Der Konflikt steckt im Pausensekt

Bayreuth (BNN) – Der Bayreuther „Ring“-Regisseur Valentin Schwarz spricht im Gespräch mit dieser Zeitung über seinen Karlsruher „Don Pasquale“

„Hier beginnt der Reichtum des Probierens“: Regisseur Valentin Schwarz entwickelt seine Inszenierungen immer auch abhängig von den Darstellern. Foto: Uli Deck/Artis

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„Hier beginnt der Reichtum des Probierens“: Regisseur Valentin Schwarz entwickelt seine Inszenierungen immer auch abhängig von den Darstellern. Foto: Uli Deck/Artis

Um ein Haar wäre er der jüngste Regisseur gewesen, der in Bayreuth je einen „Ring“-Zyklus inszenierte. Doch Corona hat Valentin Schwarz einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wenn seine für die Richard-Wagner-Festspiele geplante Produktion im Sommer nachgeholt wird, ist der österreichische Regisseur, der in Stuttgart lebt, bereits älter als einst der 32-jährige Patrice Chéreau. Seine preisgekrönte Inszenierung von Donizettis „Don Pasquale“, die 2019 in Montpellier herauskam, ist jetzt in Karlsruhe zu erleben. Schwarz hat mit unserer Mitarbeiterin Isabel Steppeler gesprochen.

Zwischen Aktualisierung und Abstraktion

BT: Herr Schwarz, vor zwei Jahren sagten Sie, der „Ring Award“ sei für Sie bis dahin der größte Schritt in einer Regiearbeit gewesen. Also „Don Pasquale“. Was genau hat Sie herausgefordert?
Valentin Schwarz: Diese Oper entstand inmitten einer biografischen Extremlage des Komponisten Donizetti. Er verlor in den Jahren zuvor Frau, Eltern und Kinder. Wenige Jahre später wird er geistig zerrüttet in die Psychiatrie eingewiesen, aus der ihn sein Neffe befreit und verbringt die letzten Jahre in der Villa einer Baronin, die ihm gewogen war. Einen Bezug zwischen einem Mann, der vereinsamt auf ein Leben zurückblickt, und seinem Neffen gibt es auch in „Don Pasquale“. Der Reiz war, das Verhältnis und auch den gängigen Komödien-Topos, dass ein alter Mann eine junge Frau heiraten möchte, zwischen Aktualisierung und Abstraktion einzuordnen.

BT: Welches ist die Relevanz für das Publikum von heute, die Sie ja immer auch evident machen wollen in Ihren Inszenierungen?
Schwarz: Pasquale lebt in unserer Inszenierung in einer Kunst- und Wunderkammer, wie man sie von Fürstenhöfen früherer Jahrhunderte kennt. Diese Sammlungen von Naturalien und Artefakten sind Zeichen dafür, wie die jeweiligen Besitzer ihre Grenzen der Welt abstecken. Auch Pasquale lebt in einem solchen für sich geordneten Mikrokosmos. Und duldet keine Eigenständigkeit außerhalb der eigenen Gedanken. In dieser Welt hausiert der Neffe Ernesto als Störenfried. Interessant für mich war, diese Figuren in der Frage zusammenführen: Was möchte ich ändern an meinem Leben und wie viel bin ich bereit, mich dafür selbst zu ändern? Es geht mir um Selbstkorrektur als Zeichen der Größe.

BT: Die Produktion war vor zwei Jahren schon in Montpellier zu sehen. Ihre Stücke entwickeln Sie nach eigenen Aussagen gerne gemeinsam mit den Darstellern. Wie viel haben Sie für die Karlsruher Besetzung geändert?
Schwarz: Überraschend viel! Da ist eine vorhandene Produktion, und dann kommt man in die erste Probe, trifft die neuen Darstellerinnen und Darsteller und weiß sofort: Ne, das sind sie nicht. Hier beginnt der Reichtum des Probierens. Gerade weil es in Karlsruhe fast ausschließlich Debütanten sind, die das Stück noch nie gesungen haben. Diese Tabula rasa, gemeinsam über die Charaktere nachzudenken und in ein Spiel zu treten, ist ein großer Reiz.

Haarsträubende Stoffe für Theater der Konflikte

BT: Wenn Sie sich Opern für die Regie aussuchen können, welche reizen Sie besonders?
Schwarz: Ich bin für ein Theater der Konflikte. Die Bühne ist ein Ort, auf der wir unterschiedliche Weltanschauungen zeigen können, die oft blutig aufeinandertreffen, sich vielleicht auch in Wohlgefallen auflösen, sich durch das Publikum aber auch weitertragen ins Foyer und in den Pausensekt. Im geschützten Raum eines Kunstwerkes können wir demokratisch einüben, miteinander in Dialog zu treten, ohne uns die Köpfe einzuschlagen. Dazu eignen sich auch Stoffe, die haarsträubend wirken. Es gibt Figuren, die sind so weit entfernt von meinem Demokratie- und Toleranzverständnis, dass sie mich zunächst abstoßen. Jeder Figur ist aber zu ihrem Recht zu verhelfen, niemand wird denunziert.

BT: Ein Zufall, dass Sie noch keine Renaissance- oder Barock-Oper inszeniert haben?
Schwarz: Jein. Ein Theater der Konflikte ist im Prinzip nur möglich, wo sich zwei Figuren begegnen. In einer barocken Da-capo-Arie aber kreist eine entrückte Figur gewissermaßen um sich selbst in einer zwar oft berührenden Seelenschau, die aber leider nicht auf ein sprechendes Gegenüber trifft. Das ist mir bis dato fremd.

„Erweckungserlebnis“ nach der Pause

BT: Als vor zwei Jahren die Nachricht von der Absage der Bayreuther Festspiele kam und ihre „Ring“-Produktion damit auf Eis lag, sagten Sie, die Absage fühlt sich an „wie eine Vollbremsung in ein Jahr ohne Sommer“. Wann konnten Sie wieder Gas geben?
Schwarz: Im Sommer 2021. Das war eine logistische und organisatorische, vor allem aber mutige Meisterleistung von Katharina Wagner zu sagen: Die Festspiele finden statt. Und ich habe in dieser Zeit drei Monate auf der Probebühne fernab von allem Klatsch und Bayreuth-Trubel mit meinen Darstellerinnen und Darstellern während der laufenden Festspiele den „Ring“ proben können. Das war ein Erweckungserlebnis nach einer Pause von eineinhalb Jahren verlorener Zeit für die Kunst. Viele hatten Tränen in den Augen, als sie wieder ein Orchester gehört haben.

BT: Haben Sie das Konzept für den „Ring“ verändert nach den Erfahrungen der Pandemie?
Schwarz: Nein. Ich finde es erfrischend, dass Oper eben nicht die Tagespolitik kommentiert. Wir haben Vorbereitungen, die sich über Jahre erstrecken, das ist eine bedächtige Kunstform, und das ist gut so. Oper ist eine tief emotionale Angelegenheit, die durch Inhalte gedeckt sein sollen, die uns heute berühren. Aber der Raum des Theaters kann genauso ein Gegenspiel zeigen zu unserem Alltag. Jetzt etwa alle Darsteller als theatrales Zeichen mit der allgegenwärtigen Maske auf die Bühne zu schicken, ist für mich witzlos.

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