Der Luchs fühlt sich im Murgtal wohl

Murgtal (BT) – Jeder kennt ihn, doch kaum einer ist ihm schon einmal in freier Wildbahn begegnet. Im Murgtal fühlt er sich wohl: der Luchs.

Ein typisches Luchshabitat: Felsbiotop im mittleren Murgtal. Foto: Landratsamt/Andreas Wacker

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Ein typisches Luchshabitat: Felsbiotop im mittleren Murgtal. Foto: Landratsamt/Andreas Wacker

Mit seinem orange-braunen, schwarz gemusterten Fell, seinen charakteristischen Pinselohren und seiner stattlichen Größe wirkt er schon fast wie aus einer anderen Welt. Sarah Kubela, Trainee beim Forstamt des Landkreises Rastatt, stellt den „Neubürger“ näher vor:

Der eurasische Luchs begeistert die Menschen, doch lange Zeit war er in Mitteleuropa von der Bildfläche verschwunden. Er wurde zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert auf dem gesamten europäischen Kontinent gezielt ausgerottet und verdrängt. 1770 wurde auch der letzte Schwarzwälder Luchs am Kaltenbronn geschossen, denn lange galt er als Konkurrenz für die Jägerschaft und als Bedrohung für die Viehhalter. Heute ist bekannt, dass sich der Luchs als Pirschjäger nur wenig für Nutztiere interessiert und sich vor allem von dem vorhandenen Rehwildbestand ernährt.

Auch die Jäger können beruhigt sein: Untersuchungen zufolge ernährt sich der Luchs von nur durchschnittlich einem Reh pro Woche. Seine Beute wird verteilt auf seinem rund 100 Quadratkilometer großen Revier erlegt und so lange wieder aufgesucht und genutzt, bis nur noch das Knochengerüst und das Fell übrig bleiben. Zur Verdeutlichung: Die Größenordnung des Reviers umfasst etwa 14.000 aneinandergereihte Fußballfelder oder die zweifache Fläche der Stadt Rastatt.

„Katzenfelsen“ in Langenbrand

Die Ausrottung des Luchses führte zu einigen Wiederansiedlungsversuchen, wie zum Beispiel 1970 im Bayerischen Wald. Heute geht man von annähernd 200 Tieren in Deutschland aus. Das klingt erst einmal nach einer stattlichen Anzahl, problematisch ist aber, dass die einzelnen Luchspopulationen vorwiegend isoliert voneinander leben. Besonders das dichte Straßennetz und offene Landschaftsbereiche ohne Deckungsmöglichkeiten hindern den Luchs zu wandern, sich in neuen Gebieten anzusiedeln sowie den genetischen Austausch zu gewährleisten.

Hat es ein „Pinselohr“ geschafft, aus seinem Geburtsrevier abzuwandern, sucht er sich in Mitteleuropa am liebsten Bereiche in großen, unzerschnittenen Waldgebieten. Besonders Bereiche am Hang mit besonnten Felspartien, auf denen er seine Umgebung gut im Blick behalten kann, sagen ihm zu. Felsspalten und Höhlenbereiche bieten ihm Deckung und Schutz.

Betrachtet man die Strukturen, die der Luchs in seinem Lebensraum benötigt und schätzt, findet man viele Übereinstimmungen mit dem Naturraum im mittleren Murgtal. Die schroffen, von Granitfelsen durchsetzten Wälder sind ein ideales Wohngebiet für Luchse. Schon alte Ortsbezeichnungen lassen auf ein früheres Vorkommen des Luchses im Murgtal schließen. So findet sich auf der Gemarkung Langenbrand zum Beispiel der „Katzenfelsen“. Nur allzu gut kann man sich vorstellen, wie einst ein Luchs auf diesem Felsen sein Tageslager fand.

Auch an den steilen, felsigen Hängen in den Gemeindewäldern von Forbach, Weisenbach oder Gernsbach finden sich optimale Luchshabitate. Der von den Förstern des Kreisforstamts naturnah bewirtschaftete Wald bietet eine sehr gute Grundlage für einen geeigneten Wohlfühllebensraum. Durch die Pflege ist er besonders vielfältig. Junge Bäume können sich durch ein vom Förster eingeleitetes Auflichten ansamen und bieten dem Luchs Schutz und einen Rückzugsort. Auch das für den Luchs jagdbare Wild hält sich gerne in diesen Bereichen auf. Das Murgtal ist zwar gut durch Wanderwege erschlossen, dennoch bietet es genug geschützte Räume für die doch sehr scheue Katzenart.

Früher Feind, heute Freund

Wurde der Luchs in alten Zeiten oftmals feindselig betrachtet, freuen sich heute Forstleute wie örtliche Jäger über sein Zuwandern in den Nordschwarzwald. Andreas Wacker, Leiter des Forstreviers Gausbach, trägt gerne zur Gestaltung eines optimalen Lebensraums für den Luchs bei: „Es freut mich wirklich sehr, dass sich der Luchs im hiesigen Wald so wohlfühlt. Wir haben einen hohen Anteil sehr interessanter Felsbiotope auf der Gemarkung. Gerade auch bei den Waldpflegemaßnahmen habe ich die Ansprüche dieser Tierart stets im Hinterkopf, da tausche ich mich gerne auch regelmäßig mit unserem Wildtierbeauftragten Martin Hauser aus.“

Geschätzt von Förstern und Wildtierbeauftragtem wird die Zusammenarbeit mit den hiesigen Jägern. Durch aufmerksame Jagdpächterhinweise erfahre man sehr viel über das Vorkommen des heimlichen Waldbewohners. Eine gute Zusammenarbeit sei daher unabdingbar, um gemeinsam die so besondere Tierart wieder dauerhaft heimisch zu machen. Jetzt fehlt dem männlichen Luchs nur noch das passende Weibchen, um auch auf lange Sicht sein Wohngebiet im Murgtal zu finden.

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Erstellt:
26. August 2021, 17:12 Uhr
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