„Der Philosoph der Schräge“ und sein Denkmal an der Murg

Gaggenau/Zürich(tom) – Justus Dahinden, der Architekt des Parkhotels, ist mit 94 Jahren gestorben.

Das seit bald anderthalb Jahrzehnten leerstehende Parkhotel als Brückenkopf am Murgufer, einer Karawanserei nicht unähnlich, wie der Architekt einmal darüber befand. Senger

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Das seit bald anderthalb Jahrzehnten leerstehende Parkhotel als Brückenkopf am Murgufer, einer Karawanserei nicht unähnlich, wie der Architekt einmal darüber befand. Senger

Die Geschicke einer Stadt kann man über Jahrzehnte hinweg mitbestimmen – ohne je darin gelebt zu haben. Professor Justus Dahinden ist dies gelungen. Sein Parkhotel dominiert das Stadtbild seit Anfang der 80er Jahre; die Diskussion über die Zukunft des seit bald anderthalb Jahrzehnten weitgehend leer stehenden Dreiecksbaus bestimmt immer wieder den öffentlichen Diskurs in Gaggenau. Am Ostersamstag ist der bekannte Schweizer Architekt im Alter von 94 Jahren gestorben.

„Mein Vater ist friedlich eingeschlafen“, erzählte Ivo Dahinden im BT-Gespräch. Der 66-Jährige ist eines von drei Kindern des Verstorbenen und ebenfalls renommierter Architekt.

In Deutschland hat sich Justus Dahinden mit spektakulären Bauwerken einen Namen auch außerhalb der Szene gemacht. Stellvertretend seien genannt das legendäre Restaurant Tantris und der Freizeittempel Schwabylon.

Zwischen Tantris und Schwabylon

Es kommt nicht von ungefähr, dass beide in der bayrischen Metropole München zu Beginn der 1970er Jahre entstanden. Das Schwabylon wurde noch im selben Jahrzehnt wieder dem Erdboden gleichgemacht, das Tantris steht heute unter Denkmalschutz und gilt noch immer vielen als Edel-Adresse für Gaumenfreuden.

Ein bisschen was vom Glanz der Großstadt, das wollte man in der vor allem aufstrebenden kleinen großen Kreisstadt an der Murg zum Ende der 70er Jahre auch gerne abhaben. Bekommen haben die Gaggenauer das Parkhotel.

Ein Ort der gehobenen Gastronomie und des gepflegten Übernachtens sollte es sein – mit einer städtebaulichen Schlüsselfunktion: als „Brückenkopf“ im wörtlichen Sinne und als Überleitung zum neuen Stadtgarten an der Murg. Dahinden sagte dazu: „Der Standort bildet ein natürliches Geschenk zwischen den Stadtteilen links und rechts der Murg. Lage und Gestalt tragen dazu bei, das Hotel einprägsam und unverwechselbar zu machen.“

Es gibt wohl kein Gebäude, das mit der Stadtsanierung der frühen 80er Jahre so identifiziert wird wie dieser markante Dreiecksbau an der Murg. Und es darf getrost als Ironie der Architekturgeschichte gesehen werden: Das Schwabylon ist lange schon abgerissen, das Tantris hat überlebt – in Gaggenau ist es anders: Im Restaurant ist lange schon die Küche kalt, die Betten sind leer – aber das Haus steht immer noch.

Man würde seinem Architekten allerdings arg unrecht tun, wenn man dessen Schaffen auf das Gaggenauer Gebilde mit seinen aus heutiger Sicht evidenten funktionalen Schwächen reduzierte. Mit Justus Dahinden ist einer der großen Architekten des 20. Jahrhunderts gestorben. „Der Kirchenbaumeister ist im Himmel“ hat Köbi Gantenbein in seinem am Ostermontag erschienenen Nachruf im Magazin hochparterre.ch geschrieben

Als Verlagsleiter dieser schweizerischen Design- und Architekturzeitschrift gilt Gantenbein als profunder Kenner der Branche, und zurecht würdigt er in seinem Beitrag den Verstorbenen unter anderem als Erbauer von Sakralbauten, als Architekturdozenten mit einer „Philosophie der Schräge“ und „selbstbewussten Baukünstler“.


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