Denk-Anstoß: Haben wir unser Leben verdient?

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: dienen und verdienen.

Denk-Anstoß: Haben wir unser Leben verdient?

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Das habe ich nicht verdient!“ lautet ein Ausspruch, der wohl jedem vertraut ist. Nehmen wir eine Naturkatastrophe: Die Menschen, die betroffen sind, was haben sie getan, damit Hochwasser oder eine Feuersbrunst ihr Hab und Gut zerstört? Was haben Kinder getan, die in Krisengebiete wohnen und nicht wissen, ob sie den morgigen Tag noch erleben? Haben Menschen in einem Bürgerkrieg ein Leben auf der Flucht verdient? Hat ein Opfer einen Täter verdient? Folgende Fragen schließen sich an: Wer bestimmt, was ich verdiene? Was meint es, etwas nicht verdient zu haben? Was bedeutet es, etwas zu verdienen?

Verdienen ist ein eigenartiges Wort. Es wird passivisch gebraucht im Sinn einer Wirkung auf eine Handlung. Im materiellen Sinne ist verdienen ein Entgelt für eine erbrachte Leistung also: Lohn, Gehalt oder Honorar. Ich muss etwas gearbeitet haben, um etwas zu bekommen. Verdienst ist Reaktion auf eine Aktion. Damit befinde ich mich in einem Prozess, von dem ich weiß, dass dadurch, dass ich etwas tue, ich etwas auslöse oder bedinge: Ich arbeite (Aktion) und erhalte einen Lohn (Reaktion). Ich muss also etwas getan haben, sonst erhalte ich keine Entgegnung.

Aktion und Reaktion

Wenn ich der Ansicht bin, etwas nicht verdient zu haben, dann kann dies zweierlei bedeuten: Entweder der Lohn oder die Reaktion war nicht angemessen oder ich habe keine Kenntnis darüber, warum ich etwas bekomme, weil mir meine Aktion nicht bewusst ist. Ich spüre zwar die Reaktion, aber die Aktion entzieht sich meiner Kenntnis. Beispielsweise erleide ich einen Schicksalsschlag, der mich sehr trifft. Ich weiß nicht, warum er eingetreten ist, ich weiß nicht, wodurch ich ihn „verdient“ habe. Dazu kommt, dass Verdienen eine subjektive Komponente hat. Niemand anderer als ich kann beurteilen, ob ich etwas verdient habe oder nicht. Jedes Urteil anderer über meine Situation ist unangebracht.

Manches im Leben muss aber auch hingenommen werden. Ein Schicksalsschlag ist immer unangemessen. Der Verlust eines Kindes oder eines geliebten Menschen ist immer unverdient. Und dennoch zermartere ich mir den Kopf darüber, warum ausgerechnet jetzt diese Reaktion kommt, obwohl ich die Aktion dafür nicht kenne. Sicher: Ich kann Erklärungen suchen, Hypothesen konstruieren oder Überlegungen anstellen, was in der Vergangenheit der Auslöser für die Gegenwart gewesen sein kann. Manchmal ist es einfach nur Pech: Man ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Was für eine Arroganz steckt hinter der Überlegung, dass Verdienst immer angemessen sei. Wer so argumentiert, folgt einer strengen Aktio-Reaktio-Überlegung, getreu dem Sprichwort, dass man erntet, was man gesät hat. Dabei wird Wesentliches aus den Augen verloren: das Menschliche. Ist es menschlich, jemandem, der einen Verlust erlitten hat, zu begegnen, dass er das verdient habe? Bekommt man immer das, was man verdient?

Das Wort „verdienen“ birgt auch den Begriff „dienen“. Möglich, dass ich etwas nicht verdient habe, aber das öffnet mir die Welt hin zur Frage, was mir dient. Und das wiederum kann eine Möglichkeit sein, darüber nachzudenken, dass Verdienen auch bedeutet, dass mein Leben, das ich so und genau so verdient habe, mir dient, um etwas zu erkennen, was sich mir in einem anderen Augenblick nicht offenbart hätte. Anders gesagt: Die empfundene Ungerechtigkeit des Verdienstes dient als Hinweis auf das noch von mir zu verdienende Leben. In dem Sinne haben wir unser Leben tatsächlich verdient und zwar ohne Anmaßung, Geringschätzung oder Ungerechtigkeit. So gesehen stellt jeder Verdienst eine Herausforderung dar, der ich mich stellen muss.

Literaturempfehlung: Helmut Glasenapp: Bhagavadgita. Stuttgart 1996.

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Erstellt:
25. September 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

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