Der Anfang und das Denken

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Die 100. Folge der BT-Kolumne widmet sich der ursprünglichen Frage der Philosophie.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

© pr

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Die Frage nach dem Anfang ist die ursprüngliche Frage der Philosophie. Die frühen griechischen Philosophen, die Vorsokratiker (circa 650 bis 300 v. Chr.), bestimmten den Anfang aus den vier Elementen: der Erde, dem Wasser, der Luft oder dem Feuer. Thales beispielsweise sagt, alles hätte seinen Anfang aus dem Wasser genommen. Anfang oder Ursprung meint hier „arché“. Einen Widerhall davon finden wir im Wort „Archäologie“, die Lehre vom Anfang beziehungsweise die Wissenschaft der Altertümer. Für Anaximenes ist es die Luft, für Empedokles die Erde und für Heraklit das Feuer, das am Anfang steht.

Man könnte diese Denker naiv nennen dahingehend, dass sie den Beginn der Welt mit einer einzigen Urkraft identifizierten. Doch so naiv war das nicht. Das Feuer beispielsweise vermag Gegensätze zu vereinigen. Wasser als Fließendes hat im Fluss des Lebens sein Äquivalent. Erde ist ohnehin die Grundlage von allem, und ohne Luft könnte nichts bestehen. Man ging von etwas Anschaulichem aus. Mit dem Philosophen Anaximander trat dann eine Wende hin zum Immateriellen ein. Er ging von etwas „Unbegrenztem“ oder „Unendlichem“, im Griechischen „apeiron“ genannt aus: „Woraus aber für das Seiende das Entstehen ist, dahinein erfolgt auch ihr Vergehen gemäß der Notwendigkeit; denn sie schaffen einander Ausgleich und zahlen Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit.“ Mit dem Unbegrenzten ist auch ein Gesetz des Werdens und Vergehens und damit des Ausgleichs verbunden. Nichts bleibt folgenlos. Alles, was getan wird, hat seine Konsequenzen.

Mehr und mehr löst sich das menschliche Denken von der Anschauung. Ist damit die Frage nach dem Anfang beantwortet worden? Mitnichten. Die moderne Naturwissenschaft schlug eine andere Lösung vor: die Urknalltheorie. Sie besagt, dass das Weltall vor rund 13,8 Milliarden Jahren entstanden sei. Ab diesem Zeitpunkt beginnt eine naturwissenschaftlich nachweisbare Gewissheit. Doch unweigerlich fragt man sich: Was war vor dem Urknall?

Als Unsinn abtun oder weiter philosophieren

Zwei Möglichkeiten bieten sich an. Entweder diese Frage wird als unsinnig abgetan; sie kann zwar gestellt werden, doch kann die Wissenschaft keine Antwort darauf geben (und will sie übrigens auch nicht), weil keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Oder wir können uns überlegen, was die Frage nach dem Anfang bedeutet. Dann wären wir wieder bei der Philosophie. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, etwas Absolutes vorauszusetzen, wie Gott oder Götter oder ein abstraktes Prinzip wie das Ewige oder ein Sein, das weder Anfang noch Ende hat, sich immer wieder erneuert und wieder zerstört, um sich zu erneuern. Doch daran muss man glauben beziehungsweise eine Einsicht haben, die die Fähigkeiten des Intellekts übersteigen, denn dieser vermag sich lediglich in den Bahnen eines gesicherten Urteils zu bewegen. Glaube oder Spekulation sind seine Sache nicht.

„Le Penseur“ von Auguste Rodin: Jahrhundertelang haben Denker versucht, einen Anfang zu denken und damit auch bekundet, dass dies nicht möglich ist. Foto: Friso Gentsch/dpa

© dpa

„Le Penseur“ von Auguste Rodin: Jahrhundertelang haben Denker versucht, einen Anfang zu denken und damit auch bekundet, dass dies nicht möglich ist. Foto: Friso Gentsch/dpa

Ab dem 18. Jahrhundert wird die Frage nach dem Anfang eng mit unserem Denken verknüpft. Das Denken ist gewohnt, sich in Kausalitäten zu bewegen und muss deshalb die Frage nach dem Anfang und dem Ende stellen. Das besagt nicht, dass es einen Anfang oder ein Ende gibt, nur, dass der Verstand jene Denkgewohnheit besitzt und sich damit eine Schneise der Erkenntnis in die ihn umgebende Welt schlagen kann, um Folgerungen und Ableitungen zu postulieren.

Die Frage nach dem Anfang ist also eine, die der Verstand sich stellen muss, weil sie zu ihm gehört. Anders gesagt: Unser Denken suggeriert uns, dass wir so und so zu denken haben. Jahrhundertelang haben Denker versucht, einen Anfang zu denken und damit auch bekundet, dass dies nicht möglich ist. Nun zeigt sich, dass diese Unmöglichkeit im Denken selber liegt, ganz so, als ob das Denken eine unsichtbare Grenze zieht, die denkerisch nicht überschritten werden kann. Was also tun? Zweierlei! Zum einen: weiterdenken. Den Verstand, den Intellekt und die Vernunft weiterhin nutzen, zur Erkenntnis und zur Möglichkeit, die Vielgestaltigkeit des Seins als Vielfalt anzunehmen.

Zum anderen: darauf zu vertrauen, dass es mehr gibt als Verstandeswissen, was sogar der Verstand selbst zuzugeben vermag. Doch darf das eine nicht auf Kosten des anderen abgewertet werden. Viel eher sollte uns die Welt nach wie vor die Fragen aufgeben, die als Leitstern dienen, um unsere Neugierde, unsere Zuversicht und unsere Toleranz zu entwickeln, eingedenk der Worte William Shakespeares: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumt.“

Zum Autor

Wolfram Frietsch ist Vorsitzender der Gesellschaft für angewandte Philosophie in Baden-Baden. Foto: privat

© pr

Wolfram Frietsch ist Vorsitzender der Gesellschaft für angewandte Philosophie in Baden-Baden. Foto: privat

Wolfram Frietsch (Foto: privat) studierte Literatur-, Musik- und Politikwissenschaft. Er ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe sowie in der Erwachsenenbildung, Lehrer am beruflichen Gymnasium und Autor von Büchern über Literatur, Musik und Philosophie. „Mein philosophisches Interesse begann mit 15 Jahren und hält sich bis heute“, schreibt der Autor anlässlich seiner 100. Kolumne. Seine Fragen haben sich seither nicht wesentlich geändert, die Antworten schon. Seit 2011 ist Frietsch Vorsitzender der Gesellschaft für angewandte Philosophie in Baden-Baden.

Seine Kolumnen bilden für ihn „einen Ankerpunkt in einer komplexer werdenden Welt und eine gewisse Zuversicht, dass Vernunft und Miteinander Wegweiser in einer Zeit sein können, die – trotz ihrer Aufgeregtheit – Geduld und Gelassenheit erfordert“, so Frietsch weiter.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.