Der Mercedes-Flüsterer hört auf

Karlsruhe (vkn) – Karl Christof Kirschinger gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Automobil-Restaurierung. Nächstes Jahr ist aber endgültig Schluss für ihn. Er ist ein besonderer Tüftler.

Karl Christof Kirschinger restauriert einen Mercedes-Benz 220 Cabriolet A aus den 1950er Jahren. Er macht automobile Träume für eine internationale Kundschaft wahr.      Foto: Volker Knopf

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Karl Christof Kirschinger restauriert einen Mercedes-Benz 220 Cabriolet A aus den 1950er Jahren. Er macht automobile Träume für eine internationale Kundschaft wahr. Foto: Volker Knopf

Wohin man in der Werkstatt von Karl Christof Kirschinger auch schaut, sieht man Vehikel in verschiedenartigen Verfallszuständen. Automobile Leichen, denen der 69-Jährige neues Leben einhaucht. Kirschinger restauriert Mercedes-Benz-Modelle – und zwar ausschließlich jene der 1930er bis zu den 1960er Jahren.
Der gebürtige Schwabe, der in seiner Karlsruher Werkstatt tüftelt, ist aber nicht irgendein Schrauber. Im Bereich Karosserieaufbereitung und Komplettrestaurierung ist er eine echte Koryphäe. Seine Kundschaft ist international und kommt aus Frankreich, Österreich, der Schweiz und Skandinavien.

„Unsere Spezialität ist der Holzblechverbund-Karosseriebau. Das hat sich herumgesprochen. Es gibt nicht mehr viele, die so wie wir handwerklich arbeiten“, sagt der diplomierte Ingenieur, der einst zum Studium aus dem schwäbischen Heimsheim in die Fächerstadt kam.

Doch seine Tage in der Geburtsstadt von Carl Benz sind gezählt. Spätestens nächstes Jahr ist Schluss. Zwar hat er noch einen laufenden Mietvertrag auf dem Areal einer Brache in der Oststadt, die aber wohl in Bälde verschwinden wird. Ein vorsichtshalber angemietetes Gelände in Ettlingen will er nicht mehr nutzen. „Allmählich wird es Zeit zu gehen. Das qualitative Arbeiten, wie ich es mir vorstelle, ist ohnehin nicht mehr möglich. Ich finde kein Fachpersonal mehr, das auf diesem Niveau arbeitet. Ich mache das hier zwar seit 1974. Aber nein, Wehmut habe ich keine“, sagt der „Mercedes-Flüsterer“, der einen Nachfolger für das Areal sucht.

Exaktheit bei den Ersatzteilen

Der Tüftler schätzt vor allem die Qualitätsarbeit und Exaktheit bei den Ersatzteilen der Vorkriegsmodelle. Mit heutigen Modellen der Edelmarke aus Stuttgart kann er eher wenig anfangen. „Meiner Ansicht nach wurde dem Qualitätsgedanken ab Mitte der 1970er immer weniger Rechnung getragen. Das gilt letztlich für alle Marken. Die Gewinnmaximierung stand immer mehr im Vordergrund, nicht die Langlebigkeit“, sagt Kirschinger leicht resigniert.

Aktuell arbeitet er an einem Mercedes-Benz 220 Cabriolet A, das zwischen 1951 und 1955 hergestellt wurde. „Die Karosserie basiert noch auf einer Vorkriegskonzeption. Wir haben den Holzrahmen gebaut und darauf das Blech gesetzt. Es fehlen noch Lack und Leder.“

Einige Meter weiter steht das Gerippe eines Mercedes 170 S-D Pritschenwagen, ebenfalls aus den 50er Jahren. Der sei einst für die Post in Argentinien gebaut worden und gehöre einem Automobil-Enthusiasten von der Ostsee. Die Philosophie des Schrauberkönigs lautet: „Wir machen immer genau das, was das Auto benötigt. Nicht was der Kunde an zusätzlichem Schnickschnack wünscht.“

Eine Philosophie, die in der heutigen, kundenorientierten Zeit etwas antik daherkommt. Aber Kirschinger sieht sich als Handwerker, der nur Dinge macht, die Hand und Fuß haben. Modische Extravaganzen sind dem nüchternen Techniker eher fremd. Und wenn eine Restaurierung 2.000 Arbeitsstunden benötigt, dann sei das nun mal so. An dem Cabriolet A arbeitet er seit gut zwei Jahren.

Reifere Semester zählen zum Kundenkreis

Naturgemäß sind es eher reifere Semester mit solventem Hintergrund, die zu seinem Kundenkreis zählen. „Das Gros gehört zu Besserverdienenden mit Hang zu nostalgischen Fahrzeugen. Aber es gibt auch Liebhaber mit kleinerem Portemonnaie, die jede müde Mark in ihren Lebenstraum stecken“, weiß der Karosserie-Spezialist. Er selbst hat mehrere historische Vehikel in der Garage und fährt nach wie vor gerne mit seinem Mercedes 170 S-D durch die Straßen von Karlsruhe („damit sind früher Bürgermeister und Metzgermeister gefahren“).

Ersatzteile sind für Oldtimer der Nobelklasse oft schwer erhältlich. Kirschinger hat ein großes Netzwerk und stellt mehr als 200 Teile selbst her. Beim Karosserieholzverbund benutzt er vornehmlich Esche. Die Spannung ist bei ihm jedes Mal nach wie vor groß, wenn ihm eine „Rostlaube“ – so würde es der Laie wohl nennen – zur Restaurierung anvertraut wird. Denn der Karosserieblech-Profi, der auch privat ein Hang zu historischen Objekten hat („Ich bin gegen die Wegwerfgesellschaft“), hat bereits im Anfangsstadium das chromblitzende Endprodukt vor Augen.

Nach dem Ende seiner Mechaniker-Zeit plant der streitbare Geist, sich mehr als Berater und Gutachter zu engagieren.

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Erstellt:
8. September 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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