uns ist der Angriff daher Vergangenheit.
Hirsch: Ich sehe das genauso. Wir sind inzwischen wieder in einem Modus, in dem es heißt, uns ständig zu verbessern und zu erneuern. Das würde ich nicht mehr dem Angriff zuschreiben, sondern es ist der normale Lauf der Dinge. Wir haben derzeit noch ein Thema offen, nämlich die Übernahme des Franchisegeschäfts. Das hat im vergangenen Jahr nicht mit der Geschwindigkeit geklappt, wie wir uns das vorgenommen hatten, weil wir im ersten Halbjahr Sonderprüfungen, Wechsel im Management und schließlich noch die langwierige Abschlussprüfung hatten. Jetzt hat dieses Thema neben dem üblichen Geschäft Priorität. Wir wollen die Übernahme der Franchisefirmen bis Jahresende abschließen.

BT: Auch die Grenke Bank ist im Zuge der Sonderprüfungen von gravierenden Einschnitten struktureller wie personeller Art nicht verschont geblieben. Unter anderem wurde das Kreditgeschäft mit kleineren und mittleren Firmen eingestellt. Welchen Stellenwert hat die Bank jetzt noch für das Unternehmen?
Hirsch: Ich bin ja einer der Pioniere, was die Grenke Bank anbelangt, war schon dabei, als sie noch ihren Sitz in Hamburg hatte. Ich weiß daher, welch einen Wettbewerbsvorteil sie uns schon geboten hat und noch bieten wird, nicht nur durch das Einlagengeschäft als strategische Säule unserer Finanzierung. Auch die Zusammenarbeit mit Förderbanken in Baden-Württemberg oder NRW, sowie mit der KfW für geförderte Finanzierungen von kleineren und mittleren Unternehmen, ist unschätzbar für uns und unsere Kunden. Diesen Status haben wir uns erarbeitet, er hat aber auch einige Konsequenzen mit der vollen Bankenaufsicht, denen wir uns stellen. Jedenfalls wollen wir die Vorteile, die wird durch die Grenke Bank haben, nicht aufgeben.
Bücker: Mit Blick auf unsere weiteren Wachstumspläne ist es sogar vorstellbar, dass wir bei den großen Zukunftsthemen wie etwa der Energiewende nicht mehr nur als Leasinggeber auftreten, sondern unseren Partnern und Kunden über die Grenke Bank als Finanzierer weitere Mehrwerte und Lösungen bieten. Deshalb hat sie für uns nach wie vor eine besondere Bedeutung.

„Diese Bindung ist sehr wichtig“


BT: Der Grenke-Konzern hat für Baden-Baden und die Region eine erhebliche Bedeutung. Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Aspekt?
Bücker: Das wichtigste ist aus meiner Sicht, dass Grenke einer der größten Arbeitgeber hier ist. Dass wir außerdem ein sehr attraktiver Arbeitgeber sind, bescheinigen uns regelmäßig unabhängige Umfragen. Und das wollen wir auch in Zukunft sein. Nach diesen zwei außergewöhnlichen Jahren starten wir nun wieder durch – verlassen quasi gut ausgestattet das Basecamp und begeben uns zurück auf den Wachstumspfad. Wir sind immer auf der Suche nach Talenten – nicht nur jungen. Wir suchen Menschen mit Ambitionen, die etwas bewegen möchten und grundsätzlich eine Affinität für digitale Prozesse haben. Viele arbeiten nicht nur in der Region, sondern leben mit ihren Familien hier. Diese Bindung ist für mich persönlich sehr wichtig. Deshalb habe ich selbst auch einen Wohnsitz in Baden-Baden. Last but not least ist Grenke als Sponsor zahlreicher kleiner und größerer lokaler und regionaler Projekte ein wichtiger Teil nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Gesellschaft – in Baden-Baden und weit darüber hinaus in der gesamten Region.


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