Denk-Anstoß: Sehnsucht nach Geborgenheit

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Schallplatten und die Suche nach Entschleunigung.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Mir ist unverständlich, was heute noch an einer Langspielplatte aus Vinyl so toll sein soll. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der es Longplayer (LP) gab und wie sorgfältig mit ihnen umgegangen werden musste. Als ich meine erste Klassik-LP kaufte, die nicht gerade billig war, wurde eine richtig kleine Zeremonie daraus gemacht, ehe sie abgespielt werden konnte.

Zuerst nahm ich die LP mit ihrer Schutzhülle aus dem Plattencover. Ich öffnete die Hülle, blies behutsam hinein, wodurch sich ein Luftpolster zwischen der Kunststofffolie und dem Vinyl bildet, sodass sich mögliche Pressrückstände oder Staubkörner aus den Rillen lösen.

Behutsam legte ich die Platte auf den Plattenteller, startete ihn – und zwar so, dass der Tonarm über der LP schwebte und der Teller sich drehte, ohne dass die Nadel aufsetzte. Dann strich ich vorsichtig mit einem speziellen Kohlenstoffbesen über die sich kreisende Platte, um sie zusätzlich zu säubern.

Jedes Klangerlebnis ein kleines Abenteuer

Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, die LP nass abzuspielen, wobei sich eine spezielle Flüssigkeit auf die Oberfläche legt, um störende Teilchen auszuschwemmen. Der Nachteil ist, dass es dann immer so gemacht werden müsste, weil Flüssigkeit und Staubpartikel auf der Platte festkleben. Endlich konnte der Tonarm aufgesetzt werden und die ersten Töne erklangen. Hier sprach ich manchmal ein kleines Gebet, dass kein Kratzer, kein Knistern oder sonstige Geräusche den Hörgenuss trüben mögen. Bei meiner ersten Klassik-LP zeitigten die Worte leider keine Wirkung.

Dass einzelne LPs nach ein paar Mal abspielen so klangen, als ob sie am Lagerfeuer produziert worden wären, weil sie knisterten und knackten, machte die Sache nicht besser. Jedes Klangerlebnis war ein kleines Abenteuer und der Hörgenuss eher relativ. Natürlich wurden LPs an Freunde verliehen und entsprechend bei der Rückgabe kontrolliert, wie es um Sorgfalt des Gebrauchs stand. Hierunter litten Freundschaften, nicht nur Schallplatten.

Eine LP hatte eine Laufzeit von ungefähr 30 Minuten pro Seite, dann musste sie umgedreht werden, was nervig blieb. Oder man stellte auf Dauerwiedergabe, das aber nervte die Eltern. Auch deshalb wurde die LP auf eine Kassette überspielt – nur zum persönlichen Gebrauch –, um sie zu schonen und als Ganzes hören zu können. Alles in allem ein erheblicher Aufwand, der bei den damaligen Musikanlagen, die ein gewisses Budget nicht überschreiten durften, das Optimum herausholen sollte.

Ich erinnere mich an alle LPs, die ich gekauft oder geschenkt bekommen habe. Ich hielt sie oft in den Händen und positionierte manches Plattencover in meinem Zimmer, weil es gut aussah. Dennoch wünsche ich mir diese Zeit nicht zurück. Ich vermisse zwar das Plattencover – das gebe ich zu –, aber ich vermisse nicht die Aufregung und die Enttäuschung Qualität und Handhabung der Scheiben. Ich kann mir die heutige Faszination für Vinyl-Revivals nur so erklären, dass in der Vergangenheit etwas gesucht wird, das sich im Heute nicht findet. Vielleicht eine gewisse Entschleunigung oder die Erinnerung an ein rituelles Unterfangen, das der Vorbereitung bedarf, ehe ein Ton erklingen kann.

Sehnsucht nach Geborgenheit

Rituale des Alltags haftet ein fader Beigeschmack an. Doch für die LP-Kultur, die sich wieder ausmachen lässt, spielt die Ritualisierung sicher eine Rolle. Vielleicht im Sinne einer Sehnsucht nach Geborgenheit und Vertrautheit in einer sich mehr und mehr entfremdenden Welt.

Entschleunigung, Ritualisierung und sorgfältige Vorbereitung sind Begriffe, die in die hypermoderne Alltagshektik nicht mehr passen. Das macht den Reiz aus, sich eine Oase der Verweigerung zu erschaffen, um für den Augenblick zu leben, der Mechanik und Musik kontemplativ zusammenbringt. So gesehen würde es mich nun doch wieder reizen, hin und wieder den alten Plattenspieler anzuschließen und eine LP aufzulegen und mögliches Knistern gelassen zu ignorieren.

Wilhelm Schmidt: Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Berlin 2014.

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Erstellt:
6. November 2021, 13:30 Uhr
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