„Den Künstlern wieder Auftrittsmöglichkeiten geben“

Baden-Baden (cl) – „Mr. M’s Jazz Club“ legt vom 17. bis 19. März wieder im Kurhaus los: Marc Marshall über das Familiäre des Festivals und die prekäre Lage der Musiker.

Das dreitägige Festival „Mr. M’s Jazz Club“ um Marc Marshall (rechts) wird am 17. März wieder eröffnet – vor zwei Jahren ging es mit einem „Geisterkonzert“ im Kurhaus in eine längere Pause. Foto: Steven Haberland

Das dreitägige Festival „Mr. M’s Jazz Club“ um Marc Marshall (rechts) wird am 17. März wieder eröffnet – vor zwei Jahren ging es mit einem „Geisterkonzert“ im Kurhaus in eine längere Pause. Foto: Steven Haberland

Der Konzert-Kalender ist voll. Von Berlin, Köln, Erfurt bis Stuttgart dreht sich auch das Jazz-Festivalkarussell nach zweijährigen pandemiebedingten Einschränkungen und Verschiebungen langsam wieder, auch wenn es sich für die Veranstalter wirtschaftlich noch nicht wirklich rechnet. Als eines der ersten legt das kleinere Baden-Badener Festival „Mr. M’s Jazz Club“ vom 17. bis 19. März wieder im Kurhaus los – dieses Mal nicht in einer Clubatmosphäre unter der Empore des Bénazetsaals, sondern auf der breiten Bühne und gemäß der Landesverordnung vor eingeschränktem Publikum.

„Wir haben uns angepasst – es wird ein bisschen ein anderes Festival werden, aber entscheidend ist für diese ganze Jazz-Familie von ,Mr. M’s‘, dass wir wieder jenes Gefühl erreichen können, das wir über Jahre geschafft haben, nämlich einen schönen Abend gemeinsam mit unserem Publikum zu feiern“, sagt der Baden-Badener Sänger Marc Marshall und Namensgeber des dreitägigen Festivals im Interview. Ein hochkarätiges, aber betont nationaleres Aufgebot an Musikern und Sängern ist verpflichtet worden, um möglichen Reisebeschränkungen aus dem Weg zu gehen – einzig der britische Sänger Tony Momrelle kommt von weiter weg.

Zweimal musste „Mr. M’s“ abgesagt werden. Zuletzt verabschiedete es sich im März 2020, nachdem das Eröffnungskonzert gerade noch vor dem ersten Lockdown über die Bühne gebracht werden konnte, mit einem „Geisterkonzert“ im Netz – mit Musikern auf der Kurhaus-Bühne ohne Publikum. „Damals war das fast spielerisch, alle waren flexibel: ,dann machen wir halt einen Livestream‘“, erinnert sich Marshall. „Keiner konnte die Dimension erkennen, dass uns das über zwei Jahre beschäftigen würde.“ Dann kam die Depression in vielen Branchen, auch für viele Menschen, die gesundheitlich belastet waren – das alles war bedrückend.

Grande Dame des Jazzgesangs zu Gast

Jetzt also der neue Anlauf: Mit der Grande Dame des Jazzgesangs, Judy Niemack, mit Musicalsängerin Alma Naidu und mit dem Jazzgitarristen Torsten Goods beginnt das Festival am Donnerstag, 17. März. Neben Momrelle gastieren Lisa Bassenge, Joo Kraus und Cosmo Klein, allesamt bekannte Namen, die beim 2008 gegründeten Baden-Badener Jazz Club regelmäßig verpflichtet werden. Auch die „Mr. M’s All Stars Band“ um den musikalischen Leiter des Festivals, Frank Lauber, ist ein eingespieltes Team.

„Wir wollten diejenigen engagieren, die uns die ganze Zeit unterstützt haben und ihnen die Möglichkeit geben, wieder aufzutreten und Geld zu verdienen – das ist auch genau der Spirit, den wir haben wollen“, erklärt Impresario Marshall. Die freundschaftliche Verbindung zwischen den Künstlern sei der besondere Charme von „Mr. M’s Jazz Club“. Hier würden Konstellationen geschaffen, die es sonst im eher nüchtern durchgeplanten Tourbetrieb kaum gebe. „Da entsteht auf jeden Fall ein Unikat.“

Musikalisch liegt die Betonung auf Jazz-Standards, auch Platz für Experimente soll es wieder geben.

„Aber in dieser speziellen Situation haben wir darauf geachtet, dass sich jeder Künstler in seiner jeweiligen Komfortzone bewegen kann.“ Mit spontanem Zusammenspiel, in neuen Duetten, auch mit der Band sollen wieder „Magic Moments“ entstehen. „Wenn ich beispielsweise einen Song singe von Burt Bacharach, dann wird der nicht wie in den 60er Jahren abgespult, sondern durch die individuelle Klasse der Musiker mit solistischen Beiträgen an die Stimmung angepasst.“ Aber, das macht Marshall deutlich: „Wenn ich als Gesicht des Festivals glaubwürdig bleiben will, hat das auch immer etwas mit Entertainment zu tun. Es wäre falsch, mich jetzt als ganz innovativen, hippen, postmodernen Jazzexperten zu präsentieren.“

Dass der Veranstalter Baden-Baden-Events weiterhin ein so zuverlässiger Partner von „Mr. M’s Jazz Club“ sei und immer daran interessiert war, das Festival auch umzusetzen, selbst nachdem es 2021 erneut kapitulieren musste, sei sehr selten in der Branche – und „ein Riesenprivileg“.

An vielen anderen Orten seien entweder Theater noch zu – oder es müsse unter strengsten Bedingungen und Kapazitätseinschränkungen gespielt werden, sodass sich das für keinen rechne, erklärt Marshall: „Wir sind noch nicht überm Berg.“

Insbesondere die Bühnenkünstler hätten es schwer nach den Lockdowns wieder Fuß zu fassen. „Der Musikbranche geht es insgesamt immer noch beschissen“, so Marshall. „Es muss jetzt eine Bewusstseinsveränderung geben. Ich habe ein Problem damit, wenn man immer sagt, man muss die Kultur retten, in Wahrheit muss man die Menschen retten und die Kultur auf die Bühne bringen“, appelliert er an die Politik.

Es gebe zwar wieder viele Auftrittsmöglichkeiten, aber allesamt seien sie weit entfernt von einer guten wirtschaftlichen Grundlage für die Musikerinnen und Musiker. „Ich glaube, dass wir für die Bühnenkünstler eine gewisse Grundabsicherung brauchen.“ Dazu gehöre auch, Clubs und Veranstalter finanziell so auszustatten, dass sie die Möglichkeit hätten, auch junge Talente zu fördern.

Er selbst habe auch während der Pandemie viele Auftritte gehabt und sei dieses Jahr wieder gut gebucht. Bis Januar 2023 läuft zudem die mehrfach verschobene Abschiedstour von Marshall & Alexander mit 19 Konzerten, darunter drei Ende August in Ötigheim.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
11. März 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 29sec

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