Denk-Anstoß: Kommunikation ist Begegnung

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Leben gibt es nur im gegenseitigen Austausch miteinander.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Als ich ein Kind war, antwortete mein Vater auf meine Fragen oft mit der Bemerkung, dass ich ihn etwas anderes fragen solle. Fragte ich ihn etwas anderes, gefiel ihm das aber auch nicht. Es dauerte seine Zeit, bis ich verstand, dass er nicht einfach so darüber sprechen konnte, was ihn bewegte. Er konnte sich über alles Mögliche unterhalten, aber Argumente auszutauschen oder kontrovers zu diskutieren, das fiel ihm schwer. Er hatte es nicht gelernt.

„Wir können über alles reden“ zählte nicht zu seinen Lieblingssätzen. Eine durchaus gut gemeinte Aussage, die davon ausgeht, dass wir alle in der Lage sind, zu kommunizieren und, was fast noch wichtiger ist, dem anderen zuzuhören. Wenn ich jemandem zuhöre, muss ich mich notwendigerweise mit seiner Argumentation beschäftigen. Es findet ein kommunikativer Akt statt, der auf einem Miteinander beruht, und ich weiß, dass meine Meinung zwar zu mir gehört, ich diese Meinung aber nur auf Zeit habe, sie mir geliehen ist. Mit anderen Worten: Meine Meinung, das bin ich, aber nicht nur. Ich bin mehr als das. Meinungen bestimmen weder meine Identität noch meine Weltsicht. Sobald meine Meinung infrage gestellt oder widerlegt werden würde, geht davon die Welt nicht unter. Ich kann zwischen meiner Meinung und mir selbst trennen. Identität baut sich nicht dadurch auf, dass ich an Überzeugungen festhalte, sondern dass ich mit anderen ins Gespräch komme.

Akt des Miteinanders

Kommunikation ist ein Akt des Miteinanders: Wir unterhalten uns und tauschen Argumente aus. Akzeptiert jemand diese nicht, wird darüber gesprochen. Das alles geschieht rational und offen. Das meint, dass ich weiß, was der andere sagt, wie er argumentiert, worauf er hinaus will. Und ich kann selbst entscheiden, inwiefern seine Argumente für mich stimmiger sind als meine. Das unterscheidet Kommunikation von sektiererischem Wissen, das mit nonverbalen Gesten arbeitet wie einem strafenden Blick, einem mitleidigen Kopfschütteln oder einem traurigen Gesicht. Wenn nachgefragt wird, erntet man keine Begründung, sondern ein Seufzen, das bedeuten soll, man wäre noch nicht so weit, um die eine Wahrheit zu begreifen.

Um dies zu durchschauen, gilt es sich darauf zu besinnen, dass alles zu kritisieren und zu hinterfragen ist, ohne dass dadurch der Wert des Anderen geschmälert werden soll. Wir leben in keiner Bekenntnisgesellschaft, sondern in einer auf Augenhöhe. Glauben und Meinen sind keine belastbaren Größen, wenn es um Zukunft und Lebensentscheidungen geht.

Zuhören schafft Identität

Identität wird nicht dadurch gefunden, dass ich mich abschotte, sondern indem ich mich öffne. Zuhören schafft Identität. Austausch von Argumenten in der Gemeinschaft festigt mein Sosein.

Demgegenüber verführt die digitale Welt geradezu, die eigene Meinung als einzigartig und absolut anzusehen. In der digitalen Echo-Kammer ist kein anderer Laut zu hören als mein Atem, der meine Welt erschafft. Das Denken des anderen ist dort nicht präsent. Es wird nicht miteinander geredet und gegenseitig das Mitteilen geteilt, sondern Kommunikation mutiert zu klicken, liken oder sharen. Filterblasen kommunizieren nicht. Sie brauchen gläubige Follower. Follower schaffen keine argumentative Identität. Sie schwärmen dorthin aus, wohin der Wind sie weht, sprich, dorthin, wo die nächste Aufmerksamkeit erregt wird.

Die Gefahr besteht, dass am Ende jeder in seiner Welt alleine bleibt. Wo ist die zwischenmenschliche Verbindung? Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt: „Die Demokratie ist eine Zuhörer-Gemeinschaft. Die digitale Kommunikation als Kommunikation ohne Gemeinschaft zerstört die Politik des Zuhörens. Wir hören dann nur noch uns selbst sprechen. Das wäre das Ende des kommunikativen Handelns.“

Informationen bloß weiterzugeben, bedeutet nicht zu kommunizieren und somit nicht zu leben. Leben gibt es nur im Miteinander. Das ist der Unterschied zwischen dem Satz meines Vaters und der virtuellen Realität: Wir standen uns gegenüber und sprachen. Trotz der Sprachlosigkeit war es eine kommunikative Begegnung.

Byung-Chul Han: Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie. Berlin 2021.

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Erstellt:
23. Oktober 2021, 13:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 59sec

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