Das schmerzvolle Ende der Weihnachtsmärkte

Baden-Baden (lsw/BT) – Wegen der immer dramatischeren Corona-Lage kündigte Ministerpräsident Winfried Kretschmann ein Verbot großer öffentlicher Veranstaltungen an. Die Reaktionen in der Region.

Auch dem Baden-Badener Christkindelsmarkt droht das vorzeitige Ende. Foto: Sarah Reith

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Auch dem Baden-Badener Christkindelsmarkt droht das vorzeitige Ende. Foto: Sarah Reith

Weihnachtsmärkte, Clubpartys und Stadionbesuche werden in der Adventszeit aller Voraussicht nach nicht möglich sein. Man werde „ziemlich sicher“ regeln, dass Fußballspiele und Sportgroßveranstaltungen nur noch ohne Publikum stattfinden können, sagte der Grünen-Politiker in Stuttgart. Freizeitbetriebe wie Clubs und Diskotheken werde man schließen. Auch Weihnachtsmärkte – die, die noch geöffnet haben – sollen verboten werden.

Für viele Händler auf dem Baden-Badener Christkindelsmarkt bedeute ein vorzeitiges Ende des Budenzaubers den finanziellen Ruin, wie Markt-Organisator Jörg Grütz am Dienstag im BT-Gespräch berichtete. Dass die Politik dem Markt unter freiem Himmel nun einen Riegel vorschieben will, aber Restaurants offenbleiben könnten, kann er nicht verstehen. Auch für die Händler auf dem Markt gehe es um die Existenz: „Ich weiß von Ausstellern, die dabei sind, ihre Autos zu verkaufen. Viele gehen an ihre Lebensversicherungen“, berichtet er.

Marco Attanasio und seine Lebensgefährtin Stefania Barbuto können das bestätigen. Auch sie haben bereits viel verkauft, um sich über Wasser zu halten, unter anderem einen Imbisswagen. „Wenn wir nochmal schließen sollen, haben wir ein großes Problem“, sagt Attanasio. Die beiden betreiben vier Buden auf dem Christkindelsmarkt – mit Keksen und Mandelgebäck, Käse, Wurst und Schwarzwald-Spezialitäten. Schon der erste ausgefallene Christkindelsmarkt war schwer zu überstehen, berichtet das Paar aus Freiburg. Und auch das Messegeschäft unterm Jahr sei weggefallen. Von zehn Mitarbeitern, die sie einst beschäftigten, ist noch einer übrig.

Auch Sahmeran Tugal hat für den Christkindelsmarkt viel investiert: Sie hat nicht nur Ware für ihren Alpaka-Stand gekauft, sondern auch Gourmet-Iglus inklusive hochwertiger Ausstattung, in denen Fondue oder Raclette serviert wird. Die Idee sei aufgrund von Corona entstanden: Pro Iglu gab es nur einen Tisch, die Besucher blieben also unter sich. „Mehr Sicherheit geht nicht“, meint sie.

„Das ist der Super-GAU“, kommentiert der Rastatter Schausteller Hugo Levy das drohende Aus. Er hatte mit seinen Kollegen noch zuletzt Hoffnung geschöpft, weil die Stadt Rastatt in Aussicht stellte, die Standgebühren zu erlassen. Außerdem eröffnete am Dienstag eine weitere Teststation direkt neben dem Weihnachtsmarkt. Für Levy geht es jetzt um die Existenz: „Wir wissen nicht, wie wir über den Winter kommen sollen. Wir brauchen Hilfe vom Staat. Und das muss schnell passieren.“

„Die Vorlaufkosten müssen wir wieder reinholen, außerdem geht es um entgangene Erträge“, sagt auch der Chef des Schaustellerverbands im Südwesten, Mark Roschmann. „Zum Teil waren die Fritteusen schon gefüllt und der Glühwein stand bereit. Da sind tonnenweise Lebensmittel und Material im Müll gelandet.“ Roschmann forderte „entweder einen 100-prozentigen Ausgleich in Höhe des Umsatzes aus der Vergleichszeit 2019 oder finanzielle Hilfen analog zu den November- und Dezember-Hilfen des vergangenen Jahres“.

Auch in Bühl ist man nach der Ansage von Kretschmann darauf eingestellt, dass der Kirch- und Marktplatz wieder abgeräumt wird. „Das ist ja schon wie ein Beschluss“, sagt Stadtpressesprecher Matthias Buschert. „Es war leider für den Adventsmarkt ein kurzes Intermezzo unter schlechten Vorzeichen“, konstatiert er. Erst am Freitag hat der Bühler Adventsmarkt geöffnet, kurz davor kam die 2G-plus-Pflicht auf – das sei schon ein erster Dolchstoß im Herzen der Beschicker gewesen. Von anderen Märkten, die früher an den Start gegangen waren, habe man die Rückmeldung bekommen, dass die reine 2G-Regel von Besuchern angenommen worden sei, aber unter 2G-plus war es dann schwer, einen Marktstand zu betreiben. Mit dem Wegfall des Marktes entfalle auch ein Anreiz für einen Besuch in der Innenstadt – doch Buschert schiebt gleich hinterher, dass die Zwetschgenstadt vorgesorgt hat, und zwar mit der Lichterachse „Bühl im Advent“, die die Stadt wunderbar weihnachtlich erstrahlen lässt.

Auch Gaggenaus Oberbürgermeister Christoph Florus will die Hoffnung noch nicht gänzlich aufgeben: „Mit der frühzeitigen Entscheidung, auf einen Weihnachtsmarkt mit Bewirtung und Programm zu verzichten, lag die Stadtverwaltung im Nachhinein völlig richtig. Mit dem Gaggenauer Adventszauber haben wir ein, nach den Einzelhandelsregelungen zulässiges Konzept mit Essensangebot geschaffen, das nicht nur den Händlern, sondern auch den Gastronomen eine überlebensnotwendige Einnahmequelle bietet. Wir hoffen, dass dies auch nach der generellen Schließung von Weihnachtsmärkten weiterhin Bestand haben wird“, sagt er. Dafür gelte es allerdings, die genaueren Vorgaben der angekündigten Änderung der Corona-Verordnung abzuwarten und zu prüfen.

Die Aussichten auf eine baldige Schließung des Marktes stimmt auch Baden-Badens Oberbürgermeisterin Margret Mergen traurig, wie sie im BT-Gespräch betonte. Doch wenn es nun nicht mehr möglich sei, respektiere man das.

Verordnung tritt wohl Donnerstag in Kraft

Neben dem Verbot von Weihnachtsmärkten sollen auch die Abgabe von Alkohol im öffentlichen Raum und dessen Konsum untersagt werden, sofern sich die Lage auf den Intensivstationen nicht bessert, sagte Kretschmann. Über die Beschränkung von Kulturveranstaltungen müsse man noch beraten.

Die neue Corona-Verordnung solle am Donnerstag in Kraft treten. Die Lage sei dramatisch, begründete der Regierungschef die geplanten Schritte. Kontakte müssten nun radikal reduziert werden, um die Corona-Welle vor Weihnachten abzuflachen. Trotz der bereits sehr weitreichenden Maßnahmen in Baden-Württemberg müsse man noch einen Schritt weitergehen. Die neue Corona-Variante Omikron bereite Sorgen, das Wachstum der Infektionszahlen sei weiter exponentiell.

Die baden-württembergische Clubszene fürchtet angesichts der angekündigten erneuten Zwangspause als Treiber der Pandemie gebrandmarkt zu werden. „Wir sind bereit, die gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Aber wir wollen das nicht alleine tragen“, sagte der Sprecher der Interessengemeinschaft Clubkultur Baden-Württemberg, Simon Waldenspuhl. Es gebe keine wissenschaftliche Grundlage, die belege, „dass es bei uns riskanter ist als in Stadien oder Theatern“, sagte Waldenspuhl. Für die Clubs sei die erneute Schließung ein „Desaster“. Auch er forderte Hilfsprogramme.


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