Nachschub geht Stadtmuseum Baden-Baden nie aus

Baden-Baden (fvo) – Das Stadtmuseum Baden-Baden hat auch in der Pandemiezeit gut zu tun: Neuzugänge müssen inventarisiert werden.

Raritäten aus 175 Jahren Feuerwehrgeschichte: Dr. Katja Mikolajczak bei der Recherche zur Jubiläums-Ausstellung im kommenden Jahr.  Foto: Stadtmuseum

© p

Raritäten aus 175 Jahren Feuerwehrgeschichte: Dr. Katja Mikolajczak bei der Recherche zur Jubiläums-Ausstellung im kommenden Jahr. Foto: Stadtmuseum

Die Wege des Herrn sind verschlungen und nicht selten führen sie direkt ins Stadtmuseum Baden-Baden. Da wäre etwa jene Zeichnung, die exemplarisch für Schenkungen steht, welche dem Institut ins Alleehaus flattern. Einmal Stourdza-Kapelle von der gegenüberliegenden Talseite – Lebensidylle in 4C. Das Blatt ist zusammen mit einer ähnlichen Zeichnung, welche eine Partie an der Oos zeigt, erst vorige Woche eingegangen, erzählt Dr. Katja Mikolajczak. Ein Herr aus Bayern habe sie im Nachlass seiner verstorbenen Mutter gefunden und angefragt, ob sie für die Sammlung interessant wären. Was sie natürlich sind.

„Es handelt sich um ein typisches Beispiel für Zeichnungen, welche ein Besucher der Kurstadt zur Erinnerung an den Aufenthalt gefertigt hat“, führt die wissenschaftliche Leiterin des Museums aus. Solche Blätter seien im 19. Jahrhundert in Alben geklebt und oft mit einer Benennung versehen. Diese Zeichnung indes wurde von einem Laien gefertigt, der namentlich nicht mehr fassbar ist.

50.000 zu betreuende Objekte

Und was beweist sie? Dass dem Stadtmuseum weder der Nachschub noch die Arbeit ausgehen. Bei knapp 50.000 zu betreuenden Objekten auch kein Wunder. Da mag Corona noch so toben, „irgendwas ist immer, uns wird nicht langweilig“, versichert Mikolajczak. „Man ist immer mit etwas beschäftigt“, ob nun mit Altbeständen oder mit „Neuzugängen“. Und es kommt ja ständig Material dazu: Schriftliche Zeugnisse, die es zu digitalisieren, Schenkungen, die es zu inventarisieren gilt.

Aktuell sortiert Mikolajczak etwa einen ganz interessanten Nachlass: Korbmöbel aus der Manufaktur „Vorreiter“, Waschgarnituren aus dem frühen 20. Jahrhundert und historische Puppen – letzteres natürlich heiße Kandidaten für die Spielzeugsammlung. Mit dem Eigentümer stand man zuvor in Kontakt, die Materialien wurden vorher gesichtet.

Was die Frage nach Ramsch oder Rarität aufkommen lässt. „Unser Kriterium ist immer: Was könnte die Menschen in 100 Jahren interessieren? Und vor allem: Was passt zur Ausrichtung der Sammlung?“, erklärt Mikolajczak.

Kilometerweise Akten

Das kann ein Künstler, aber auch einfach ein Zeugnis aus dem gewerblichen Bereich sein, Hauptsache der Bezug zur Stadt ist da. „Es ist nicht nur die hohe Kunst, sondern gerade die Alltagsgegenstände stehen für die Historie und das Leben in einer Stadt.“ Einfach ein Objekt mit interessanter Aussagekraft. „Mitunter müssen wir natürlich auch mal Dinge ablehnen“, so Mikolajczak. Alles eine Frage der Relevanz und des Platzes. Und so bedauerlich der Ausfall von Ausstellungen ist, auch die Corona-Zeit ist historisch nicht ohne Gewinn. Denn getreu der Logik, dass sich das Heute bereits morgen zum historisch interessanten Gestern verwandelt, werden die Fühler stets auch nach aktuellster Zeitgeschichte ausgefahren. In diesem Fall Nähsets für Stoff- oder Alltagsmasken.

Schwerpunktverschiebung durch Corona

Ansonsten führt die Pandemie natürlich zu Schwerpunktverschiebungen bei der Arbeit, weniger für Heike Kronenwett, Gesamtleiterin Stadtmuseum und Archiv, Depotverwalter Stefan Müller oder Archivverwalterin Dagmar Rumpf. Für sie alle ist die Arbeit im Hintergrund normal, zumal nicht im Ausstellungshaus, sondern im Hort der Historie im Baldreit.

Am meisten betroffen von der Umstellung ist das Aufsichtspersonal, das, um nicht arbeitslos dazustehen, „aktuell im Archiv mithilft“. Inklusive Museumsshop und Kasse sind es drei Vollzeit- und drei Halbzeitkräfte, die derzeit Akten entmetallisieren. Büroklammern, Tackernadeln und ähnliches. Und bei Akten im Stadtarchiv „sprechen wir schon von Kilometern.“ Heike Kronenwett ist jedenfalls „froh, dass diese Arbeit gemacht wird, für die ja meist keine Zeit ist – aber vor allem, dass wir unsere Mitarbeiter weiterbeschäftigen können“.

Feuerwehrausstellung wird vorbereitet

Katja Mikolajczak indes – seit rund eineinhalb Jahren für das Stadtmuseum tätig – ist vor allem für die wissenschaftliche Aufbereitung der Objekte zuständig. Aktuell recherchiert die promovierte Kunsthistorikerin, (Schwerpunkt Malerei des 19. Jahrhunderts, darunter Jakob Götzenberger, Maler der Trinkhalle) für eine 2022 geplante Sonderausstellung zum Thema Feuerwehr, Anlass ist das 175-jährige Jubiläum der Baden-Badener Feuerwehr. „Um für eine solche Ausstellung wissenschaftlich fundierte Inhalte präsentieren zu können, wird ein entsprechend langer Vorlauf benötigt“, so Mikolajczak. Daneben noch das laufende Geschäft, Öffentlichkeitsarbeit, Mitarbeiterführung und dergleichen.

Ein „Neuzugang“ aus Bayern: Blick auf die Stourdza-Kapelle, unbekannter Künstler, 1891, Aquarell über Bleistift.  Foto: Stadtmuseum/Stadtarchiv Baden-Baden

© pr

Ein „Neuzugang“ aus Bayern: Blick auf die Stourdza-Kapelle, unbekannter Künstler, 1891, Aquarell über Bleistift. Foto: Stadtmuseum/Stadtarchiv Baden-Baden

Im April soll nach derzeitiger Planung die Ausstellung „Gurs 1940. Die Deportation und Ermordung von südwestdeutschen Jüdinnen und Juden“ eröffnet werden, die von Heike Kronenwett, Dr. Kurt Hochstuhl und Dagmar Rumpf vorbereitet und betreut wird.

„Wir können aus dem Stand loslegen“

Dabei handelt es sich um eine vom Haus der Wannsee-Konferenz konzipierte Wanderausstellung, die an vielen der Orte gezeigt wird, von denen Juden nach Gurs abtransportiert wurden. Sie soll durch die Vorstellung von Einzelschicksalen aus Baden-Baden ergänzt werden, wozu derzeit bekanntlich auch ein digitales Gedenkbuch erarbeitet wird. Für Sommer ist dann eine Sonderausstellung mit Hinterglasmalereien des jüngsten Baldreit-Stipendiaten Thilo Westermann geplant.

Fakt ist jedenfalls: „Wir sind gut vorbereitet. Sobald der Startschuss fällt, können wir aus dem Stand loslegen“, so Mikolajczak. Auch beim vorigen Lockdown war man das erste Museum, das zum Restart bat. „Wir hatten gleich am ersten Tag offen“, so Mikolajczak.

Die Zeit bis dahin kann sich der geneigte Besucher gern online verlustigen, entweder bei der 3D-Führung, einem virtuellen Rundgang durch die Vergangenheit der Stadt, oder über die neue Option des Online-Audioguides.

Er wurde im Oktober mithilfe des Förderkreises realisiert und war ursprünglich bestimmt für den Vor-Ort-Einsatz mit eigenem Smartphone – als Alternative für Menschen, die nicht so auf desinfizierte und in Folie eingewickelte Audiogeräte stehen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

Zum Artikel

Erstellt:
11. Februar 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 41sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.