„Den Tieren ein gutes Leben ermöglichen“

Karlsruhe (kie) – Der Karlsruher Zootierarzt Marco Roller hat eine Studie veröffentlicht, die die verbesserte Raubtierhaltung in Zoos belegt.

Tierarzt Marco Roller hat mehr als 160.000 Datensätze zu Raubtieren aus Zoohaltung ausgewertet. Unter anderem den Eisbären geht es wesentlich besser als früher. Foto: Franziska Kiedaisch

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Tierarzt Marco Roller hat mehr als 160.000 Datensätze zu Raubtieren aus Zoohaltung ausgewertet. Unter anderem den Eisbären geht es wesentlich besser als früher. Foto: Franziska Kiedaisch

„Ich freue mich, so einen tollen Wissenschaftler und Tierarzt in unseren Reihen zu wissen“, sagt Matthias Rheinschmidt. Der Direktor des Karlsruher Zoos sei stolz, fügt er an – und zwar auf Zootierarzt Marco Roller. Dieser konnte gemeinsam mit fünf Fachkollegen in einer am Freitag veröffentlichten Studie nachweisen, dass sich die Lebenserwartung und der Erfolg bei der Jungtieraufzucht von in Zoos gehaltenen Raubtieren enorm verbessert hat.

Mehr als 160.000 Datensätze von Raubtieren, die in den vergangenen 70 Jahren in Zoos gehalten wurden, dienten als Grundlage für die Forschung. Raubtiere, so Roller, seien nicht nur weit verbreitet, sondern zählten auch zu den beliebtesten Zootieren, deren Haltung „besonders häufig kritisiert wird“.

Weltweites Datensystem als Grundlage

Die zugrunde gelegten Daten werden weltweit von Tierparks in ein System eingepflegt; Roller und die anderen Wissenschaftler haben diese ausgewertet. Absolute Grundlagenforschung sei das gewesen, denn bisher habe noch niemand diesen „unglaublichen Datenschatz“ gehoben, so Roller. Mehr als fünf Jahre hat die Auswertung gedauert, Roller als Erstautor der Studie hat sie vor allem in seiner Freizeit vorgenommen – neben Beruf und Promotion. Am Ende hat sich der Einsatz für den jungen Zootierarzt gelohnt: „Mit der Studie zeigen wir, dass sich die Zoohaltung von Raubtieren kontinuierlich verbessert hat“, sagt er – und fügt an: „Für jeden Zoomitarbeiter ist das ja der innere Antrieb: dass wir uns ständig verbessern, um den Tieren ein gutes Leben zu ermöglichen“.

Verbesserte Haltungsbedingungen wie größere Gehege oder eine gezieltere zoomedizinische Versorgung führten zu einer geringeren Sterblichkeit von Jungtieren und einer höheren Lebenserwartung insgesamt, so eine bedeutende Schlussfolgerung der Studie. „Gleichzeitig zeigt die Untersuchung aber auch, dass früher Kritik an Zoos angemessen war“, ergänzt Zoopressesprecher Timo Deible.

Hat vor 50 Jahren nur jedes dritte Seelöwen-Jungtier das erste Jahr überlebt und sind nur 20 Prozent der Tiere damals älter als 18 Jahre geworden, erleben heute rund 70 Prozent der Seelöwen ihren ersten Geburtstag und etwa 60 Prozent werden älter als 18 Jahre. Im Zoo Karlsruhe haben sogar alle jungen Seelöwen in den vergangenen Jahren das erste Lebensjahr überstanden. Auch bei den Eisbären hat sich vieles zum Positiven verändert: Während in den 60er Jahren nur jedes vierte im Zoo geborene Jungtier überlebte, übersteht nun die Hälfte das erste Jahr.

Weg von engen Käfigen, hin zu mehr Tierwohl

Beginnend mit dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen aus dem Jahr 1973 habe sich die Haltung grundlegend verändert: weg von engen Käfigen ohne Beschäftigungsangebot, hin zu mehr Tierwohl. Auch deshalb würden mitunter Tiere in Zoohaltung inzwischen sogar älter als Tiere in der Wildnis, fügt Deible an – und nennt ein Beispiel: Während Löwinnen in der Natur „selten älter als zwölf Jahre“ alt würden, sei die Löwin im Zoo Karlsruhe bereits 23 Jahre alt. Der Vergleich sei zwar nicht flächendeckend möglich, weil für viele Tierarten nicht genügend Daten aus ihrer natürlichen Umgebung vorlägen, aber Umweltverschmutzung und -veränderungen, Jagd oder fehlende Nahrung würden die Populationen in freier Wildbahn teilweise stark gefährden.

Ziel von Zoos der Gegenwart sei deshalb, dem weltweiten Artensterben durch die gezielte Zucht von sogenannten Reservepopulationen etwas entgegenzusetzen. Allerdings müssten vor der Auswilderung von in Zoos geborenen Tieren zunächst die Lebensbedingungen im ursprünglichen Habitat tatsächlich verbessert werden. Die Artenschutzstiftung des Zoos Karlsruhe setzt dazu bereits weltweit verschiedene Projekte um.

Auch die jüngsten Forschungsergebnisse sollen zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Zootieren beitragen: Sie werden nicht nur in der renommierten Fachzeitschrift „Zoo Biology“ veröffentlicht, sondern sind auch im Netz frei verfügbar. „Das bietet auch anderen Zoos die Möglichkeit, jetzt genauer hinzuschauen“, so Roller. So könnten diese nun direkt in die Meta-Analyse der Daten einsteigen und etwa fragen, warum in dem einen Zoo eine bestimmte Tierart älter wird als anderswo.

Auf jeden Fall sei die Studie „etwas ganz Wegweisendes“, fügt Deible an – und auch ihm ist der Stolz deutlich anzumerken.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
11. Juli 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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