Denk-Anstoß: Wer bin ich in der neuen Welt?

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Leben im Hier und Jetzt – nicht zur virtuell.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Surfen im Internet hinterlässt einen Datenabdruck unserer Onlineaktivitäten. Darüber ist es müßig zu spekulieren. Die entscheidende Frage ist eher, warum aus einem Zeitalter, in dem Mechanisierung großgeschrieben wurde, in dem das Ideal war, dass ein Rädchen ins andere greift und alle zusammen eine große Maschine namens Welt antreiben, warum dieses Ideal durch eine Form des potenzierten Individualismus abgelöst wurde, der in einer virtuellen Realität agiert.

Jeder Kontakt mit dem Internet, jede E-Mail, die wir schreiben, jeder Post auf einer Social-Media-Plattform, lässt zudem das entstehen, was wir vorschnell Identität nennen. Im Grunde ist diese Art der Identität nur ein Daten-Profil, das abbildet, was sich online durch uns und mit uns abspielt. Es geht um Daten und Informationen, es geht darum, sich selbst zu produzieren und zu performen. Dabei wird das Innere nach außen gekehrt, wobei der gläserne Mensch als ein geposteter Mensch lediglich ein Datingprofil hinterlässt, das andere einlädt mit ihm in Kontakt zu treten. Denn erst der Kontakt, der Post oder der Kommentar schafft Identität. Und zwar eine zerbrechliche Identität, deren Konturen sich an das Mögliche anpassen oder im Nirvana-Back-up verschwinden. Das Nichts ist dabei noch nie so real geworden wie durch die Nicht-Reaktion auf einen Post.

Leben im Up-and-Down-Kosmos

Heute kann jeder performen. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen einer besonderen Leistung und einem Impuls, lediglich etwas von sich zu zeigen. War lange Zeit von einer Neidgesellschaft die Rede, die sich dadurch hochschaukelte, dass eines vom anderen übertroffen werden musste, so ist in der virtuellen Welt kein Platz mehr für eine solche Hardwarelösung. Vielmehr geht es um den Schein von Kreativität im Sinne des Erschaffens, was sich dadurch ausdrückt, dass alles gepostet werden muss. Mein Mittagessen landet per Handykamera im Internet. Meine Meinung verbreite ich per Blog oder mittels Kommentarfunktion. Wir leben schon lange nicht mehr in einer Neidkultur, sondern in einem Up-and-Down-Kosmos: Ich lade meine „Sachen“ hoch und eine App „herunter“. Meine Mitteilungen werden dabei zu einem Gegen-Akt von Isolation.

Gab es früher noch Hausarrest, so wandelt sich dies in ein Handyverbot. Die Strafe daran ist nicht das Verbot, sondern die Ausbremsung des isolationsaufhebenden Mitteilungsdranges mit der Folge, dass ein paradoxes Wehklagelied über die Beschneidung sozialer Kontakte angestimmt wird. Wie aber kann ein sozialer Kontakt abgeschnitten sein, der ohnehin nur in Möglichkeitsräumen stattfindet?

Virtuell erschaffenes Ich bleibt zurück

Unabhängig davon, dass die Gefahr der Verelendung neu gedeutet werden muss, stellt sich die Frage, was das als Symptom bedeutet, denn wir haben es mit einer Neuausrichtung von Körper, Ware, Bewusstsein, Einsamkeit, Gesellschaft, Demokratie oder Selbstverwirklichung zu tun. Sie unterliegen nicht mehr den Beschränkungen des Materiellen, sondern existieren in einem Medium, das vorgaukelt, unbegrenzt, gleichzeitig und verfügbar zu sein. Doch die Unbegrenztheit des Virtuellen ist nur die Summe des Algorithmus, der dem Medium seine Rahmenbedingungen gibt, unsichtbar zwar, gleichwohl aber vorhanden. Alles scheint wiederholbar. Alles scheint vergleichbar, weil Vergangenheit als Gedächtnis über Suchmaschinen zur Gegenwart wird. Die Gegenwart wiederum ist der Maßstab, der die Einmaligkeit verschwimmen lässt in einem Meer an Möglichem. Zurück bleibt ein virtuell erschaffenes Ich mit dem ich mich identifiziere. Wer aber bin ich in dieser neuen Welt? Die Frage drängt sich auf, denn es ist nur bedingt das Ich, das steuert. Auch das Ich ist Medium eines Mediums. Wer oder was lebt unser Leben wirklich im Jetzt und Hier, und zwar nicht nur virtuell, sondern sozial und vor allem real?

Tilman Baumgärtel: Texte zur Theorie des Internets, Stuttgart 2017.

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Erstellt:
29. August 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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