Denk-Anstoß: Perspektivismus und Monismus

Von Wolfram Frietsch

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Das Leben ist heterogen und homogen zugleich.

Denk-Anstoß: Perspektivismus und Monismus

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Kinder spielen miteinander. Ihre Spielregeln erfinden sie zeitgleich mit dem Spiel. Ein lebendiger Prozess, der alle einschließt. Nun will ein Kind alleine bestimmen. Es will die Regeln festlegen und die anderen dazu überreden, es genau so und nicht anders zu machen. Was tun?

Vielfalt und Einheit bilden Gegensatz

Auf der einen Seite gibt es eine Vielfalt an Regeln und Möglichkeiten, auf der anderen Seite finden wir eine einheitliche Sicht, die Regeln definiert und vorschreibt. Vielfalt und Einheit bilden dabei einen Gegensatz. Wir können entweder von Perspektivismus (Vielfalt) oder von Monismus (Einheit) sprechen. Perspektivismus meint, dass viele Sichtweisen möglich sind. Ein Problem, ein Mensch, eine Tat oder eine Idee wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Ein eindeutiges Ergebnis ist immer ein Aushandlungsprozess von Perspektiven. Monismus bedeutet, dass es eine Sichtweise gibt und nur (m)eine Vorstellung der Welt gültig ist. Dass dies nicht so absonderlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint, lehrt uns der Alltag. Würde ich bei einer Tätigkeit immer wieder verschiedene Blickwinkel einnehmen, könnte ich keine Arbeit ausführen. Selbst ein einfacher Akt wie das Bezahlen einer Ware würde unter der Vorgabe eines konsequenten Perspektivismus zu einer schwer durchführbaren Aktion verkommen. So lässt sich fragen, ob das Gekaufte wirklich gebraucht wird, ob es von guter Qualität ist, ob es nachhaltig ist, ob es zu mir passt ... und was in einigen Jahren mit dem Gegenstand geschieht. Kurzum: Ich kann mir beim Erwerb eines Gegenstands so viele Fragen stellen, dass keine Entscheidung zu treffen übrig bleibt. Jede Entscheidung ist aber auch etwas Einmaliges. Zwar beruht sie auf verschiedenen Überlegungen, letztlich wird aber das, was ich in Händen halten werde, unveränderlich und zu mir gehören. Ich habe mich entschieden, meint, dass ich mich gegen die Vielfalt und für die Einheit ausgesprochen habe.

Perspektivwechsel ratsam

Übertragen auf den zwischenmenschlichen Bereich wird bei Diskussionen – um das Wort Streit zu vermeiden – Rechthaberei oder eine einseitige Sichtweise unterstellt, dass man also nur die eigene Meinung gelten lasse. Um dies zu vermeiden, bietet sich ein Perspektivwechsel an, also dass ich den anderen nicht mit meinen, sondern mit seinen Augen sehe. Dann habe ich zumindest zwei mögliche Sichtweisen: meine und seine. Das hilft mir, aus der Gefangenschaft meiner eigenen Weltsicht herauszukommen. Ich erfahre einen an mir selbst angewandten Perspektivismus. Einerseits ist dies hilfreich, um Konflikte zu vermeiden; andererseits bleibt es hinderlich, wenn es um Entscheidungen geht. Dann könnten zu viele Perspektiven uns verunsichern oder ängstigen. Man hat das Gefühl, als gebe es keinen festen Stand mehr. Der Boden wird unter einem weggezogen oder beginnt zumindest zu schwanken, denn ich kann mich auf meine eigene Sicht nicht mehr so verlassen, dass ich sie als absolut setze. Die Welt relativiert sich – und ich mit ihr. Das ist auf Dauer kein befriedigender Zustand, denn ich möchte oder muss sogar meine Meinung vertreten oder eine Entscheidung fällen bzw. meinen Standpunkt darlegen. Das Wort „Standpunkt“ spiegelt, dass mein Stand auf einem Punkt basiert. Ein Punkt ist kein sicheres Terrain, auf das ich bauen kann. Jedes Beharren auf einem Standpunkt ist also ein Widerspruch in sich. Anders gesagt, ein Standpunkt ist eine Momentaufnahme, allein: ich weiß es (noch) nicht. Je fester ich auf meinem Standpunkt beharre, desto offener gebe ich zu, dass die Welt um mich herum schwankt und mit ihr mein Punkt, auf den ich mich zurückziehe, denn auch dieser wird irgendwann einmal überholt sein.

Kinder legen im Spiel Regeln fest. Zum Spiel gehört es auch, Regeln einzuhalten. Die Erfahrung zeigt, beides gehört zusammen: Vielfalt und Einheit, Perspektivismus und Monismus. Das Leben ist heterogen und homogen zugleich.

Michel Serres: Die fünf Sinne: Eine Philosophie der Gemenge und Gemische. Berlin 1998.