Dauerton in der Rheinau nervt Anwohner

Rastatt (sie) – In der Rheinau piept’s: Stadträtin Sybille Kirchner nennt den Dauerton einen „kollektiven Tinnitus“. Die Quelle des Geräuschs liegt offenbar im Benz-Werk.

Der Stern ist in Sichtweite: Der nördliche Teil des Mercedes-Benz-Werks grenzt an die Rheinau. Anwohner berichten von einem nervigen Dauerton, dessen Quelle offenbar auf dem Werksgelände liegt. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Der Stern ist in Sichtweite: Der nördliche Teil des Mercedes-Benz-Werks grenzt an die Rheinau. Anwohner berichten von einem nervigen Dauerton, dessen Quelle offenbar auf dem Werksgelände liegt. Foto: Hans-Jürgen Collet

Sybille Kirchner nennt es einen „kollektiven Tinnitus“. Andere Anwohner in der Rheinau berichten von einem Brummen oder einem nervigen Dauerton. In dem Rastatter Stadtteil geht Bewohnern seit längerer Zeit ein mysteriöses Geräusch auf den Geist. Stadtverwaltung, Landratsamt und Regierungspräsidium sind mit der Sache befasst. Sein Ursprung scheint inzwischen identifiziert zu sein.
„Es ist ein relativ hohes und monotones Geräusch“, schildert Kirchner ihre Eindrücke als Anwohnerin in der Ernst-von-Biedenfeld-Straße. Der Ton erinnere an eine Lüftungsanlage. Einen persönlichen Tinnitus könne sie ausschließen: „Wenn ich bei mir zu Hause die Fenster zumache, verschwindet das Geräusch.“ Ein Bewohner des Erlenwegs bestätigt: „Es ist ein leichter Dauerton zu hören.“

Vor Tor 1 hört man das Geräusch deutlich

Als SPD-Stadträtin hat Kirchner das Thema auch schon im Gemeinderat aufs Tapet gebracht. Jüngst bot dafür der Lärmaktionsplan Anlass, mit dem die Stadtverwaltung Anwohner vor Lärm schützen möchte. Im Zuge des Verfahrens hatte ein Bürger bei der Verwaltung einen Hinweis eingereicht, bei dem er auch einen Verdacht auf die Quelle des Geräuschs formulierte: „Sehr störend sind auch die Brummgeräusche, welche durch irgendwelche Geräte oder Generatoren im Daimler-Werk entstehen und nachts und am Wochenende sehr störend sind.“

Kirchner teilt diese Vermutung. „Auf dem Parkplatz von Tor 1 hört man das Geräusch sehr gut“, sagt sie.

Das bestätigt sich bei einer Stippvisite unserer Redaktion an zwei Tagen zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Ein dauerhaftes Summen überzieht den Parkplatz. Teilweise wird es vom Verkehr der angrenzenden Plittersdorfer Straße überlagert, teilweise von Vogelgezwitscher. Ganz weg ist es aber nie. Kirchner bestätigt, dass der Ton vor allem abends und am Wochenende nervig sei, wenn es weniger Umgebungsgeräusche gebe. Sogar ein Anwohner vom Röttererberg sagt, dass er den Ton unter diesen Bedingungen schon wahrgenommen habe.

RP: „Lärmproblematik liegt beim Getriebewerk“

Die Rastatter Stadtverwaltung hatte sich nach Angaben ihrer Sprecherin Heike Dießelberg nach einer ersten Beschwerde im vergangenen Jahr an das Mercedes-Benz-Werk gewandt. Die Auskunft damals habe gelautet, dass dort keine Quelle ermittelt werden konnte. Trotzdem vermutet auch die Verwaltung, dass der Ton, der die Rheinau beschallt, aus dem Werk kommt, so Dießelberg.

Irene Feilhauer, Sprecherin des Regierungspräsidiums Karlsruhe (RP), kann den Verdacht konkretisieren. Ihre Behörde ist für einen Teil des Standorts zuständig, der aufgeteilt ist in das Pkw-Fertigungswerk, das heute zur Mercedes Benz Group AG gehört, und das Getriebefertigungswerk, zugehörig zur Daimler Truck AG. Das RP hat die Gewerbeaufsicht über das Pkw-Werk. Nachdem sich Kirchner telefonisch auch ans Regierungspräsidium gewandt hatte, hakte die Behörde im Werk nach. Feilhauer: „Der Immissionsschutzbeauftragte hat uns bestätigt, dass die Lärmproblematik beim Getriebewerk liege.“

Konzern lässt Anfrage unbeantwortet

Damit liegt der Ball beim Landratsamt Rastatt, das für diesen Teil des Standorts zuständig ist. Sebastian Kopp von der Gewerbeaufsicht kennt die Beschwerde aus der Rheinau. Kenntnisse zu den Ursprüngen des Geräuschs lägen allerdings noch keine vor: „Wir müssen das erst einmal prüfen.“

Kirchner hält derweil weiter unfreiwillig die Ohren offen. Beim Spaziergehen registriert sie, dass es großflächig piept: bei ihr zu Hause, in der westlichen Rheinau oder auch im kleinen Wäldchen nördlich des Werks.

Während es im Norden Rastatts brummt, herrscht seitens der Daimler-Unternehmenskommunikation Stille. Eine Anfrage unserer Redaktion, ob die Quelle des Geräusches mittlerweile bekannt sei und ob dagegen etwas unternommen werde, ließ der Konzern bislang unbeantwortet.

Das Brummton-Phänomen

Es brummt, poltert, tuckert oder dröhnt – weltweit gibt es immer wieder Berichte von Geräuschwahrnehmungen, die zunächst keiner Quelle zuzuordnen sind. Im Online-Lexikon Wikipedia existiert dafür ein eigener Eintrag, das sogenannte Brummton-Phänomen. Dabei geht es allerdings zumeist um Töne im tiefen Frequenzbereich, während Betroffene die Geräusche in der Rheinau eher als hoch beschreiben.

Auch in den Baden-Badener Stadtteilen Balg und Ebersteinburg berichteten Anwohner im vergangenen Jahr von Brumm-Geräuschen. Messungen des Umweltamts konnten das Geräusch nachweisen. Die Quelle blieb aber unklar. Diskutiert wurden Rückkühlwerke, die das Klinikum Mittelbaden in Balg in Betrieb genommen hatte.

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Ihr Autor

Holger Siebnich

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Erstellt:
8. Februar 2022, 17:01 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 12sec

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