Dehoga-Geschäftsführerin: „Branche vor dem Kollaps“

Berlin (bms) – Ingrid Hartges, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) fordert im Interview mit BT-Korrespondent Stefan Vetter Öffnungsperspektive für Gastronomie.

Fast sechs Monate lang mussten viele Gasthäuser und Hotels mittlerweile coronabedingt schließen. Symbolfoto: Ronald Zak/AP/dpa

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Fast sechs Monate lang mussten viele Gasthäuser und Hotels mittlerweile coronabedingt schließen. Symbolfoto: Ronald Zak/AP/dpa

Die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ingrid Hartges, sieht ihre Branche vor dem Kollaps, sollte es nicht bald zu einer Öffnungsperspektive kommen. Nach ihrer Einschätzung wird dieser Punkt ein Schlüsselthema beim virtuellen Spitzentreffen mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und zahlreichen weiteren Branchenverbänden am heutigen Dienstag in Berlin sein. BT-Korrespondent Stefan Vetter fragte nach.

BT: Frau Hartges, wie ist die Stimmungslage in Ihrer Branche?
Ingrid Hartges: Verheerend. Seit dem 2. November sind Gaststätten und Hotels praktisch geschlossen. Nimmt man den ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr hinzu, dann werden das Ende Februar insgesamt sechs Monate sein. Nach einer aktuellen Umfrage unseres Verbandes stecken fast 65 Prozent der Betriebe in existenziellen Nöten, und jedes vierte Unternehmen denkt über eine Betriebsaufgabe nach. Besonders frustrierend und inakzeptabel ist, dass unsere Branche beim letzten Bund-Länder-Treffen in der vergangenen Woche nicht einmal erwähnt wurde.

Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. Foto: Paul Zinken/dpa/Archiv

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Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. Foto: Paul Zinken/dpa/Archiv

BT: Aber Bund und Länder haben auch milliardenschwere Hilfspakete geschnürt.
Hartges: Ja, aber die Auszahlung dauert viel zu lange. Allein die Novemberhilfe ist bei einem Drittel unserer Betriebe noch nicht angekommen, und die Dezemberhilfe lässt für 75 Prozent der Betriebe teilweise oder komplett auf sich warten. Die Unternehmen mussten ja die Mieten oder Pachten vorstrecken. Genauso wie die Personalkosten. Das Kurzarbeitergeld wird erst zeitversetzt erstattet. Das heißt, die Liquiditätsengpässe sind akut.

BT: Was ist mit der neuen Überbrückungshilfe III, mit der die Fixkosten teilweise ausgeglichen werden sollen? Hier gab es zumindest schon Abschlagszahlungen.
Hartges: Seit letzter Woche Mittwoch kann sie beantragt werden, Abschlagszahlungen sollen noch im Februar erfolgen. Aber diese Hilfe muss dringend nachjustiert werden. Noch immer ist zum Beispiel kein Unternehmerlohn vorgesehen. Außerdem ist es so, dass für Betriebe ab 50 Mitarbeitern nur 70 Prozent der Fixkosten erstattet werden. Über eine längere Durststrecke ist das nicht ausreichend.

„Die Politik ist gefordert“

BT: Muss Ihre Branche auch bereits das Ostergeschäft abschreiben? Es gibt ja Stimmen, die Urlaubsreisen auch zu diesem Zeitpunkt noch für ausgeschlossen halten.
Hartges: Bis Ostern sind noch gut sechs Wochen Zeit. Da ist es unverantwortlich, solche Botschaften jetzt seitens der Politik zu kommunizieren. Zumal Bund und Länder erst am 3. März wieder zusammenkommen, um das weitere Vorgehen festzulegen. Entscheidend ist doch, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt. Nur mit Verweis auf das Risiko der mutierten Viren kann man nicht monatelange Schließungen rechtfertigen. Die Politik ist gefordert, jetzt mehr Tempo beim Impfen zu machen und flächendeckend Schnelltests kostenfrei zur Verfügung zu stellen.

BT: Was erwarten Sie sich von dem Treffen mit dem Wirtschaftsminister?
Hartges: Wir erwarten, dass sich Peter Altmaier für eine Öffnungsperspektive starkmacht. Wenn die nicht bald kommt, steht unsere Branche vor dem Kollaps. Er muss dafür sorgen, dass die Stimme der Wirtschaft beim nächsten Bund-Länder-Treffen stärker gehört wird. Es hapert an der unvoreingenommenen Abwägung zwischen dem gesundheitspolitisch Notwendigen und dem für die Gesellschaft wie Wirtschaft Zumutbaren. Wenn diese Balance verloren geht, haben wir ein großes Problem. Gleichzeitig erwarten wir, dass alles unternommen wird, damit die zugesagten Hilfen jetzt bei allen Unternehmen ankommen. Bereits im November 2020 zählte allein der Hotel- und Gaststättenbereich 100.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze weniger als im November 2019. Das kann doch nicht so weitergehen.

BT: Über 40 Verbände hat Altmaier zu der Beratung eingeladen. Wäre weniger mehr?
Hartges: Ich gehe davon aus, dass sein Ministerium das gut koordiniert. Die Interessen der Wirtschaft sind in der aktuellen Situation jedenfalls weitgehend identisch. Auch andere Branchen haben erhebliche Umsatzausfälle und kämpfen ums Überleben.

Ihr Autor

BT-Korrespondent Stefan Vetter

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Erstellt:
16. Februar 2021, 12:03 Uhr
Lesedauer:
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