Der Donauwalzer – leider nicht von Brahms

Baden-Baden (sr) – Es ist nur ein Puzzleteil in Baden-Badens Musikgeschichte, an das Dirigent Thomas Hengelbrock an Allerheiligen erinnert: Die Künstlerfreundschaft zwischen Brahms und Strauß.

Walzerkönig Johann Strauß (links) und einer seiner berühmtesten Fans, der Komponist Johannes Brahms, in den 1890er Jahren in Bad Ischl. Ihre Künstlerfreundschaft haben die beiden in Baden-Baden geschlossen.Foto: Archiv

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Walzerkönig Johann Strauß (links) und einer seiner berühmtesten Fans, der Komponist Johannes Brahms, in den 1890er Jahren in Bad Ischl. Ihre Künstlerfreundschaft haben die beiden in Baden-Baden geschlossen.Foto: Archiv

Wenn Thomas Hengelbrock am Allerheiligen-Wochenende vier Konzerte mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble im Festspielhaus gibt, ist das zuallererst ein Statement mitten in der Corona-Pandemie: Die beiden auf historische Aufführungspraxis spezialisierten Ensembles lassen sich regelmäßig testen und ermöglichen so überhaupt erst die Aufführung des Brahms-Requiems – eines der bedeutendsten Werke für Chor und Orchester.

Zweitens aber entsprechen die vier Konzerte in Folge dem heute so beliebten Status „Artist in Residence“. Das Festspielhaus betont damit eine schöne Baden-Badener Tradition, denn solche Künstlerresidenzen gibt es hier schon seit Urzeiten.

Im Sommer 1871 elektrisierte ein Superstar die Musikliebhaber an der Oos. Johann Strauß Sohn reiste mit größerem Gefolge an, um 14 Konzerte innerhalb von sechs Wochen zu geben. Er führte mit dem städtischen Orchester seine eigenen Werke auf, Walzer und Polkas, deren Klavierfassungen in den Buchhandlungen der Stadt reißenden Absatz fanden. Der Erfolg war so durchschlagend, dass Strauß schon 1872 wiederkam.

Zu seinen Auftritten im Musikpavillon vor dem damals noch Conversationshaus genannten Kurhaus reiste das Publikum mit Sonderzügen aus ganz Süddeutschland und dem Elsass an, wie die Brahms-Forscher Renate und Kurt Hofmann schreiben. Brahms war ein Fan der Strauß’schen Musik, obwohl man sich kaum zwei gegensätzlichere Künstlertypen vorstellen kann als den galanten Wiener Frauenhelden und den schroffen Hamburger Hagestolz, dessen Musik immer etwas Schwermütiges anhaftet. In Baden-Baden schlossen die beiden Freundschaft.

Brahms eher schwermütig, Strauß mit viel Schmiss

Werke dieser beiden Komponisten hat der Dirigent Thomas Hengelbrock jetzt für zwei seiner vier Konzerte im Festspielhaus kombiniert. Damit erinnert er an diese Künstlerfreundschaft auf Augenhöhe: Der dritten Sinfonie von Brahms stellt er Lieder von Johann Strauß Sohn gegenüber, die die Sopranistin Katharina Konradi singt. Sie ist auch im Sopranpart des „Deutschen Requiems“ zu erleben, das ebenfalls zweimal an diesem Wochenende erklingt. Brahms hat Teile dieses Trost spendenden Chorwerks während seines Sommeraufenthaltes 1866 „in Baden“ komponiert.

In den mehr als zehn Sommern, die der Komponist in zwei Dachkammern in Lichtental verbracht hat, ging er häufig schon bei Tagesanbruch in den Wald, um beim einsamen Wandern seine nächsten Kompositionen zu durchdenken. Er galt als menschenscheu, pflegte aber die Kontakte zu musikalischen Wegbegleitern in einem intensiven Briefverkehr.

Wiener Maestro mit Höhenangst

Johann Strauß, der Maestro aus Wien dagegen, war auch im Privatleben ein Star mit durchgestylten Auftritten und gut gepflegten Spleens. Berge und Friedhöfe soll er gefürchtet haben. Dass er Johannes Brahms in seinem Lichtentaler Feriendomizil besucht hat, war für ihn ein echtes Opfer: Das einstige Häuschen der Witwe Becker – heute ist es Museum – liegt hoch auf einem Felsen über dem Brahmsplatz und ist nur über eine steile Treppe zu erreichen. „Die Böschung erwies sich für Strauß als eine kaum zu bewältigende Barriere. Er ließ sich beim Verlassen des Hauses jedesmal, rückwärts schreitend, den Weg behutsam hinuntergeleiten,“ schreibt ein Zeitgenosse.

Dienstags, donnerstags und samstags dirigierte Maestro Strauß während seines Baden-Baden-Aufenthaltes das städtische Orchester. Immer war Brahms im Publikum. Andere Veranstaltungen hatten in dieser Zeit keine Chance auf Publikumszulauf: „An den Abenden, wo Johann Strauß im Kiosk dirigiert, sind andere Festlichkeiten ohnehin nicht möglich, weil unser Publikum dann auf der Promenade versammelt ist“, notierte Richard Pohl 1872, der einflussreiche Musikkritiker des Badeblatts.

Neben Johannes Brahms war auch der Dirigent und Pianist Hans von Bülow ein erklärter Anhänger von Strauß, der sich vieles zur „Elastizität der Tempi“ von ihm abschaute, obwohl auch er – als autorisierter Wagner-Interpret bekannt – eher dem ernsten Musiklager zugeordnet werden würde. Aber: „Je feiner der Musiker, je freier sein Blick… desto schärfer und vollkommener wird er die seltenen Eigenschaften erkennen, welche Johann Strauß als Componisten und Dirigenten vor Tausenden auszeichnen“, resümiert Richard Pohl, der wie Brahms und Bülow erkannte, dass der „Strauß’sche Tonzauber“ auf höchst raffinierter Komponierkunst und genialem Einfallsreichtum beruhte. Johann Strauß suchte immer die Anerkennung der ernsthafteren Kollegen, und die beneideten ihn um seine Leichtigkeit. Hätte Brahms sonst auf einen Klavierauszug des Strauß-Walzers „An der schönen blauen Donau“ geschrieben – „leider nicht von Johannes Brahms“?

Beide Konzerte werden am Samstag, 31. Oktober, auch von Arte Concert live gestreamt (16 und 20 Uhr). Es gibt noch Karten.

Ihr Autor

Sabine Rahner

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Erstellt:
27. Oktober 2020, 17:00 Uhr
Lesedauer:
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