Der Realität entfliehen

Baden-Baden (naf) – Kinder und Jugendliche bewältigen die Pandemiesituation oft vor Bildschirmen – ein Problem?

„Wie konnte ein Jahr vergehen und es gibt trotzdem nur diese Hopp-oder-Top-Lösung?“ Katrin Schlör fordert mehr Alternativen als nur Onlineangebote. Foto: Weronika Peneshko/dpa

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„Wie konnte ein Jahr vergehen und es gibt trotzdem nur diese Hopp-oder-Top-Lösung?“ Katrin Schlör fordert mehr Alternativen als nur Onlineangebote. Foto: Weronika Peneshko/dpa

Der Bildschirm strahlt hell, die Augen sind schon trocken und schmerzen. Doch der Wille, mindestens noch eine Runde zu spielen und noch eine und noch eine, ist so stark wie der Griff um den Controller. Die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen ist während der Pandemie enorm gestiegen, egal ob Gaming, der endlose Blick in die sozialen Netzwerke oder Homeschooling. Eine DAK Studie alarmiert, doch Medienpädagogen entwarnen.

Um bis zu 75 Prozent nahmen die Videospielzeiten von Kindern und Jugendlichen unter dem Corona-Lockdown werktags zu. Das geht aus der Studie der DAK Gesundheit am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf hervor, als Vergleichswert dient die Nutzung im Herbst 2019. Neben dem Gaming stiegen die Social-Media-Zeiten werktags um 66 Prozent an – von 116 auf 193 Minuten pro Tag. Eine pathologische Nutzung wurde laut Studie bei rund 170.000 Jungen und Mädchen (3,2 Prozent) festgestellt. Das Thema Mediensucht kommt zur Sprache.

Aktuell keine normale Lebensrealität

Doch Katrin Schlör warnt davor, voreilige Schlüsse aus diesen Untersuchungen zu ziehen. Die Professorin an der evangelischen Hochschule in Ludwigsburg befasst sich unter anderem mit Medienbildung und betont, dass alle neuen Zahlen in die Pandemiesituation einzuordnen seien. Das Verhalten vor und während der Corona-Krise ist „in keiner Weise vergleichbar“, denn „die Lebensrealität, die Kinder und Jugendliche gerade haben, ist alles andere als normal“. Darum müsse man ihnen auch zugestehen, dass sie in der Pandemie andere Bewältigungspraktiken wählen. Unter Medienpädagogen werde der Vergleich mit älteren Nutzungszahlen darum stark kritisiert. So auch, „dass jedem Jugendlichen ein suchtartiges Verhalten unterstellt wird“, sagt Schlör, immerhin müsse Computerspielsucht von Ärzten diagnostiziert werden.

Die Medienwissenschaflterin wünscht sich mehr Verständnis dafür, dass Heranwachsende nicht die Möglichkeit haben, ihrem normalen Alltag nachzugehen. „Im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen wird klar, dass sie sich alles zurückwünschen“, sagt Schlör. Medien werden dann zur „Alternative und zur Möglichkeit auszuweichen“. Das bezeugt auch die DAK-Studie: „Gaming und soziale Medien werden vor allem genutzt, um Langeweile zu bekämpfen oder soziale Kontakte aufrecht zu erhalten. Rund ein Drittel der Jungen und Mädchen will online aber auch der Realität entfliehen oder Stress abbauen.“

Im Austausch bleiben und sich interessieren: Eltern sollten die Medieninhalte zusammen mit ihren Kindern wählen. Foto: Nicolas Armer/dpa

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Im Austausch bleiben und sich interessieren: Eltern sollten die Medieninhalte zusammen mit ihren Kindern wählen. Foto: Nicolas Armer/dpa

Doch nicht nur für private Zwecke wird öfter auf Bildschirme gestarrt. Vermehrtes Homeschooling über Onlineplattformen macht einen Verzicht auf die elektronischen Endgeräte unmöglich. „Im schulischen Bereich werden digitale Medien als Heilsbringer gesehen und im Privaten als Problem“, benennt Schlör die „Doppelmoral“, mit der auf die Mediennutzung geblickt wird. Dabei kann diese im schulischen Bereich durchaus hilfreich sein. Die Pandemie könnte eine Chance sein, um fehlende Infrastrukturen aufzubauen und sich in Zukunft aktiv fragen zu können: Was möchte man im virtuellen Raum anbieten, was im realen?, sagt Schlör. „Das fände ich sehr gelungen.“ Auch hybride Formate seien eine Möglichkeit für die Zukunft.

Großteil rutscht nicht in Abhängigkeit

Auch wenn das „Damoklesschwert“ der Computerspielsucht über der Mediennutzung hängt, ist Schlör sich sicher: „Der Großteil der Jugendlichen wird nicht in die Abhängigkeit rutschen“, denn das Interesse am Computerspiel und Co. wachse in Zyklen und werde „beim Großteil der Jugendlichen wieder abnehmen“. Viel zu groß sei der Wunsch, wieder gemeinsam Sport zu treiben, zu singen oder etwas anderes als ganze Gruppe zu unternehmen. Doch Perspektiven fehlen, meint Schlör, und das Gefühl, nicht gehört zu werden, wächst.

„Fast jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste haben noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind verstärkt zu beobachten“, bilanziert die sogenannte Copsy-Studie (Corona und Psyche). Vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund seien betroffen. „Die Krise bestärkt soziale Ungleichheiten“, sagt auch Schlör. „Wie konnte ein Jahr vergehen und es gibt trotzdem nur diese Hopp-oder-Top-Lösung?“

Alternativen zu den reinen Online-Angeboten seien generell möglich, doch der gesetzliche Rahmen fehlt. Man habe große Sporthallen auf der einen Seite und Sozialarbeiter sowie Pädagogen auf der anderen.

Kreativität benötigt Zeit und Ressourcen


Es gäbe viele Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche fernab der Bildschirme zu beschäftigen und sei „unfassbar schade, dass nichts anderes angeboten werden kann“ – die aktuelle Corona-Verordnung lässt es nicht zu. Gleichzeitig könne man nicht alles auf die Eltern abwälzen, denn „für Kreativität braucht man Zeit und Ressourcen“ – und wieder leiden Kinder, in deren Familien es zu wenig von beidem gibt. Und der Computer wird wieder zur Ablenkung. Wie kann man darauf reagieren? „So kreativ wie möglich, so schnell wie möglich und so sicher wie möglich alternative Angebote schaffen“, meint Schlör.

Auch die positiven Seiten seien zu sehen, schließlich habe sie dazu geführt, „dass sich Bildungsträger mehr getraut haben“ und auch Plattformen wie Youtube verwenden. Außerdem erleben Jugendliche das Internet nun auch als Bildungsraum, das sieht Schlör als „großes Potenzial“.


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