Der Krieg wird zur Zerreißprobe fürs globale Netz

Karlsruhe (BNN) – Das Modell „Eine Welt, ein Internet“ garantiert mit einigen Ausnahmen einen weltweit freien Informationsfluss. Im Ukraine-Krieg kapselt sich allerdings Russland zunehmend ab.

Das World Wide Web ist in Gefahr: Russland hat offenbar die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, um ein eigenes, staatlich kontrolliertes „Runet“ zu starten. Foto: Jens Büttner/dpa

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Das World Wide Web ist in Gefahr: Russland hat offenbar die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, um ein eigenes, staatlich kontrolliertes „Runet“ zu starten. Foto: Jens Büttner/dpa

Das Internet mit seinen geschätzten fünf Milliarden Nutzern ist eines der Weltwunder der Neuzeit und nach der Definition der Vereinten Nationen sogar ein Menschenrecht. Doch skrupellose Kriegstreiber neigen häufig dazu, die Menschenrechte mit Füßen zu treten. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat bereits zu einer Teil-Abschottung des weltgrößten Landes vom grenzenlosen Daten- und Nachrichtenfluss im „World Wide Web“ geführt. Sie könnte bald noch viel extremer werden.

In Russland, aber auch im Westen wird darüber spekuliert, ob Präsident Wladimir Putin sein Land komplett vom Internet abkoppeln könnte, um die Zügel seines autoritären Regimes weiter anzuziehen. Es gibt auch Sorgen, dass Russland das „unfreundliche“ Europa heimlich vom Internet abschneiden könnte, um dort Chaos zu stiften. Umgekehrt halten es russische Analysten für vorstellbar, dass der Westen als Strafe für den Überfall auf die Ukraine die Online-Verbindungen zu Russland kappt, um es zu isolieren.

Alle diese drei Szenarien sind technisch wohl grundsätzlich möglich. Besonders die (Selbst)Absonderung des sogenannten „Runets“ mit seinen 124 Millionen Nutzern könnte aber eine bedenkliche Entwicklung in Gang setzen, warnen Experten: Das weltumspannende Informationsnetz könnte vielleicht in mehrere kleine Netze reißen. Das Modell „Eine Welt, ein Internet“ wäre damit am Ende.

Koppelt sich Russland vom Rest der Welt ab?

Die Macht des Internets wurde dem herrschsüchtigen Autokraten in Moskau so richtig vor einem Jahrzehnt bewusst: 2011 gingen als Reaktion auf die offensichtlich manipulierte Parlamentswahl Hunderttausende Menschen auf die Straße, so viele wie noch nie in der neueren Geschichte Russlands. Die Proteste gegen die Staatsmacht wurden in den sozialen Netzwerken koordiniert. Putin veranlasste die Behörden daraufhin, die Kommunikation im Internet besser zu überwachen und bestimmte Inhalte zu blockieren oder zu filtern.

Ende Februar wurden in Russland die Netzwerke Facebook, Instagram und Twitter blockiert. Gleichzeitig mussten sich kritische Medien wie „Doschd“ oder „Echo Moskwy“ aus dem Netz zurückziehen. Kurz darauf wurde die Existenz zweier Regierungsanweisungen bekannt, wonach die Behörden ihre Daten im Netz auf russische Server übertragen und über die Besucher ihrer Webseiten im Ausland Auskunft erteilen mussten. Das befeuerte im Land die Gerüchte über die bevorstehende Einführung des „Runets“ (russischen Internets).

Bereits seit Februar sind soziale Plattformen wie Facebook und Instagram in Russland blockiert. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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Bereits seit Februar sind soziale Plattformen wie Facebook und Instagram in Russland blockiert. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Weichen dafür wurden 2019 gestellt, als die Staatsmacht per Gesetz einige „Schutzmaßnahmen“ zum Aufbau eines autonomen Netzes vorschrieb. Unter anderem sollte in Russland ein nationales Domain Name System (DNS) zur Zuweisung von URLs zu IP-Adressen entstehen. Vereinfacht gesagt, handelt es sich um ein eigenes Telefonbuch für das Internet. Zugleich wurden die Provider verpflichtet, mittels Überwachungstechnik auf behördliche Anweisung den Kundenzugang zu „verbotenen Webseiten“ zu sperren.

Die Vorarbeiten zu einer möglichen Abkopplung des „Runets“ sind offenbar weit vorangeschritten. „Das könnte jeden Tag passieren, die müssen nur auf den Knopf drücken“, warnte im März der Moskauer IT-Fachmann Michail Klimarjow von der „Gesellschaft zum Schutz des Internets“. Ein anderer bekannter Computerexperte, Alexei Schkittin, schätzte in einem Interview mit der Investigativ-Plattform „The Insider“, dass die Regierung noch einige Wochen brauchen würde, um ein isoliertes „Modell des großen Internets“ in Russland starten zu können. Andere Fachleute glauben jedoch nicht, dass es so schnell geht oder überhaupt funktioniert. Offiziell hieß es in Moskau zuletzt: „Eine interne Abschaltung des Internets ist nicht geplant“.

Könnte Russland Europa vom Netz abschneiden?

„Der Krieg der Zukunft wird auch ein Krieg um die Untersee-Datenkabel sein“, schrieb Mitte 2021 der deutsche Sicherheitsexperte Oliver Rolofs in der „Neuen Züricher Zeitung“. Laut Rolofs laufen heute 95 Prozent des internationalen Datenverkehrs über etwa 400 Seekabel mit einer Gesamtlänge von rund 1,3 Millionen Kilometern, die bis zu 6.000 Meter tief liegen. „Der Schutz dieser Infrastruktur wird immer wichtiger, doch hat Europa bislang dem aggressiven Gebaren Chinas und Russlands wenig entgegenzusetzen“, warnte der Ex-Kommunikationschef der Münchner Sicherheitskonferenz.

Es gibt jetzt Befürchtungen, dass Russlands Führung mit U-Booten oder Tiefsee-Forschungsschiffen gezielt die Internet-Infrastruktur im Atlantik angreifen könnte, um Europas Verbindungen mit Amerika zu kappen. Die möglichen Folgen wären schwerwiegend, da in den EU-Ländern viele Unternehmen die Dienstleistungen von US-Rechenzentren nutzen. Das Szenario der sogenannten „Seabed Warfare“ wird angeblich bei der Nato sehr ernst genommen. Vor Kurzem gab Frankreich bekannt, seine „Meeresboden“-Fähigkeiten verbessern zu wollen, auch Großbritannien investiert in den Schutz der Internet-Seekabel. In der Vergangenheit nannten russische Militärexperten derlei Ängste im Westen unbegründet, räumten aber ein, dass ihr Land tatsächlich zu solchen Angriffen fähig wäre.

So oder so bereitet man sich in Moskau zurzeit auf ein Gegenszenario vor, wonach der Westen die Internet-Verbindungen nach Russland kappen könnte, um seine „Kapitulation“ im Krieg gegen die Ukraine zu erzwingen. Ende März berichteten die Medien, dass eigene Schutztechnologien eine solche externe Abschaltung verhindert hätten. Details dazu wurden nicht bekannt. Es ist jedoch fraglich, ob die EU-Staaten und Nato Russland auf diesem Weg von der digitalen Außenwelt isolieren wollen würden, weil dies die Menschenrechtslage im Land mit großer Sicherheit verschlechtern würde.

Gemeinsames Internet in Gefahr

​Würde Russland aus dem gemeinsamen Internet verschwinden und zu einem „digitalen Paria-Staat“ werden, wäre das aus Sicht mancher Kreml-Kritiker die „Tragödie des Jahrtausends“. Aber auch westliche Experten sehen in einer solchen Entwicklung eine große Gefahr für die vernetzte Welt, vor allem wenn Staaten wie China, Iran oder Saudi-Arabien dem russischen Beispiel folgen würden. Sie warnen deswegen vor einem „Splinternet“. Hätte man eine „Reihe nationaler oder regionaler Internet-Subgruppierungen, die nicht mehr miteinander sprechen und vielleicht sogar mit inkompatiblen Verfahren arbeiten, würde dies das Ende des Internets als einheitliche globale Kommunikationstechnologie bedeuten“, schrieb im März die US-Zeitschrift MIT Technology Review.

Zum Thema:

In Russland sind Tausende regierungskritische Internetseiten gesperrt, aber auch neuerdings populäre Netzwerke wie Facebook oder Instagram. Solche Sperren lassen sich aber oft mithilfe der Virtuellen Private Netzwerke (VPN) umgehen. Sie verschleiern die Surfaktivitäten durch die Umleitung von Nutzer-Daten über spezielle Anbieter-Server. So wird vorgegaukelt, dass die Person sich in einem anderen Land befindet. Durch einen solchen „Tunnel“ kann sie dann zum Beispiel auf Facebook wieder zugreifen. Durch die Verschlüsselung des Datenverkehrs der Nutzer wird außerdem deren Privatsphäre gewahrt und ihre Identität verborgen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Alexei Makartsev

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Erstellt:
8. April 2022, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 19sec

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