Der Krise ein Gesicht geben

Stuttgart (sr) – Menschen vor und hinter den Kulissen fordern mit einer Porträtreihe mehr Aufmerksamkeit für die existenzielle Not der komplett heruntergefahrenen Kulturbranche.

Ein Stuttgarter Kulturgesicht: Christoph Bubeck plant über die jetzige Situation hinaus schon für die kommende Open-Air-Zeit. Foto: Dominic Pencz

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Ein Stuttgarter Kulturgesicht: Christoph Bubeck plant über die jetzige Situation hinaus schon für die kommende Open-Air-Zeit. Foto: Dominic Pencz

Einerseits machen sich prominente Künstler wie Anne-Sophie Mutter oder der Trompeter Till Brönner zu Wortführern dieses Wirtschaftszweigs, in dem mehr als 1,6 Millionen Menschen beschäftigt sind. Andererseits zeigen jetzt auch die ganz Unbekannten hinter den Kulissen der nicht nur glitzernden Veranstaltungswelt ihr Gesicht: In den sozialen Netzwerken und an Plakatwänden tauchen immer mehr Porträts der „Dienstleister hinter den Shows, Konzerten und Events“ auf, die auf ihre schwierige und seit Monaten ungelöste Situation aufmerksam machen.

Viele kleine, bisher nur lokal beachtete Initiativen wachsen zu einer bundesweiten Wachrüttelaktion zusammen, die nicht mehr zu übersehen ist. „Ohne Kunst und Kultur wirds still“ heißt ein Projekt der Lübecker Kulturmanagerin Maria Paz Caraccioli Gutierrez und des Fotografen Martin Diesch, an dem sich auch das Theater Baden-Baden orientiert hat. Das „uns“ im Wort Kunst wird auf den Plakaten deutlich hervorgehoben. Das Theater brachte sich kürzlich in dieser Zeitung mit einer vollkommen leeren Programmseite in Erinnerung, symbolisch für den über den Jahreswechsel hinaus abgesagten Spielbetrieb des Hauses, der gerade jetzt mit Weihnachtsmärchen und abwechslungsreichem Abendprogramm besonders attraktiv sein sollte.

Stumme Auftritte im Netz

Im November haben viele Musiker diese unnatürliche Stille im Veranstaltungsbereich auf die Spitze getrieben, als sie Konzertbühnen in Abendkleid, Frack und Lackschuh betraten, um dann 20 Minuten lang nichts zu tun – #sangundklanglos nannten sie das. Initiatoren der Stille-Aktion waren die Münchner Philharmoniker, unzählige andere Orchester und Solisten schlossen sich an und stellten Bilder von ihren stummen Auftritten ins Netz.

Caraccioli Gutierrez ist Kulturmanagerin in Lübeck und selbst seit März in Kurzarbeit. Ihre Fotoaktion mit vielen Künstlern und mit Kulturschaffenden, die man sonst nicht im Rampenlicht sieht, findet Anklang in ganz Deutschland. „Unsere Bilder zeigen die Menschen hell, fröhlich, stolz und leidenschaftlich“, sagt sie. Gekennzeichnet sind sie nur mit den wichtigsten Daten: Christian, 54, Diskothekenbetreiber. Lilly, 24, Beatboxerin und Rapperin, oder Johanna, 42, Theaterpädagogin. In vielen Städten werden die Porträts plakatiert.

Auch in Karlsruhe ist eine ähnliche Aktion entstanden, dort heißt sie „Kulturgesichter 0721“ und springt auch auf benachbarte Städte über, in Freiburg wurden gerade die ersten Porträts aufgenommen. Man kämpfe dafür, bundesweit Gehör zu finden und eine angemessene Unterstützung in der Corona-Pandemie zu erhalten, betonen Sascha Kauert und Niklas Braun, die das Karlsruher Projekt initiiert haben.

Identische Posen

Schon seit September gibt es diese Aktion in Stuttgart, sie ist damit neben München und Osnabrück eine der ersten bundesweit. 178 Menschen, die eine Veranstaltung planen, im Detail organisieren oder durch ihren Einsatz hinter den Kulissen ermöglichen, haben sich dort den Fotografen gestellt. Alle in fast identischen Posen – dunkles Shirt, verschränkte Arme, offener Blick. So geben sie der Krise ein Gesicht.

Dank einiger Spenden sind die Stuttgarter Porträts auch im Stadtbild sichtbar: An S-Bahn-Stationen, an Bauzäunen oder auf einem riesigen Banner an der Schleyerhalle. Auch Print-Magazine, in denen die Kulturmacher „in Friedenszeiten“ regelmäßig inserieren, wie Christoph Bubeck, PR- und Marketingmanager in Stuttgart, ironisch formuliert, stellen jetzt kostenlose Seiten zur Verfügung.

Bühnentechniker für Ton und Licht, Messebauer, Sicherheits- oder Reinigungspersonal, Künstlerbetreuer, Agenturen und Produzenten – sie alle stehen seit März ohne sicheres Einkommen da. Mit den angekündigten staatlichen Unterstützungsmaßnahmen gibt es häufig Probleme, weil die Branche sehr unterschiedliche Dienstverhältnisse hat und die Maßnahmen auf die spezielle Situation etwa von Solokünstlern bisher nicht eingehen. „Viele Kollegen wurden in Hartz vier abgedrängt“, klagt Caraccioli Gutierrez, „und haben dadurch keine Chance mehr, andere Fördermittel zu erhalten.“

„Das ganze nächste Jahr wird noch schwierig“

Sie wird künftig mithilfe einer Stiftung Konzerte organisieren, für die ordnungsgemäße Gagen bezahlt werden – egal, wie viel Publikum gerade erlaubt ist. Und sie will eine Beratungsstelle für Künstler und Veranstaltungsmitarbeiter in Not gründen, weil es da sehr viel Bedarf gebe. Eine Rückkehr zu ihrer eigentlichen Arbeit als Kulturmanagerin einer Veranstaltungshalle sieht sie in absehbarer Zeit nicht als gegeben an: „Das ganze nächste Jahr wird noch sehr schwierig, schon vom Timing her, denn große Veranstaltungen brauchen viel Vorlauf. „Und wie wird das dann gehen – dürfen nur noch geimpfte Zuhörer in den Saal? Kultur als Luxusgut? Und wie kann man das rentabel machen?“ Da sieht die engagierte Managerin noch sehr viele Fragen offen.

Bubeck geht mit mehr Hoffnung ins neue Jahr, wenigstens für die Open-Air-Saison plant er unverzagt größere Veranstaltungen.

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Erstellt:
15. Dezember 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 14sec

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