„Der Einzelhandel ist kein Pandemietreiber“

Baden-Baden (vo) – Roland Fitterer, Präsident des Handelsverbands Südbaden, äußert sich im Interview mit dem Badischen Tagblatt über Corona, steigende Preise und attraktive Innenstädte.

•Roland Fitterer sieht den stationären Handel als starke Wirtschaftskraft und fordert mehr Unterstützung durch die Politik. Foto: Jürgen Volz

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•Roland Fitterer sieht den stationären Handel als starke Wirtschaftskraft und fordert mehr Unterstützung durch die Politik. Foto: Jürgen Volz

„Die Geschäfte müssen offen bleiben“, sagt Roland Fitterer mit Blick auf die neuerlichen Corona-Entwicklungen. Seit dieser Woche ist er Präsident des Einzelhandelsverbands Südbaden und vertritt dort die Interessen von mehr als 11.700 Betrieben. Zuvor war der Baden-Badener, der mit seiner Frau und zwei Söhnen drei Edeka-Lebensmittelmärkte führt, seit 2005 Vizepräsident. BT-Mitarbeiter Jürgen Volz unterhielt sich mit dem 64-Jährigen über aktuelle Themen im Handel.

BT: Herr Fitterer, seit Mitte dieser Woche gilt in Baden-Württemberg die Corona-Alarmstufe. Für den Handel, der nicht der Grundversorgung dient, ist die 3G-Regel vorgeschrieben mit einem negativen Antigen-Schnelltest. Für Supermärkte hingegen gibt es keine zusätzlichen Beschränkungen. Wie geht der Verband damit um?
Roland Fitterer: Wir haben ja schon ausreichend Erfahrung mit der Pandemie und von Anfang an die notwendigen Maßnahmen ergriffen. Jetzt geht es darum, diese weiter akribisch zu handhaben. Mit der Alarmstufe sind Kontrollpflichten für Teile des Einzelhandels verbunden. Wir werden den 3G-Nachweis stichprobenartig kontrollieren, etwa bei jedem zehnten Kunden an der Kasse. Als Verband dringen wir darauf, dass es keine Geschäftsschließungen mehr wegen Corona geben darf, gerade jetzt nicht mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft, das für jeden Händler extrem wichtig ist. Ich sage es mit aller Deutlichkeit: Der Handel ist aufgrund seiner hervorragenden Hygienekonzepte kein Pandemietreiber. Das haben unter anderem Studien aus den ersten Coronawellen belegt. Die Händler tun alles, um gegen die Pandemie anzugehen. Deshalb müssen die Geschäfte offen bleiben.

„Für beide Seiten akzeptabler Tarifvertrag“

BT: Kürzlich haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf einen Tarifabschluss im Einzelhandel geeignet. Unter anderem werden die Löhne zunächst um drei und ab April 2022 um weitere 1,7 Prozent steigen. Was bedeutet dies aus Ihrer Sicht?
Fitterer: Natürlich sind solche Lohn- und Gehaltserhöhungen gerade in Corona-Zeiten in einigen Branchen, die zeitweise im Lockdown waren und keine Umsätze hatten, wie etwa der Modehandel, nur schwer umzusetzen. Gleichzeitig brauchen wir sie aber, um einerseits Fachkräfte zu halten, anderseits neuen Nachwuchs zu gewinnen. Ich denke, Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben sich auf einen für beide Seiten akzeptablen Tarifvertrag verständigt.

BT: Der Einzelhandel leidet wie viele andere Wirtschaftszweige in Deutschland unter Personalmangel. Sie selbst haben in Ihrem Betrieb sogar schon eine Prämie für die Vermittlung von Mitarbeitenden ausgelobt.
Fitterer: Der Personalmangel ist zweifellos ein ernsthaftes Problem, das dem Handel auf Dauer sehr schaden kann. Deshalb gibt es schon seit Längerem vielfältige Bemühungen, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Das beginnt beispielsweise bereits in der Schule, wo der Handel mit Aktivitäten, etwa in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer, auf sich aufmerksam macht. Wir als Verband sind da genauso gefordert wie jeder einzelne Händler. Man muss da schon sehr einfallsreich sein. Übrigens: Die Prämie für einen Mitarbeiter, der einen neuen Mitarbeiter für mindestens ein Jahr vermittelt, gibt es in unseren Edeka-Märkten immer noch.

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

BT: Die Landesregierung will mit einem Sofortprogramm für Einzelhandel und Innenstädte den stationären Einzelhandel unterstützen. Ihr Verband fordert zusätzlich einen Investitionsfonds. Was soll ein solcher Fonds leisten?
Fitterer: Natürlich begrüßen wir als Handelsverband die Initiative der Landesregierung, den stationären Einzelhandel zu unterstützen, gerade mit Blick auf den Restart nach der Corona-Krise, und darauf, das Kulturgut Innenstadt zu bewahren. Allerdings reichen die gerade einmal fünf Millionen Euro, die zur Verfügung stehen, bei weitem nicht aus. Es ist angesichts der Aufgaben, die Handel und Kommunen haben, nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Andere Bundesländer tun da deutlich mehr. Hessen beispielsweise will seine Hilfen bis 2032 auf 40 Millionen Euro erhöhen. Wichtig wäre auch für Baden-Württemberg, den Einzelhandel mit einem Investitionsfonds zu unterstützen. Während der Pandemie haben sich viele Händler davor gescheut, in die Zukunft ihrer Geschäfte beispielsweise bei der Digitalisierung zu investieren. Mit einer Förderung des Landes könnte dies nun nachgeholt werden. Gleichzeitig müssen Kommunen und Handel an einem Strang ziehen, wenn es um die Attraktivität der Innenstädte geht. Wir als Verband sehen uns hier unter anderem als Interessenvertretung gegenüber der Politik, und gleichzeitig auch als Ideengeber für konkrete Projekte in den Kommunen.

Interview

BT: Anderes Thema: Verbraucher beklagen seit Monaten steigende Preise für Lebensmittel aufgrund verteuerter Agrarrohstoffe. Händler wie Edeka sehen sich Forderungen von Markenherstellern nach weiteren Preisaufschlägen gegenüber. Sind diese Ihrer Ansicht nach gerechtfertigt?
Fitterer: Man muss hier unterscheiden zwischen Preiserhöhungen, die faktische Gründe haben, und solchen, die man als Mitnahmeeffekte bezeichnen kann. Fakt ist, dass verschiedene Rohstoffe, aber auch die Energie deutlich teurer geworden sind, so dass die Lebensmittel-Produzenten diese Kosten weitergeben müssen. Ich glaube, dafür hat der Verbraucher, der die Kostensteigerungen ja selbst beim Benzin oder der Heizung erfährt, durchaus Verständnis. Aber es gibt leider auch Trittbrettfahrer, die die Gunst der Stunde nutzen wollen, um höhere Preise am Markt durchzudrücken. Dagegen wehren sich Einzelhändler wie Edeka, weil letztendlich der Kunde im Laden die Rechnung dafür zahlen muss. Und das wollen wir nicht.

Stichwort

Der Handelsverband Südbaden ist der Spitzenverband für den Einzelhandel aller Branchen, Betriebsgrößen und Vertriebsformen und vertritt die Interessen für mehr als 11.700 Arbeitsstätten im Handel in Südbaden gegenüber Politik und Gesellschaft. Der Handel stellt den drittgrößten Wirtschaftszweig in Südbaden dar mit über 75.000 Beschäftigten, knapp 4.000 Auszubildenden und einem Umsatz von rund 14,1 Milliarden Euro pro Jahr. Das Verbandsgebiet umfasst die Regionen Mittlerer und Südlicher Oberrhein, Hochrhein, Schwarzwald, Bodensee-Baar und Heuberg. Es reicht von Durmersheim bis Lörrach und von Breisach bis Immenstaad am Bodensee. Gesteuert wird der Verband durch selbstständige Kaufleute ehrenamtlich in Form des gewählten Präsidiums, das die Branchen und Regionen repräsentiert. Die operative Arbeit obliegt der Geschäftsführung und hauptamtlichen Mitarbeitern. (vo)

Ihr Autor

Jürgen Volz

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Erstellt:
19. November 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 55sec

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