Das süße Gift der Leidenschaft

Baden-Baden (kie) – Premiere der szenischen Lesung „Geliebter Lügner“ am Theater Baden-Baden: Große Gefühle im zynischen Gewand.

Bissig, aber liebevoll geht es zwischen Rosalinde Renn (als Stella Patrick Campbell) und Berth Wesselmann (als George Bernard Shaw) zu. Foto: Sebastian Brummer/Theater

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Bissig, aber liebevoll geht es zwischen Rosalinde Renn (als Stella Patrick Campbell) und Berth Wesselmann (als George Bernard Shaw) zu. Foto: Sebastian Brummer/Theater

„Endlich habe ich dich da, wo ich dich immer haben wollte: unter meinem Bett in einer Hutschachtel“, schreibt Stella Patrick Campbell nach rund 30-jähriger Bekanntschaft mit George Bernard Shaw. Vorausgegangen war ein leidenschaftlicher Briefwechsel zwischen der britischen Schauspielerin und dem irischen Dramatiker ab dem Jahr 1899, dessen Zeugnisse Campbell schließlich in besagter Hutschachtel sammelt. In Form einer szenischen Lesung (Bühnenbearbeitung: Jerome Kilty; Dramaturgie: Sandra Höhne) feierte am Sonntag „Geliebter Lügner“ Premiere auf der Hofbühne des Theaters Baden-Baden.

Bitter-süß und voll humoristischer Anspielungen sind die Inhalte der Briefe von Shaw und Campbell, zynisch-bissig und schroff bisweilen ihr Ton. Doch scheint die tiefe Zuneigung der beiden Theatermenschen füreinander zwischen den Zeilen stets auf: als Ausdruck liebevoller Bewunderung, Faszination und Zerrissenheit, bisweilen auch als neckendes Machtspiel zweier von sich selbst überzeugter Persönlichkeiten. Es ist das süße Gift der Leidenschaft.

Die besondere Beziehung zwischen ihnen bleibt ambivalent bis zum Schluss: Rasende Eifersucht trifft siezende Distanz, liebestolle Komplimente des verheirateten Shaws erwidert Campbell mit nüchterner und wortgewandter Arroganz: „Meine weiße Marmorlady“, schreibt Shaw in einem Brief; Campbell erwidert etwa: „Du Teppichweber von Worten“ oder eben „Du geliebter Lügner“.

In gelöster Atmosphäre – das coronabedingt stark dezimierte Publikum sitzt an diesem Sommerabend locker verteilt an Tischen – tragen Rosalinde Renn (Campbell) und Berth Wesselmann (Shaw) die schriftlich fixierten Gefühle wortgewandt und überzeugend vor. Damit gelingt es ihnen aufs Beste, diese besondere Beziehung zwischen der seinerzeit berühmten Schauspielerin und dem zunächst unbekannten Schriftsteller und Theaterkritiker greifbar zu machen. Später wird Shaw Nobelpreisträger für Literatur und gefeierter Bühnenautor.

Ein mittelschwerer Affront

So schreibt Shaw die Komödie „Pygmalion“, später als Musical unter dem Titel „My fair Lady“ bekannt, von Beginn an mit der Idee, Campbell die Rolle der Eliza Doolittle zuteilwerden zu lassen. Für die Schauspielerin kommt das zwar einem mittelschweren Affront gleich – scheinen ihr der Cockney-Akzent und das junge Alter der Protagonistin (Campbell ist bei der Uraufführung des Stücks im Jahr 1913 48 Jahre alt) boshafte Provokationen Shaws zu sein –, doch nimmt sie nach postalischem Hin und Her schließlich die Zusammenarbeit an.

Die (Liebes-)Geschichte von Shaw und Campbell erfolgt dabei im Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse um die Jahrhundertwende und darüber hinaus. Die Biografien sind eng mit den politischen Geschehnissen verwoben: So etwa wenn die Nachricht vom Tod des Sohns Campbells im Ersten Weltkrieg den Pazifisten Shaw „rasend macht“.

Und immer wieder spielt das Alter eine Rolle im Kaleidoskop der großen Gefühle; Shaw war schließlich über 50, als er Campbell zum ersten Mal traf und sich prompt in sie verliebte. Er hadert damit, nennt sich selbst einen „alten Tattergreis“. Sie hingegen fürchtet die Vergänglichkeit. Das Ende der Konversation zwischen Campbell und Shaw – zugleich Finale des Stücks – ist da bezeichnend: „Ich mache kein Theater mehr“, schreibt Shaw 82-jährig im August 1939 an die 74 Jahre alte Campbell. Und weiter: „Ich bin zu alt, zu alt, zu alt.“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
12. Juli 2021, 23:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 32sec

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