„Den Schmerz in Liebe verwandeln“

Baden-Baden (nie) – Den ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Baden-Baden/Rastatt/Murgtal gibt es seit 15 Jahren. Trauer- und Sterbebegleitung stehen im Mittelpunkt der Arbeit.

Hospizarbeit ist Symbolarbeit: Darum wird Sabine Kohmann auch von Engeln, Schatzkisten, Zeituhren und Kuscheltieren begleitet. Foto: Nina Ernst

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Hospizarbeit ist Symbolarbeit: Darum wird Sabine Kohmann auch von Engeln, Schatzkisten, Zeituhren und Kuscheltieren begleitet. Foto: Nina Ernst

Hört man ihre Stimme, fühlt man sich aufgehoben, beschützt und verstanden – und es muss einem einfach besser gehen. Und genau darum geht es: Sabine Kohmann ist verantwortlich für den ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Baden-Baden/Rastatt/Murgtal. Unermesslich traurige Schicksale sind es, die ihr und ihrem Team oft begegnen.

Zu oft, will man sagen. Denn leidende Kinder, leidende Jugendliche und leidende Erwachsene, das sollte es doch eigentlich gar nicht geben müssen. Aber nicht gegen jede Krankheit gibt es ein wirkendes Medikament, das Heilung verspricht. Und so sind es Menschen wie Sabine Kohmann und ihr Team aus 18 Ehrenamtlichen, die den Betroffenen zur Seite stehen und auf menschliche Art und Weise wirken. Zwar können auch sie den Tod nicht aufhalten und die Trauer nicht wegzaubern, aber sie können begleiten, unterstützen, helfen – einfach da sein. Und zwar nicht nur für das kranke Kind oder den kranken Jugendlichen, sondern für das gesamte Umfeld: Mama, Papa, Schwester, Bruder.

Ansprechpartnerin, Unterstützerin, Begleiterin, Beraterin, Vermittlerin – das ist Sabine Kohmann beim ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst seit mittlerweile 15 Jahren. Also seit dessen Gründung im Jahr 2006. Sabine Kohmann war damals bereits im Erwachsenen-Dienst tätig. Im Jahr 2005 sei ein „Ruck durch Deutschland“ gegangen, dass in Sachen Hospizarbeit auch etwas für Kinder getan werden müsse. Gesagt, getan: Von der damaligen Vorsitzenden Christa Götz sei Kohmann angefragt worden, einen Hospizdienst für die Jüngeren der Gesellschaft aufzubauen. „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich heute eine Ganztagsstelle habe, dann hätte ich das nicht geglaubt“, blickt Kohmann zurück. Aber genau so ist es gekommen, und heute gilt der Baden-Badener Kinder- und Jugendhospizdienst als einer der drei ältesten in Baden-Württemberg.

Auch Ehrenamtliche haben Tränen

Seit 2006 hat sich einiges geändert: Die Gebiete Rastatt und Murgtal sind zu Baden-Baden hinzugekommen, neben den Kindern rückten auch Jugendliche in den Blick, anfangs wurde von zuhause aus gearbeitet, nun gibt es ein eigenes Büro – und das Netzwerk ist stetig gewachsen. Und das ist laut Kohmann sehr wichtig, habe man doch mit vielen Behörden öfter mal etwas schnell zu regeln.

Neben der „Netzwerkarbeit“ höre die „Feldarbeit“ nie auf, dazu gehören zum Beispiel überhaupt das Bekanntmachen des Dienstes und dann die Trauer- und Sterbebegleitung selbst. Wobei Kohmann das Wort „Sterbebegleitung“ gerne um das Wort „Lebensbegleitung“ erweitert. Und das klingt ganz logisch: Das Sterben sei zeitlich eng begrenzt, dagegen begleitet der Kinder- und Jugendhospizdienst die Menschen in den meisten Fällen über viele Jahre hinweg – also dann, wenn sie am Leben sind.

Die 26- bis fast 80-jährigen Ehrenamtlichen kümmern sich um „schwerkranke und lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche und ihre Familien und trauernde Kinder, Jugendliche und Eltern“, so steht es im Flyer. Konkret heißt das laut Sabine Kohmann, dass man nicht auf der medizinisch-pflegerischen Ebene aktiv ist, sondern psychisch-sozialen Beistand leistet: Da gehe es unter anderem darum, Kontakte zu Ämtern herzustellen und Möglichkeiten der Unterstützung aufzuzeigen, ganz praktisch zu entlasten und mal für die Familie zu kochen, zur Therapie zu bringen oder spazieren zu gehen – und einfach ein offenes Ohr zu haben. Das zeigt schon, dass man hier nicht von einem 8-bis-16-Uhr-Job sprechen kann, sondern man rund um die Uhr gefragt ist. Da kann beispielsweise der um seine tote Frau trauernde Mann nicht mitten am Tag über seine Sorgen sprechen, wenn es nebenher gilt, sich um seine zwei kleinen Kinder zu kümmern. Da wird dann eben erst um 22 Uhr telefoniert. Und das sei völlig in Ordnung, so sagt Kohmann, wichtig sei vor allem, dass man Verständnis für die Begleiteten aufbringt und Vertrauen aufbaut.

Den Gefühlen Freiraum geben

Die wichtigste Aufgabe von Kohmann und ihrem Team ist es, dabei zu helfen auszupacken oder, besser gesagt, umzupacken: Denn „Trauer, die man nicht lebt, ist wie ein schwerer Rucksack, den man mit sich trägt.“ Also wollen die Trauer- und Lebensbegleiter erst einmal den Gefühlen Freiraum geben, das Leid zulassen und dann den „Schmerz in Liebe umwandeln“.

„Die Mitte“ ist wichtiger Bestandteil sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppenbegleitung. Sie heißt die Trauernden willkommen und gibt Energie. Foto: ambulanter Kinder- und Jugendhospizdienst

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„Die Mitte“ ist wichtiger Bestandteil sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppenbegleitung. Sie heißt die Trauernden willkommen und gibt Energie. Foto: ambulanter Kinder- und Jugendhospizdienst

Das geschieht entweder in Einzelgesprächen oder in Gruppen, es gibt eine für Kinder (geleitet von Christine Müller, Heike Krebs, Susan Reiss) und eine für Jugendliche (Manuela Möbius, Heike Weymss, Sabine Kohmann). Immer spiele die Symbolarbeit eine große Rolle: Da gibt es den Engel, der für den Glauben steht, die Schatztruhe, in der Wissen und Gedanken abgelegt werden, die Zeituhr, da alles seine Zeit braucht, und Kuscheltiere für Geborgenheit. Und es gibt die „Mitte“, die ganz praktisch aufgebaut wird mit Blümchen, einem Gefühlsherz und Kerzen – das alles soll Ausdruck von Leben und Freude sein, die Trauernden willkommen heißen und ihnen Energie geben.

Alternativen in Corona-Zeiten

Energie geben, das gehe doch am besten von Angesicht zu Angesicht – nicht über den Bildschirm. Doch Corona habe teils keine anderen Möglichkeiten gelassen. Während die Einzelbegleitung immer stattgefunden habe – mit Abstand, an der frischen Luft und stets in Absprache mit den Betroffenen –, mussten für die Gruppenarbeit Alternativen her. Mit den Jugendlichen sei es online gut gegangen, mit den Kindern sei es schwieriger gewesen. Da habe man sich mit einer „Corona-Zeitung“ weitergeholfen, Grußkarten geschickt, telefoniert oder mal etwas vor die Tür gestellt. Doch Berührungen fehlten, die Hand auflegen, das Kuscheltier in die Hand drücken, das ging nicht – so gern man doch „durch den Bildschirm greifen und das Kind umarmen will“, verdeutlicht Kohmann die Herausforderung. Und so habe man immer versucht, wenn es möglich und gewollt war, in die Familien hineinzugehen.

Und irgendwann, mal früher, mal später, geht man dort auch wieder hinaus. Bis es so weit ist, haben auch die Ehrenamtlichen ihre Tränen fließen lassen. Kohmann: „Das gehört einfach dazu“, ob der traurigen Schicksale von Verlust, Schmerz und Leid. Doch am besten geht man am Ende glücklich aus der Familie: Glücklich, den „Job“ gut gemacht zu haben. Und gut war er dann, so Kohmann, wenn die Trauer- und Lebensbegleiter es geschafft haben, dass die von ihnen Begleiteten den Verlust im Leben integrieren konnten und es weitergehen kann. In Liebe – und nicht im Schmerz.

Spenden und Manpower nötig

Der Hospizdienst Baden-Baden besteht aus zwei Säulen: der ambulante Erwachsenendienst und der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst. Beide stehen unter der Trägerschaft der evangelischen Kirche. Der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Baden-Baden/Rastatt/Murgtal finanziert sich über zwei Standbeine: Zu 30 Prozent aus der Förderung durch Krankenkassen, was gesetzlich verankert ist, zu 70 Prozent aus Spenden. Diese werden gebraucht für die Qualifizierung und Schulung der Ehrenamtlichen, für die Anschaffung von Alltagshilfen für die begleiteten Familien (therapeutische Maßnahmen und mehr). Doch alles Geld bringt ohne helfende Hände nichts. So ist der Dienst stets auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die sich dieser Aufgabe annehmen, die zugleich fordernd und traurig und schön und hilfreich ist. Unter anderem bildet Sabine Kohmann, Koordinatorin des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes, selbst aus und steht den Ehrenamtlichen, auch den neuen, beiseite. Sobald der nächste Ausbildungskurs startet, teilt der Kinder- und Jugendhospizdienst dies mit.

www.kinderhospizdienstbadenbaden.de

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Erstellt:
7. April 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 40sec

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