Der Tod als Lebensretter

Baden-Baden (for) – Was für die einen Tod und Trauer bedeutet, kann für andere der Beginn eines neuen Lebens sein – genau dann, wenn es um Organspende geht.

Nach der Entnahme muss es schnell gehen: In einer speziellen Box wird das entnommene Spenderorgan zum Transplantationszentrum transportiert. Foto: Soeren Stache/dpa

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Nach der Entnahme muss es schnell gehen: In einer speziellen Box wird das entnommene Spenderorgan zum Transplantationszentrum transportiert. Foto: Soeren Stache/dpa

Was für den einen die ewige Ruhe bedeutet, kann für den anderen der Beginn eines ganz neuen Lebens sein. Während die einen um einen gerade verstorbenen Angehörigen trauern, wächst bei den anderen die Hoffnung, ein Familienmitglied oder einen guten Freund doch noch nicht aufgeben zu müssen. Bei kaum einem anderen Vorgang liegen Freud und Leid so nah beieinander wie bei der Organspende.

Mehr als 9.000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Die meisten von ihnen warten auf eine Nierentransplantation, einige auf eine kombinierte Transplantation von mehreren Organen. Und oft schwindet die Hoffnung auf die rettende Nachricht von Tag zu Tag ein bisschen mehr, denn es gibt nach wie vor zu wenig Organspender. Die Corona-Pandemie hat das Problem laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) weiter verschärft. Die DSO berichtete 2022 von einem Einbruch um 29 Prozent an Organspendern im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Es wird vermutet, dass die Arbeitsüberlastung in den Kliniken ein Grund sein könnte.

Eine Organspende ist laut Dr. Stefan Seyboth immer eine „tierisch aufwendige“ Angelegenheit. Foto: Klinikum Mittelbaden

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Eine Organspende ist laut Dr. Stefan Seyboth immer eine „tierisch aufwendige“ Angelegenheit. Foto: Klinikum Mittelbaden

Dr. Stefan Seyboth, Transplantationsbeauftragter und Oberarzt in der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Mittelbaden (KMB), kann das nachvollziehen, wie er im Gespräch mit dem BT verdeutlicht. Denn: Der gesamte Prozess einer Organentnahme und -transplantation ist ohnehin immer ein „tierisch aufwendiger“ Prozess. Es sei also nicht verwunderlich, dass in Zeiten, in denen die Intensivstationen mit Covid-19-Patienten überfüllt waren, kaum jemand Kapazitäten hatte, sich noch um das Thema Organspende zu kümmern. Außerdem ließe kein Mediziner einen Lebenden sterben, nur weil ein Beatmungsgerät von einem bereits Toten, der als Organspender infrage komme, belegt wird, wirft Patrick Fischer, Vorsitzender der Ärzteschaft Baden-Baden, ein.

Bei einer Organspende müssen viele Verantwortliche eng zusammenarbeiten: Angehörige, Intensivmediziner, Pflegepersonal, Eilkuriere sowie Transplantationschirurgen. Ein Organ vom Spender zum Empfänger zu vermitteln, ist eine medizinische und logistische Herausforderung. Damit diese gemeistert werden kann, muss alles genau gesteuert und organisiert werden. Als Transplantationsbeauftragter übernimmt Seyboth dabei eine tragende Rolle. „Sobald sich bei einem Patienten auf der Intensivstation abzeichnet, dass es für ihn leider keine Hoffnung mehr gibt und früher oder später der Hirntod einsetzen wird, muss ich immer auch das Thema Organspende im Hinterkopf haben“, erklärt er.

Strenge Vorschriftenfür Hirntoddiagnostik

Leidet der Patient an einer schweren Infektionskrankheit oder an Krebs, scheidet er für die Organspende aus. Ist dies nicht der Fall, gehört es zu Seyboths Aufgabe, den Kontakt zu den Angehörigen zu suchen. Denn sie sind es letztendlich, die entscheiden müssen, ob der Sterbende nach seinem Tod zur Organspende freigegeben wird oder nicht. „Das ist natürlich ein sehr sensibles Thema, viele Angehörige sind im ersten Moment überfordert“, weiß der Arzt aus Erfahrung. Zumal es nach wie vor auch Vorurteile und Ängste gegenüber der Organspende gebe.

In der Regel wüssten die Angehörigen aber, wie das verstorbene Familienmitglied zum Thema Organspende stand. Entweder, weil ein Organspendeausweis vorliegt oder weil über das Thema zu Lebzeiten offen gesprochen worden ist. Hat ein Mensch, der am Hirntod gestorben ist, zu Lebzeiten der Organspende zugestimmt oder haben seine Angehörigen dies für ihn nach seinem Tod getan, wird er bis zur Entnahmeoperation künstlich beatmet, wie Seyboth erklärt.

Bevor eine Entnahmeoperation durchgeführt werden darf, muss der irreversible Hirnfunktionsausfall, auch unter Hirntod bekannt, anhand mehrstufiger Untersuchungen zweifelsfrei bestätigt worden sein. „Dafür gelten in Deutschland besonders strenge Vorschriften“, erläutert Seyboth. Anders als in anderen Ländern muss hierzulande die Gesamtfunktion des Gehirns – also Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm – ausgefallen sein.

Die Hirntoddiagnostik nimmt einige Stunden bis Tage in Anspruch und kann nur auf der Intensivstation eines Krankenhauses stattfinden. Die Diagnose muss von mindestens zwei Fachärzten unabhängig voneinander bestätigt werden. Die Ergebnisse werden protokolliert, archiviert und können jederzeit überprüft werden.

Laut Dr. Patrick Fischer ist es auch deshalb schwierig, weil für Laien äußerlich der Tod kaum vom Koma zu unterscheiden ist. Foto: privat

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Laut Dr. Patrick Fischer ist es auch deshalb schwierig, weil für Laien äußerlich der Tod kaum vom Koma zu unterscheiden ist. Foto: privat

Zunächst muss nachgewiesen werden, dass eine Gehirnschädigung vorliegt und was ihre Ursachen sind. Dabei müsse ausgeschlossen sein, dass vorübergehende Einflüsse – wie zum Beispiel durch Medikamente oder eine schwere Kreislaufstörung – für den Zustand der Patientin oder des Patienten verantwortlich sind, so Seyboth. Daraufhin wird untersucht, ob die Hirnfunktionen ausgefallen sind. Die Ärzte stellen fest, ob die wesentlichen Anzeichen des Hirntods eingetreten sind. Dazu gehören etwa tiefe Bewusstlosigkeit (tiefes Koma), der Ausfall der Hirnstammreflexe und der Atemstillstand (Ausfall der Spontanatmung; Apnoe). Um zu belegen, dass der Ausfall der Hirnfunktionen unumkehrbar ist, werden die Untersuchungen im letzten Schritt mit zeitlichem Abstand wiederholt oder apparative Zusatzuntersuchungen durchgeführt.

Trotz dieser strengen Regelungen ist es für viele Angehörige schwer, den Tod tatsächlich zu realisieren. „Das Ganze wird dadurch noch verstärkt, dass vor ihnen auf der Intensivstation ein Mensch mit rosiger Haut liegt, der warm ist, Urinausgabe zeigt und dessen Brustkorb sich regelmäßig hebt und senkt“, so Seyboth.

Auch Patrick Fischer kann das beobachten. „Für einen Laien ist da kaum ein Unterschied zum Koma erkennbar. Der Tote sieht aus, als ob er nur schlafen würde“, meint er. Umso schwerer sei es für Angehörige, zu begreifen, dass „sobald ich die Maschinen abschalte, eben nichts mehr funktioniert.“ Fischer bezeichnet es als „herausragende Leistung der Medizin“, einen Organismus auch nach dem Hirntod noch künstlich aufrechtzuerhalten und den Toten damit so aussehen zu lassen, als ob er noch lebe.

Medikamente dienen der Kreislaufregulation

Während der Organspender auf der Intensivstation beatmet wird, laufen im niederländischen Leiden die Drähte heiß. Dort sitzt die Stiftung Eurotransplant. Als Service-Organisation ist sie verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern und arbeitet hierzu eng mit den Organspende-Organisationen, Transplantationszentren, Laboratorien und Krankenhäusern zusammen. In Computern werden Listen erstellt, in denen alle Daten von Menschen, die auf ein Organ warten, erfasst sind. Außerdem werden dorthin auch entsprechende Spenderorgane gemeldet. „Der Computer erstellt dann sogenannte Match-Listen. Das heißt, er bringt Organsuchende und passende Spenderorgane zusammen“, erklärt Seyboth den Vorgang. Ist ein passendes Paar gefunden, muss es schnell gehen. „Es kommt dann schon vor, dass wir mitten in der Nacht die Entnahmeoperation durchführen müssen“, sagt er. Während dieser OP erhalten Spender oft Medikamente, die die Muskeln entspannen und Reflexe des Rückenmarks hemmen. Der Grund dafür: Unterhalb des Gehirns ist der Körper und damit auch das Rückenmark noch durchblutet. Impulse aus dem Rückenmark können zum Beispiel zu Veränderungen des Blutdrucks oder des Herzschlags und sogar zu reflexhaften Bewegungen des hirntoten Menschen führen. Die Medikamente verhindern diesen sogenannten „Lazarus-Effekt“. „Es ist natürlich nicht so, dass ein hirntoter Mensch noch Schmerzen empfinden kann“, wirft Seyboth zur Klarstellung ein. „Die Medikamente dienen lediglich der Kreislaufregulation.“ Schließlich sollen die Organe möglichst vor Stresshormonen geschützt werden. „Eine solche Entnahme-OP kann schon mal bis zu sechs Stunden dauern, je nachdem, wie viele Organe entnommen werden“, so Seyboth. „Selbstverständlich ist es auch möglich, der Entnahme einzelner Organe zu widersprechen.“ Nach der Entnahme würden beim Spender alle Wunden wieder verschlossen, der Spender bekomme ein Hemd an. Bei einer Augenentnahme würden ihm sogar künstliche Linsen in der entsprechenden Augenfarbe eingesetzt. „So haben die Angehörigen auf Wunsch immer die Möglichkeit, den Leichnam noch einmal in einem würdigen Zustand anzusehen.“

Positive Entwicklung bei Abstoßungstherapie

Die Organe werden dann auf dem schnellsten Weg – oftmals auch mit dem Hubschrauber – zu den entsprechenden Transplantationszentren gebracht, wo sie dann eingesetzt werden können. „Eine positive Entwicklung der vergangenen Jahre ist, dass die Abstoßungstherapie immer besser funktioniert“, so Fischer. Er selbst hat viele Jahre in Heidelberg an der Uniklinik gearbeitet. „Zu meiner Zeit war ich dort im Transplantationszentrum tätig und habe sehr viele Transplantationspatienten kennengelernt“, erzählt er. „Ich habe gesehen, wie Menschen, die vor der OP überhaupt nichts mehr konnten, nach der Transplantation wieder aufgelebt sind.“ Das Thema Organspende liege ihm deshalb sehr am Herzen. „Manchmal kann der Tod Leben retten“, so Fischer.


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