Debatte um neue Sinzheimer Biogasanlage

Sinzheim (nie) – Der Neubau einer Biogasanlage in Sinzheim war Thema im Gemeinderat. Dabei gab es positive Signale von allen Fraktionen außer der GfS.

Bis die geplante Biogasanlage kommen kann, sind noch viele weitere Schritte nötig. Foto: Willi Walter

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Bis die geplante Biogasanlage kommen kann, sind noch viele weitere Schritte nötig. Foto: Willi Walter

Ob es eine neue Biogasanlage auf Sinzheimer Gemarkung geben wird, darüber könne die Gemeinde gar nicht entscheiden, machte Bürgermeister Erik Ernst in der Gemeinderatssitzung deutlich. So ging es am Mittwoch darum, über das weitere Vorgehen im Verfahren zu diskutieren. Die Mehrheit im Gremium steht dem Vorhaben positiv gegenüber – wenn die Anforderungen erfüllt werden.

Komplexes Verfahren

Doch Ernst und seine Mitarbeiter schauten nicht nur in die Zukunft, sondern auch zurück. So hatten sich Bauamtsleiter Eberhard Gschwender und Lukas Herbrich, ebenfalls Bauamt, sehr bemüht, die Sachlage darzustellen. Die ist sehr komplex und hatte in den vergangenen Wochen vor allem bei der GfS für Missstimmung gesorgt. Das nahm Gschwender zum Anlass, detailliert klarzustellen, dass das fehlende sogenannte „gemeindliche Einvernehmen“ keinerlei Auswirkungen auf den jetzt positiven Vorbescheid des Landratsamtes gehabt habe. „Ehrlicherweise“, sagte Gschwender aber, habe man die Frist für diesen Teil der Stellungnahme nicht so im Blick gehabt.

Vorbehalte müssen ausgeräumt werden

Es sei aber ganz unabhängig davon Fakt, dass das Landratsamt zum Ergebnis gekommen ist, dass der Antrag für die Errichtung der neuen Biogasanlage zwischen dem Hauptort und Müllhofen keine Rechtsgebiete verletzt und die Anlage dort unter mehreren Vorbehalten zulässig ist. Laut Gschwender wird dieses Ergebnis von einem externen Fachanwalt untermauert: Diesen hatte die Verwaltung hinzugezogen, um zu prüfen, ob Widerspruch gegen die positive Entscheidung eingelegt werden soll. Sein Fazit laute: Die Einlegung eines Widerspruches sei „nicht erfolgversprechend und nicht sinnvoll“.

Auf die Vorbehalte ging dann Lukas Herbrich ein. Es seien noch einige „Themen zu beackern“ wie die Errichtung des landwirtschaftlichen Basisbetriebs, Natur-, Boden- und Brandschutz sowie Verkehr. Vonseiten einiger Bürger wurde schon ganz zu Beginn der Sitzung ihre negative Haltung deutlich: Sie trugen ein Transparent mit der Aufschrift „Stinkheim, Nein, Danke“ in die voll besetzte Sporthalle. Dort fand die Sitzung nämlich statt, weil die Verwaltung schon im Vorfeld mit großem Bürgerinteresse ob des Themas gerechnet hatte. Und so appellierten nicht nur Bürgermeister Ernst, sondern auch die Räte untereinander (allen voran Anton Jany, FW), niemanden zu verunglimpfen und eine sachliche Debatte zu führen.

Räte haben Klimaschutz im Blick

„Diese Anlage ist ein gutes Projekt“, befand Gabriel Schlindwein für die CDU und hatte dabei vor allem den Klimaschutz im Blick. Man müsse den Bürgern die Ängste nehmen, beispielsweise sei die Nähe zum Ort wie in Winden nicht gegeben. Hinsichtlich des Vorbescheids habe man sich schlicht an rechtliche Vorgaben zu halten. Auch für Matthias Schmälzle (Grüne) wird die neue Anlage „aktiver Klimaschutz“ sein. „Nicht optimal“ finde er aber den Standort. Wichtig sei, „dass der Nachweis für die mit Gärungsresten zu belegenden Flächen gebracht wird“. Johannes Hurst kündigte für die GfS ein eigenes Widerspruchsverfahren an. Er störte sich vor allem an der Begründung des Landratsamtes, dass keine „erheblichen Nachteile und erhebliche Belästigungen“ hervorgerufen werden. Das bedeute nämlich, dass „definitiv Nachteile und Belästigungen“ auf die Allgemeinheit zukämen. Er wollte außerdem überprüft haben, ob beim Vorbescheid mit der richtigen Kapazitätsmenge gerechnet wurde. Laut Anton Jany sehen die Freien Wähler die Anlage positiv, und selbstverständlich wolle keiner im Gemeinderat, dass Bürger belästigt werden. Dem stimmte Simon Huck (SPD) zu, der auch den Klimabeitrag betonte. Für Kurt Rohner (FDP) sei klar, dass es die Aufgabe des Gremiums sei, zu prüfen, dass die Anlage, wenn sie komme, fachgerecht gebaut werde.

Nicht durch Müllhofen fahren

Schließlich fasste das Gremium drei Beschlüsse: Es wird kein Widerspruch gegen den Vorbescheid eingelegt (hier enthielt sich die GfS beziehungsweise stimmte dagegen); die Verwaltung bespricht genannte Themen mit dem Landwirtschaftsamt (drei Enthaltungen der GfS); die Verwaltung konkretisiert mit Antragssteller Stephan Zeitvogel seine sogenannten Freiwilligen Selbstverpflichtungen. Hierzu zählt unter anderem, den gesamten An- und Ablieferungsverkehr über die B3neu abzuwickeln, keine Schweinegülle zu verwenden, nicht durch Müllhofen zu fahren und die Gärreste sofort in den Boden einzuarbeiten (Geruchsbelästigung).

Neue Technik soll gegen Gestank helfen

Stephan Zeitvogel ist froh, dass sein Antrag so intensiv geprüft wird, so geht es für ihn ja um Rechtssicherheit für seine Zukunft. Aber er wisse natürlich auch um die Einwände aus der Bevölkerung, denen hauptsächlich die Geruchsbelästigung zugrunde liegen. Mit einer neuen Technik, die zwar aufwendiger und teurer sei, will der Landwirt aus Winden dieses Problem in den Griff bekommen. Dabei werde die Gülle 20 Zentimeter tief in die Erde ausgebracht, sodass die Pflanzen etwas von den wichtigen Nährstoffen haben. Bereits im vergangenen Sommer habe er diese Technik ausprobiert, und die habe sich bewährt. Außerdem werde er in Sinzheim keine Schweine mehr halten. Gerüche sollen mit eingehausten Behältern vermieden werden. Der Nutzen für das Klima stehe im Vordergrund: „Wir sind an einem Punkt, an dem wir handeln müssen!“ Unter anderem sei es doch sinnvoll, aus Speiseresten Energie zu gewinnen, sagt er auf die Befürchtungen der GfS, dass gerade die Verarbeitung dieser Reste für den Gestank sorge.

„Geruch ist meine Energie“

Er selbst habe kein Interesse, Geruch zu verlieren, denn „Geruch ist meine Energie“. In einer Biogasanlage wird durch Substrate wie Speisereste, Maisstroh und Gülle Strom und Wärme erzeugt. Zeitvogel bricht den Vorgang herunter: Die Substrate werden in Behältern zum Gären gebracht, alle Kohlehydrate würden in Methan umgewandelt. Das wiederum betreibe einen Motor, der Strom erzeuge. Dieser werde ins öffentliche Netz eingespeist. Die entstehende Wärme könne außerdem über Fernwärmeleitungen transportiert werden. Mit der neuen Anlage könnten pro Jahr 3.600 Tonnen CO2 eingespart werden und Strom für etwa ein Viertel der Sinzheimer Haushalte erzeugt werden. Für Zeitvogel sei der Standort optimal, auch weil man nicht mit Lkws durchs Dorf fahren müsste.

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Erstellt:
29. April 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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