„Der Griff in die Kasse ist Diebstahl“

Gernsbach (ham) – Ein Mitarbeiter in einem Imbisswagen hat „Angst um seinen Lohn“ und nimmt sich rund 1.200 Euro. Das kommt ihn vor dem Amtsgericht teuer zu stehen.

90 Tagessätze zu je 20 Euro muss ein 39-Jähriger bezahlen, weil er seinen Chef um rund 1.200 Euro betrügen wollte. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

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90 Tagessätze zu je 20 Euro muss ein 39-Jähriger bezahlen, weil er seinen Chef um rund 1.200 Euro betrügen wollte. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Der Griff in die Kasse eines Imbisswagens am Abend war unstrittig. Dass der Angeklagte die Tageseinnahme von mehr als 1.200 Euro einkassierte, räumte der 39-Jährige vor dem Amtsgericht Gernsbach ebenfalls unumwunden ein: „Ich hatte Angst, dass ich meinen Lohn nicht bekomme.“ So blieb letztlich nur die Frage für Richter Ekkhart Koch offen, ob die Entnahme berechtigt war oder es sich um schnöden Diebstahl handelte.

Zunächst schloss der Amtsgerichtsdirektor nicht aus, dass der Angeklagte zurecht so vorging und nahm den geschädigten Karlsruher Gastronom, der als Zeuge auftrat, ins Visier. Grund: Zum einen hatte der 39-Jährige mit einer Kollegin zusammen am späten Nachmittag des 12. September 2020 die Kasse exakt gezählt. 1207,60 Euro befanden sich darin, die bei Mayr-Melnhof Karton verdient wurden. Die Obertsroter Firma hatte den Karlsruher Gastronom vom 30. August bis 19. September aufs Gelände gebeten, um den Hunderten von Fremdarbeitern eine Verköstigungsmöglichkeit zu bieten, während diese das Werk auf Vordermann brachten (das BT berichtete). „Wer zählt schon die Kasse, wenn er danach das Geld stehlen will?“, sah Koch dies zunächst als Entlastung für den Angeklagten, der die bis auf 1,20 Euro geplünderte Kasse samt des schmutzigen Geschirrs zurückbrachte zum Imbisswagen-Besitzer.

Zudem überzeugte der Zeuge auch nicht wegen unpräziser Aussagen. Dem angeheuerten Mitarbeiter habe er zum Beispiel einen Lohn „zwischen zehn und elf Euro“ versprochen, „ich weiß das nicht auswendig. Da muss ich erst meine Mitarbeiterin fragen“. Der Angeklagte hob jedoch hervor, dass ihm der Gastronom mündlich einen Stundenlohn von 22 Euro zugesagt habe. Dies schien insofern glaubhaft, weil der Chef seinen ehemaligen Mitarbeiter mehrfach als „Topkraft“ lobte.

„Es ist mehr als nur peinlich“

Dass der Gastronom den Angeklagten bis April 2021 als Minijobber für 450 Euro gemeldet hatte, kreidete Koch dem Zeugen ebenfalls an. „Das war falsch!“, betonte der Richter und witterte branchentypische „Schwarzarbeit“, zumal der Angeklagte noch bei einem Pächter des Gastronomen angestellt war und Kurzarbeitergeld während der Pandemie einstrich – allerdings nur 640 Euro pro Monat, die wegen seiner drei Kinder und Ehefrau um 670 Euro vom Sozialamt aufgestockt wurden. Die rund 900 Euro, die der 39-Jährige in Obertsrot selbst bei nur elf Euro Lohn für seine etwa 84 Arbeitsstunden bis zum Tattag erhalten hätte, wären da ein willkommenes Zubrot gewesen, hätte der Imbisswagen-Betreiber diesen ausgezahlt. Da er das Geld jedoch nicht gleich bekam, griff der Mann zu und nahm sich, was ihm seiner Meinung nach zustand.

Letztlich kippte bei Koch die Stimmung für den Angeklagten, als der Gastronom hervorhob, dass er schon einen dokumentierten Vorschuss von 200 Euro bezahlt habe. „Da er eine Toparbeit machte, hätte ich ihm auch einen weiteren gegeben, hätte er etwas gesagt“, betonte der 56-jährige Karlsruher, schließlich wollte er, dass der ungelernte Mann seine Arbeitskraft bis zum 19. September in Obertsrot für ihn einsetzte und „uns nicht im Stich lässt“.

Die Reue des Angeklagten, der sich bei der Gattin seines Chefs per Telefon entschuldigte und per Whatsapp an sie schrieb („Es ist etwas in mich gefahren. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es ist mehr als nur peinlich.“) kam zu spät. Ein einmaliger Ausrutscher war der Vorfall ohnehin nicht. Der 39-Jährige hatte 13 Einträge in seinem Strafregister stehen: Neben Urkundenfälschung und Erschleichung von Leistungen finden sich dort auch Betrug, Unterschlagung und Einbruch mit einer Schadenssumme von bis zu 3.000 Euro; Diebstahl bescherte ihm auch schon sechs Monate Haft auf Bewährung.

Diesmal beließen es Koch und die Staatsanwältin einmütig bei einer Geldstrafe. Letztere forderte 120 Tagessätze zu 15 Euro. Richter Koch urteilte zwar auch auf 1.800 Euro, allerdings verteilt auf 90 Tagessätze zu je 20 Euro. Mildernd werteten beide, dass es offensichtlich sei, dass der Mann nur seinen Lohn haben wollte. „Aber auch wenn es, wie so oft in der Gastronomie, nicht sauber lief, geht das so nicht! Der Griff in die Kasse ist Diebstahl!“, unterstrich Koch und riet dem Verurteilten: „Wenn Sie meinen, dass höhere Lohnansprüche bestehen, müssen Sie vor das Arbeitsgericht ziehen.“


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