„Demokratie verträgt viel Konflikt“

Baden-Baden/Bielefeld (ans) – Wer engagiert sich in der „Querdenken“-Bewegung und warum? Ein Interview mit der Konfliktsoziologin Verena Stern.

Ein Mann mit Aluhut hält bei der Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen in Berlin sein Handy in Richtung von Gegendemonstranten. Foto: Christoph Soeder/dpa

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Ein Mann mit Aluhut hält bei der Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen in Berlin sein Handy in Richtung von Gegendemonstranten. Foto: Christoph Soeder/dpa

Immer wieder sorgt die „Querdenken“-Bewegung für Schlagzeilen. Mittlerweile wird diese vom Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachtet. Mehrere maßgebliche Akteure ordnet das Landesamt dem Milieu der Reichsbürger zu, die demokratische und rechtsstaatliche Strukturen negieren. Die Stuttgarter Gruppe „Querdenken 711“ ist so etwas wie die Keimzelle der bundesweit aktiven Corona-Protestbewegung. BT-Volontärin Anna Strobel sprach mit der Konfliktsoziologin Verena Stern über die Hintergründe der Bewegung.

BT: Frau Stern, haben Sie damit gerechnet, dass „Querdenken 711“ ein Fall für den baden-württembergischen Verfassungsschutz wird?

Verena Stern: Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. In der Vergangenheit hatte sich der Verfassungsschutz im Kampf gegen rechte Strömungen nicht unbedingt verdient gemacht, ich denke hier insbesondere an den NSU. Dennoch bedeutet so eine Beobachtung natürlich etwas Druck, wie wir aktuell auch bei der AfD sehen.

„Beobachtung gerechtfertigt“

BT: Halten Sie die Beobachtung für gerechtfertigt?

Stern: Auch wenn mich die Einschaltung des Verfassungsschutzes überrascht hat, halte ich die Beobachtung doch für mehr als gerechtfertigt. Die Teilnahme bei „Querdenken“ – online wie offline – betrifft in Relation zur Gesamtbevölkerung zwar nur einen kleinen Teil. Dennoch sehen wir hier eine starke Mobilisierung mit gefährlichen Ideologien. Auch wenn viele Inhalte absurd klingen und als nicht-mehrheitsfähig abgetan werden können, so liegt die Gefahr einer Verbreitung rechten Gedankenguts und antisemitischer Verschwörungsmythen doch auf der Hand. Ich möchte gerne vermeiden, dass gewisse Entwicklungen unaufhaltsam werden und wir dann denken: An dieser Stelle hätte man etwas unternehmen müssen.

BT: Wer sind aktuell die wichtigsten Akteure in Stuttgart und was ist deren Verbindung zu der Stadt als Ursprungsort der Bewegung?

Stern: Mit „Querdenken 711“ und Michael Ballweg formierte sich in Stuttgart eine der stärksten Gruppierungen gegen die Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Ich denke, was Stuttgart dabei so besonders macht, ist die Verortung im anthroposophischen Milieu. Die anthroposophische Strömung setzt auf einen alternativen, esoterischen Zugang zu Bereichen wie der Medizin und steht beispielsweise Impfungen kritisch gegenüber. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Sorge vor kommenden Impfungen hier auf besonders fruchtbaren Boden fällt.

BT: Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremisten und Reichsbürger finden sich unter den Querdenkern. Wie kommt es zu dieser Vermischung von unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft?

Stern: Das Thema Corona bietet hier eine dankbare, wenn auch nicht logische, Schnittmenge. Rechte Strömungen betonen – nach durchaus konträren Positionen zur Pandemie – nun die Erzählung der persönlichen Freiheit.

Reichsbürger wehren sich ohnehin auf ihre Art gegen staatliche Strukturen und Impfgegner finden sich ebenso in der Ablehnung einer befürchteten staatlich verordneten Impfpflicht wieder. Interessant ist, dass die Betonung der persönlichen Freiheit gerade dann so laut zum Ausdruck kommt, wenn es darum geht, durch solidarisches Verhalten andere zu schützen. Hier kommt es zu breiten Allianzen, die man erst mal nicht gemeinsam ausgemacht hätte. Doch die angesprochene Verortung als Verfechter der individuellen Freiheit verbindet.

„Vermeintlich im Namen der Demokratie“

BT: Was bedeutet das?

Stern: Wir sehen hier also Esoteriker und Impfgegner die gemeinsam mit extrem Rechten vermeintlich im Namen der Demokratie für die persönliche Freiheit demonstrieren. Aber hier muss man immer vorsichtig sein und kritisch darauf schauen: Trifft deren Eigendarstellung wirklich das, was ich sehe? Das bezieht sich auch auf Verschwörungserzählungen, die haben in dieser Zeit ihren großen Auftritt, denn die Möglichkeit für Verbreitung in diesem Ausmaß bietet sich selten. Auch hier muss man nicht alles glauben, was in Telegram- oder WhatsApp-Gruppen geteilt wird.

BT: Welche Rolle spielen digitalen Medien bei der Mobilisierung der Initiative?

Stern: Telegram und manchmal auch Facebook sind definitiv eine starke, treibende Kraft, denn hier wird für das Thema sensibilisiert und für weitere Unterstützung und Aktionen mobilisiert. Es werden damit Menschen erreicht, mit denen man sonst nicht ins Gespräch kommen würde, oder die noch kaum vernetzt sind, aber offen für die Inhalte.

Dennoch sollte man die Relevanz der Straße nicht unterschätzen. Es ist kein Zufall, dass offline Demonstrationen abgehalten werden. Das gemeinsame Auftreten ist für die Außenwahrnehmung ebenso wichtig wie das gemeinsame Demonstrieren für das Gemeinschaftsgefühl. Außerdem erregt es öffentliches Interesse, ganz besonders während der Pandemie und der daraus resultierenden Auflagen.

BT: Ist „Querdenken“ ein Ergebnis der Spaltung der Gesellschaft?

Stern: Bereits um 2015 wurde mit den Erfolgen von AfD und Pegida deutlich, dass es eine weitaus größere Anzahl an Menschen gibt, die deren Positionen teilen, als angenommen. Durch solche Plattformen wird eine Möglichkeit geboten, diese Positionen laut auszusprechen, einerseits, weil es damit einen gemeinsamen Ort gibt dies zu tun, und andererseits, weil es dadurch auch salonfähiger wird.

BT: Wie viel Konflikt verträgt eine Demokratie, beziehungsweise ist ein gewisses Maß an Meinungsverschiedenheit normal?

Stern: Eine Demokratie verträgt viel Konflikt und lebt mitunter sogar davon. Nicht alle Menschen vertreten dieselbe Meinung, und das ist absolut gut so. Wo es jedoch problematisch wird und ich dafür bin, eine klare Grenze zu ziehen, ist, wenn demokratische Grundpfeiler aktiv bekämpft werden. Selbst wenn dies, auch zu Zwecken der Legitimation, gerade im Namen der Demokratie passiert.

BT: Wird sich „Querdenken“ über die Pandemie hinaus etablieren können, oder mit deren Ende ebenfalls verschwinden?

Stern: Das ist sehr schwer einzuschätzen. Ich würde vermuten, dass sich die Gruppe nach Ende der Pandemie in dieser Konstellation deutlich zurückzieht oder auflöst. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass gewisse Akteure sich bei anderen Themen durchaus wieder begegnen und erneute Allianzen schmieden.


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