„Dem Kunstmarkt einen großen Stinkefinger gezeigt“

Baden-Baden (kie) – Die Arbeiten einiger Street-Art-Künstler erobern derzeit den Kunstmarkt. Der Kunsthistoriker Ulrich Blanché erklärt den Trend und spricht auch über die Intention der Künstler.

„Illegale Benefizaktion“: Das Banksy-Werk „Mobile Lovers“ wurde zugunsten eines Jugendklubs für rund 500.000 Euro verkauft. Foto: Simon Chapman/Keystone USA

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„Illegale Benefizaktion“: Das Banksy-Werk „Mobile Lovers“ wurde zugunsten eines Jugendklubs für rund 500.000 Euro verkauft. Foto: Simon Chapman/Keystone USA

Street Art erobert den Kunstmarkt. Doch oft üben genau jene Kreativen mit ihrer Kunst die schärfste Kritik an selbigem: Über diese Entwicklung, die Intention der Künstler und den Unterschied zwischen legalen und illegalen Arbeiten unterhielt sich unsere Redakteurin Franziska Kiedaisch mit dem Kunsthistoriker und Street-Art-Experten Dr. Ulrich Blanché von der Universität Heidelberg.

BT: Herr Blanché, derzeit werden manche Street-Art-Künstler auf dem Kunstmarkt zu Rekordpreisen gehandelt. Teilweise werden deshalb sogar ganze Wandstücke abgebrochen und zum Verkauf angeboten. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Ulrich Blanché: Das hat tatsächlich Vor- und Nachteile. Man arbeitet gegen die Intention des Künstlers, der das Werk für die Allgemeinheit gemacht hat. Auch interagieren viele Street-Art-Werke mit der Umgebung. Das wissen aber oft diejenigen, die die Sachen aus den Wänden schneiden gar nicht, weil sie meist zu wenig Ahnung haben: Die wissen dann zwar beispielsweise, dass etwas von Banksy ist – aber nicht, dass zwei Drittel des Werks gar nicht rausgeschnitten wurden. Sie schneiden oft den Teil raus, den sie verstehen, etwa das Bild einer Ratte. Dass die Ratte aber einen Stift in der Hand hält, womit sie eine Linie malt, die sich um zwei Häuserblocks zieht und ganz am Ende eine Botschaft steht, das schneiden sie nicht raus, weil sie dann drei Häuser abmontieren müssten. Aber nachher verkaufen sie es als Banksy. Das ist, als würde man aus einem Bild von Rembrandt, auf dem 20 Personen sind, eine raus sägen und sagen: ,Das ist der Rembrandt‘. Im Endeffekt wird so das Werk zerstört – und als etwas verkauft, was es gar nicht mehr ist. Außerdem macht man etwas zu Geld, das gar nicht dafür gemacht war.

BT: Klingt so, als gäbe es keine Vorteile...
Blanché: Doch, die gibt es. Als Forscher, der sich auch mit der Geschichte von Street Art beschäftigt, bin ich stellenweise sehr dankbar, dass in der Vergangenheit manche Werke abgerissen oder rausgeschnitten wurden. Es gibt zum Beispiel eine Bauzaun-Wand, auf der Keith Haring und Jean-Michel Basquiat Kreidezeichnungen hinterlassen haben. Diese Wand existiert noch und die kann man sich in Ausstellungen anschauen. Und gerade im Fall von Keith Haring wurde das recht häufig gemacht, etwa mit seinen Kreidezeichnungen auf U-Bahn-Plakaten. Weil ja ohnehin Werke, meist aus finanziellen Gründen, entfernt werden, bin ich außerdem dafür, dass es – wenn überhaupt – nur von Fachleuten gemacht wird. Es gibt beispielsweise Restauratoren, die Methoden für Frescos entwickelt haben, und damit nur einen halben Zentimeter von der Wand abnehmen müssen. So wird das Werk nicht zerstört. Als Forscher bin ich jedenfalls dankbar, dass es durch das Entfernen noch ein paar der Originalsachen gibt, weil die Leute oft ganz anders arbeiten, wenn sie legal in Form sogenannter Urban Art arbeiten.

BT: Inwiefern?
Blanché: Der illegale Teil dieser Arbeiten lebt sehr stark von der Atemlosigkeit der Anbringung. Das heißt, die Künstler haben ganz starken Zeitdruck und der resultiert darin, dass sie Mittel anders einsetzen. Man muss stark reduzieren, auf wenige Striche bestenfalls – und auch einen genauen Plan im Kopf haben. Wenn ein Künstler weiß, dass er legal arbeitet, nimmt er sich ewig Zeit, wird ein bisschen bräsig, ein bisschen manieristisch. Außerdem reden dann mehrere Leute rein, jemand muss ein legales Urban-Art-Werk ja auch genehmigen.

BT: Profitieren denn die anonymen Street-Art-Künstler überhaupt von den Erlösen auf dem Kunstmarkt?
Blanché: Das kommt sehr auf den Einzelfall an. Natürlich ist es immer so, dass jedes Werk, das viel Aufmerksamkeit bringt, den Künstler noch bekannter macht. Und es gibt nicht wenige Werke, die von den Künstlern in den Kunstmarkt eingeschleust werden. Das ist teilweise auch bei Banksy der Fall, dass er sagt: ,Ich habe ein neues Projekt und hier, diese drei Bilder, die werden für diesen Zweck versteigert‘. Banksy und auch andere Street-Art-Künstler sind inzwischen dazu übergegangen, dass sie sich sehr genau überlegen, wo sie was sprühen und ob das Orte sind, wo die Werke abmontiert werden können oder nicht.

BT: Können Sie das an einem Beispiel festmachen?
Blanché: Da gab es zum Beispiel den Fall, dass Banksy an eine Hintertür eines Jugendklubs in Bristol das Werk „Mobile Lovers“ sprühte. Das hat er an eine Tür gemacht von einem Jugendclub, der gefährdet war, weil er keine Finanzierung mehr hatte. Der hätte schließen müssen, aber Banksy hat dem Club eine Art Erlaubnis gegeben, dass das Werk versteigert werden darf – das war also eine Art illegale Benefizaktion. Und das macht er jetzt immer mehr. Er macht Vandalismus als politische Geste. Der Kunstmarkt wird damit Teil des Konzepts für ein bestimmtes Werk, indem er weiß, wie teuer seine Arbeiten inzwischen sind.

BT: Wann wird Street Art eigentlich zu Kunst und wann bleibt es beim Vandalismus?
Blanché: Das ist eine klassische Frage, die erst mal so klingt, als ob beides ein Gegensatz wäre, aber es ist überhaupt kein Gegensatz: Es gab immer Kunst, die auch illegal war. Vandalismus und Kunst schließen sich ja gar nicht aus, sondern es geht eher darum, ob es gut gemachter Vandalismus ist und ob jemand bereit ist, dafür zu zahlen. Und bei Banksy werden selbst die Sachen, die nicht so gut sind, trotzdem total teuer gehandelt. Weil die Leute einfach mit den Ohren kaufen und nicht mit den Augen. Nach dem Motto: Da steht ja der Name drauf, dann ist es teuer.

BT: Haben Sie da ein bestimmtes Werk im Sinn?
Blanché: Ich persönlich finde „Girl with Balloon“ vor der Schredderaktion, die ich sehr interessant finde, eines der schwächsten Werke, die er jemals geschaffen hat: Das ist kitschig und banal bis zu einem gewissen Grad, jedenfalls keine Glanzleistung. Aber es ist halt sehr populär und es hat sehr hohe Preise.

BT: Banksy wollte mit der Schredder-Aktion offenbar Kritik am Kunstmarkt üben. Doch hat gerade diese Performance für ihn zu noch mehr Ruhm – sprich: zu noch höheren Preisen für seine Kunst – geführt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Blanché: Ein bisschen schon, aber er hat trotzdem auch dem Kunstmarkt einen großen Stinkefinger gezeigt. Das Werk ist ja auch vor allem für die Allgemeinheit und diese ganze Performance, an der wir alle unsere Freude hatten, die unglaublich viele Leute im Video gesehen haben: Das kann einem ja keiner nehmen und das ist sozusagen auch wieder ein Kunstwerk für die Allgemeinheit. Und ob dann dieses Werk an diese eine Millionärin ging, das ist doch letztendlich irrelevant.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
27. Februar 2022, 14:10 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 23sec

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