„Das zieht alles einen riesigen Rattenschwanz nach sich“

Rastatt/Durmersheim (galu) – Auch regionale Hilfsorganisationen, die in armen Ländern Menschen unterstützen möchten, leiden unter Corona. Es fehlen Spenden.

Auch während der Corona-Pandemie setzt sich die Stiftung von Jörg Overlack für Schulkinder in Nepal ein.Foto: Archiv

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Auch während der Corona-Pandemie setzt sich die Stiftung von Jörg Overlack für Schulkinder in Nepal ein.Foto: Archiv

Während die deutsche Bevölkerung auch im Corona-Krisenjahr bestens versorgt ist und angehalten wird, Social Distancing auszuüben, sieht das Leben in den Entwicklungsländern – früher auch oft „Dritte Welt“ genannt – bekanntlich nicht annähernd so rosig aus. Es mangelt an Lebensmitteln und Schutzmasken, eine medizinische Versorgung für Covid-19-Patienten ist kaum gegeben, das nächste Krankenhaus oft viele Kilometer weit weg.
Außerhalb der Corona-Krise haben es sich deshalb Vereine, Stiftungen und Hilfsaktionen zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität der Menschen dort mit Bildung, Grundversorgung und Infrastruktur zu verbessern. Zumeist arbeiten diese mit Spenden und Spendenaktionen. Doch wie ist die Lage solcher Aktionen in einem Jahr, in dem das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen kam? In dem keine Benefizkonzerte, Spendenläufe oder Ähnliches stattfinden konnten?

Rund 10.000 Euro fehlen der Hilfsaktion Togo/Togoville aus Durmersheim – „ein riesiger Brocken für unseren kleinen Verein“, berichtet Monika Holveck, Vorsitzende des Vereins. Drei große Veranstaltungen seien durch die Corona-Krise abgesagt worden: ein Benefizkonzert im Frühjahr in Kooperation mit der Raiffeisenbank, der Spendenlauf der Realschule Durmersheim und der Weihnachtsbasar des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums. Als kleines Trostpflaster für den ausgefallenen Spendenlauf habe die Realschule jedoch einen Spendenaufruf gestartet.

„Hilfe zur Selbsthilfe“

Besonders fürchtet Holveck aber, dass die Spendenbereitschaft aufgrund der Corona-Krise generell sinken könnte. „Das zieht alles einen riesigen Rattenschwanz nach sich“, meint die Durmersheimerin. Auch die Tatsache, dass sie nicht selbst nach Togo fliegen kann, stört sie, es „stinkt mir total“, wie sie selbst sagt. Denn die Lage vor Ort sei alles andere als gut: Es fehlen nach wie vor Masken, insbesondere für Schulkinder, da dort die Schulen seit dem 2. November wieder geöffnet haben. Auch mangele es an Handwaschanlagen. Das Geld der ausgefallenen Aktionen fehle nun besonders für die Einstellung weiterer Hilfslehrer vor Ort sowie dem Bau einer weiteren Buschschule. „Aber wir jammern hier ja auf hohem Niveau“, merkt Holveck an. Die Menschen in Togoville hätten viel Verständnis für die Lage in Europa. Auch wenn es dort nicht besser aussieht: Die meisten Betriebe sind geschlossen, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Außerdem fehle es an Nahrungsmitteln, da sowohl die Märkte als auch die Landesgrenzen geschlossen seien und dementsprechend keine Händler in die Dörfer kommen würden. Dementsprechend habe man alles in der Macht stehende getan: Über 600 Masken habe man vor Ort anfertigen lassen, auch damit die lokalen Schneiderinnen Arbeit haben – ganz nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“, wie Holveck sagt. Außerdem wurden rund 500 sogenannte Care-Pakete mit Lebensmitteln bereitgestellt, welche die Familien dort für umgerechnet drei Euro erwerben konnten. „Die Frauen vor Ort sind dankbar, dass sie die Pakete gab und sie diese kaufen durften, das bewahre die Würde“, so Holveck.

Weniger düster sieht es wiederum bei Jörg Overlack und der „Nepal Kinder Overlack Stiftung“ aus. „Keinerlei Einbrüche, weder bei Spenden noch bei unserer Zusammenarbeit mit den Schulen vor Ort“, zieht er sein Fazit für 2020. Dies liegt besonders daran, dass im Rahmen der Stiftung Patenschaften über zehn Jahre für die Kinder vor Ort übernommen werden – damit sei der Geldfluss geregelt und man sei nicht auf Spendenaktionen angewiesen, so Overlack. Der große Vorteil sei ohnehin die langfristige Arbeit vor Ort und das daraus entstehende Vertrauen: „Erfolg liegt in der Konstanz.“

Die Corona-Lage der Nepalesen unterscheidet sich auch wieder deutlich von der europäischen: Bis Ende Juni sei das Land von den Auswirkungen der Corona-Pandemie großteils verschont geblieben, berichtet Overlack. Jedoch arbeiten rund sechs Millionen Nepalesen im Ausland – die dortigen Betriebsschließungen hatten viel Arbeitslosigkeit zur Folge. Als Konsequenz daraus mussten die, jetzt arbeitslosen, Nepalesen wieder zurück in ihre Heimat – und verbreiteten dabei das Virus offenbar großflächig im Land. Jedoch sind die Auswirkungen dort anders spürbar: Bereits seit dem Frühjahr gibt es eine einheitliche Regelung für die Schulen. „Konsequenter als wir hier“, wie Overlack anmerkt. Während die unteren Klassen verpflichtenden Online- beziehungsweise Fernunterricht haben, gilt für die oberen Klassen Präsenzunterricht mit Maskenpflicht. Auch der Umgang mit der Pandemie sei ein ganz anderer, wie Overlack berichtet. Durch die hinduistischen und buddhistischen Einflüsse sei die Wahrnehmung vom Tod in der dortigen Kultur deutlich positiver als im europäischen Weltbild.

An der Arbeit seiner Stiftung werde sich durch die Pandemie aber nichts ändern, so Overlack. Man werde auch weiterhin die Schulbildung von armen Kindern unterstützen können und weiterhin Schulen bauen – sofern sich genug Sponsoren dafür finden. Generell gehe es um langfristige Investitionen in den ärmeren Gebieten des Landes.

Aktuell wird in Gorje, an den südlichen Ausläufern des Annapurnamassifs, in drei Bauabschnitten eine neue Schule für rund 350 Kinder neu gebaut, finanziert von der „Nepal Kinder Overlack Stiftung“. Der Bau soll spätestens 2023 abgeschlossen sein – Overlack hofft jedoch, bereits deutlich früher wieder vor Ort sein zu können.


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