Dem „Länd“ fehlen Fachkräfte

Stuttgart (bjhw) – Die neue Image-Kampagne „The Länd“ soll dabei helfen, qualifizierte Zuwanderer nach Baden-Württemberg zu locken. Das Konzept wurde am Freitag in Stuttgart vorgestellt.

Der Werbe-Schriftzug „The Länd“ ist zur Präsentation der Werbekampagne in einem Stuttgarter Weinberg angebracht worden. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

© dpa

Der Werbe-Schriftzug „The Länd“ ist zur Präsentation der Werbekampagne in einem Stuttgarter Weinberg angebracht worden. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Baden-Württemberg hat ein Problem, und darüber können die Herbstsonne und der gefärbte Mischwald, der Neckar als Tor zur Welt und das Rednerpult aus Palettenholz an diesem Oktobervormittag auch nicht hinwegtäuschen. Um Wirtschaftsstandort und Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, braucht das Land laut Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) 20.000 bis 60.000 zusätzliche Fachkräfte – per anno.

Die neue Imagekampagne „The Länd“ soll Abhilfe schaffen. „Aussprechen kann unseren Namen kein Mensch“, sagt Winfried Kretschmann (Grüne), und dass „man mit Bescheidenheit in der Welt nicht weiterkommt“. Die Fußstapfen sind so groß, dass die neue Kampagne sogar die alte adelt. Der legendäre Spruch „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ wird weiterentwickelt zu „Wir können alles. Sogar uns neu erfinden.“

Und Spruch, meint ein aufgeräumter Ministerpräsident, „sagt heute kein Mensch mehr, sondern Claim, und der Claim ist genial.“ Wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag will das Bindestrich-Land mit dem komplizierten Namen also als Länd aufbrechen in die große weite Welt. PR-Alliterationen zieren den Auftritt in der Halle einer Stahlbaufirma, neben einem Container-Lager und gegenüber rangierenden Flüssigtransport-Waggons: Dichtern und Denkern werden Designer und Developer zugeordnet. Peter Waibel von der zuständigen Werbeagentur lobt die neue Dachmarke als „laut, aber nicht zu laut und deshalb mit Umlaut“, und für die sprachliche Verballhornung liefert er gleich das schöne Prädikat „T-Shirt-Englisch“ mit.

„Klar, schnörkellos und selbstbewusst“

Daimler-Chef Ola Källenius, der seit 22 Jahren in Baden-Württemberg lebt, weiß um die vielen Vorzüge im Länd, legt aber auch Wert auf die Feststellung, dass sein Unternehmen – „Wir haben den Stern“ – die sieben Buchstaben nicht braucht, um auf dem Weltmarkt zu reüssieren. Einzige Ausnahme: die Anwerbung von Fachkräften. Also bleibt es der Wirtschaftsministerin vorbehalten, die Kernbotschaft der Kampagne auf den Punkt zu bringen. Das Land braucht mehr man- und woman-power und ist dringend auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen, denn: „Die Personalengpässe werden zu einem ernsten Problem, sie sind wachstumshemmend für Unternehmen und wirklich eine große Herausforderung.“ „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ wollte Baden-Württemberg mit einem Augenzwinkern bekannt machen. Entgegen der heutigen Lesart übrigens keineswegs nur in Deutschland, sondern auch international, zum Beispiel über Top-Multiplikatoren, wie es von der damaligen Werbeagentur hieß, die direkt angeschrieben wurden von einem Steiff-Teddy mit dem Satz: „The first Love of your Baby was a Baden-Württemberger.“

Das allerdings ist dann doch zu sehr oldschool in Zeiten von Facebook und Instagram, wobei die Macher der neuen Marke in Kauf nehmen müssen, dass diese in der Welt, in der sie vorrangig wirken soll, gar nicht geht: Denn Fachkräfte im Netz stolpern über „thelaend.de“ und der Hashtag schreibt sich ebenfalls mit a und e.

Länd oder Laend: „Klar, schnörkellos und selbstbewusst“ wolle Baden-Württemberg „im Kampf um die besten Köpfe“ bestehen, sagt Kretschmann. Nicht zuletzt dank möglichst vieler Landeskinder, die jetzt konsequenterweise Ländler heißen müssten. Ein Container tourt als „Fän-Shop“ durchs Land, wirbt mit einem „Hällo“ für „Topsäller“. Alle, die sich aufgerufen fühlen, können – vor dem Karlsruher ZKM in der zweiten November-Woche – Hoodies und T-Shirts in quietschgelb und schwarz, Vesperbretter aus geölter Schwarzwälder Weißtanne oder Tennissocken zu schwäbisch moderaten Preisen erstehen. Kein Verständnis hätte der Ministerpräsident übrigens dafür, würde die vorübergehende Ortsschilder-Verzierung, wie im Landkreis Rastatt, geahndet. Mit Bußgeldbescheiden rechnet er „absolut nicht, ich wüsste auch nicht warum“, denn solch eine Kampagne könne nicht eingeführt werden wie die Gebrauchsanweisung einer Waschmaschine. Mal sehen, ob sich diese Einschätzung in den Ländratsämtern durchsetzt.

Zum Thema:

Regierung steckt hinter „The Länd“

Zum Artikel

Erstellt:
31. Oktober 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.