Das schwache andere Russland

Stuttgart (kli) – Irina Scherbakova erhält am Samstag in Stuttgart den Theodor-Heuss-Preis. Die Würdigung der russischen Menschenrechtlerin ist als eine Ermutigung für die Entkräfteten gedacht.

„Viele leisten trotz allem einen stillen Widerstand“: Die Moskauer Menschenrechtlerin Irina Schtscherbakova.      Foto: Emile Alain Ducke/dpa

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„Viele leisten trotz allem einen stillen Widerstand“: Die Moskauer Menschenrechtlerin Irina Schtscherbakova. Foto: Emile Alain Ducke/dpa

Sie ist eine der wichtigsten Stimmen der kaum noch existierenden russischen Zivilgesellschaft: Irina Scherbakova. Die Mitbegründerin der inzwischen verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial erhält am Samstag in Stuttgart den Theodor-Heuss-Preis. Scherbakova hat Russland inzwischen verlassen. Sie warnt den Westen seit Jahren davor, was in Putins Reich vor sich geht. Lange Zeit vergeblich.

Scherbakova ist 1949 in Moskau geboren. Sie studierte Germanistik und arbeitete als Übersetzerin deutscher Literatur und Journalistin. Seit den 70er Jahren befasst sie sich mit den Opfern des Stalinismus, gründete 1987 mit Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow und anderen Memorial, das sich genau die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus zum Ziel gesetzt hat. Das wurde Scherbakova zur Lebensaufgabe, darüber hat sie Bücher verfasst. Doch genau das wurde in Putins Reich, das die Stalin-Zeit verklärt und deren Verbrechen verschweigt, immer mehr zum Problem. Scherbakova und Memorial wurden zu Störenfrieden. Den Blick auf alte Verbrechen in der eigenen Geschichte zu lenken, stört nur, wenn man in der Ukraine neue begeht. Russland, so mahnt Scherbakova schon seit Jahren, arbeite seine Vergangenheit nicht mehr auf, sondern schreibe sie propagandistisch um.

Jetzt wird sie am Samstag in Stuttgart geehrt. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) wird die Laudatio halten, der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) wird mit der Preisträgerin ein Gespräch führen, die Veranstaltung wird live gestreamt.

„Angriffskrieg als Schande“

Peter Franck, Russland-Experte von Amnesty International, sieht in der Preisverleihung ein nicht hoch genug einzuschätzendes Zeichen, dass es eben auch ein anderes Russland gebe: „Ein Russland, das sich nicht um den Präsidenten schart und den Angriffskrieg als Schande für das Land empfindet“, sagt Franck dem BT.

Die Memorial-Mitstreiter hätten unter immer schwieriger werdenden Bedingungen international Brücken gebaut, die weiter tragen. „Denn so tragisch es ist, dass sich der russische Staat selbst dieser wichtigen Stütze einer wirklichen Modernisierung des Landes beraubt hat, sind die Menschen, mit denen wir nun schon seit Jahrzehnten zusammenarbeiten, weiter da. Wir werden die Zusammenarbeit mit ihnen auch unter geänderten Bedingungen fortsetzen. Jetzt erst recht“, versichert Franck.

Menschen wie Scherbakova gehören inzwischen zur absoluten Minderheit in Russland. Die demokratischen Stimmen verstummen. Die Repressionen nehmen zu, die Opposition ist ausgeschaltet – bis auf wenige Einzelkämpfer, die im Gefängnis landen oder zur Ausreise gezwungen sind. Wie Scherbakova, die bei Bekannten in Tel Aviv untergekommen ist. Seit Kriegsbeginn sollen 300.000 Menschen Russland verlassen haben, darunter viele Regimekritiker.

Tägliches Erleben

Scherbakova leidet sehr unter der Entwicklung ihres Heimatlandes zur Diktatur. Als Kind jüdischer Eltern findet sie es unerträglich, dass die Regierung in Kiew als Naziregime bezeichnet wird. „Das ist für einen Historiker unglaublich, dass man das nicht in der Vergangenheit erforscht, sondern selbst täglich erlebt“, sagte sie im Deutschlandfunk.

Die Arbeit von Memorial, der ältesten und wichtigsten Nichtregierungsorganisation in Russland, wurde immer weiter eingeschränkt. Ab 2016 wurde die Organisation als ausländischer Agent geführt, durfte aber noch weiter arbeiten. Lange galt Memorial als unantastbar. Das gilt nun nicht mehr. Im Dezember 2021 löste das oberste russische Gericht Memorial wegen des Vorwurfs der Beeinflussung aus dem Ausland offiziell auf – und ignorierte Proteste aus dem Ausland. Auch in Moskau gab es bei der Urteilsverkündung Proteste, mehrere Demonstranten wurden festgenommen.

Der Vorwurf: Die Organisation habe ein „falsches Bild der UdSSR als Terrorstaat geschaffen und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verunglimpft“, warf die Staatsanwaltschaft Memorial vor. Im offiziellen Geschichtsbild des Kreml wird Stalin fast ausschließlich als Kriegsheld und Bezwinger des Nationalsozialismus gewürdigt. Im Archiv von Memorial befinden sich 3,5 Millionen Zeitzeugenbiografien zu den Verbrechen der Stalin-Ära. Wer diese aufarbeiten wolle, verharmlose den Nationalsozialismus, so die Kreml-Lesart.

Rückfall in alte Zeiten

Die russische Justiz bestätigte das Verbot im März und lehnte einen Aufschub des Urteils ab, den der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gefordert hatte. Das Aus für Memorial ist das Symbol schlechthin für Russlands Rückfall in alte Zeiten.

Für Scherbakova ist die Entwicklung eine Katastrophe. Sie gibt ihre Heimat aber noch nicht auf. „Es gibt viele Menschen in Russland, die die Kraft haben weiterzuarbeiten. Sie werden dort gebraucht, und alle Wege, sie zu unterstützen, muss man wahrnehmen. Viele leisten trotz allem einen stillen Widerstand, verteilen nach wie vor Flugblätter und schreiben in den sozialen Netzwerken, obwohl das aufs Härteste verfolgt wird. Der Widerstand läuft, aber es wird gefährlicher und gefährlicher“, sagte sie der Stuttgarter Zeitung. Dabei führe der Ukraine-Krieg die Russen überhaupt nicht zusammen, das sei dieses Mal anders als bei der Krim-Annexion 2014. „Was die Menschen vereint, ist die Angst. Kleinste Gesten des Protestes werden brutal verfolgt. Die Angst ist der Grund für dieses Ja-Sagen und die schweigende Zustimmung“, sagte sie in dem Interview.

Inzwischen wirkten sich der Krieg und die westlichen Sanktionen auch auf die Versorgungslage und den Arbeitsmarkt aus. Aber: „Die Bevölkerung will die Veränderungen nicht wahrnehmen und stellt sich nicht gegen Putin.“

Putins Giftmischung

Dessen Weltsicht bezeichnet sie in der Zeitung „Neues Ruhrwort“ als „eine Giftmischung aus Nationalismus, Imperialismus, Ressentiments und Verachtung anderer Völker und Republiken, die sich aus der Sowjetunion befreit haben.“ Diese Mixtur sei typisch für eine Diktatur.

Die 73-Jährige hat sich als Historikerin viel mit der Vergangenheit beschäftigt. Nun hofft sie, dass auch die aktuellen Verbrechen der Putin-Ära eines Tages aufgearbeitet werden. „Ich bin überzeugt, dass Organisationen und Kommissionen gebildet werden, um das alles, was gerade geschieht, einmal ans Licht zu bringen. Und natürlich wird die Erfahrung und Tradition unserer Institution, die zum Teil ja noch aus der Dissidentenzeit kommt, dabei eine Rolle spielen. Aber ob ich das noch erlebe, ist fraglich. Allzu optimistisch bin ich nicht.“


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