Der Versuch, Kriegswirren in Musik zu übersetzen

Baden-Baden (fvo) – Der Welt einen Spiegel vorhalten – das ist die Intention der Oper „Des Simplicius Simplicissimus Jugend“ von Karl Amadeus Hartmann, die im Zuge der Osterfestspiele am Theater Baden-Baden gezeigt wird.

Österliche Vorfreude: Anja Schlenker-Rapke (Chor), Ralph Zeger (Bühnenbild), Eva-Maria Höckmayr (Regie), Clemens Jüngling (Musik) und die Protagonisten (von links). Foto: Vollmer

Österliche Vorfreude: Anja Schlenker-Rapke (Chor), Ralph Zeger (Bühnenbild), Eva-Maria Höckmayr (Regie), Clemens Jüngling (Musik) und die Protagonisten (von links). Foto: Vollmer

Der Einwurf ist berechtigt. „Wie überlebt man diese Oper“, fragt sich Bildungsreferent Christian Vierling und das gilt nicht nur für die Mittel- und Oberstufler aus der Region, die sich in den kommenden Wochen mit der zweiten Oper der Osterfestspiele, „Des Simplicius Simplicissmus Jugend“ von Karl Amadeus Hartmann, auseinandersetzen. Das galt vor allem für den Komponisten selbst. Die Vorfreude auf ein vielschichtiges Werk ist allen Beteiligten beim Probenstart des Theaters Baden-Baden im Probengebäude in der Güterbahnhofstraße jedenfalls anzumerken. Ein großes Thema, krass komprimiert.

Die Wirrnis und Brutalität des 30-jährigen Krieges, gespiegelt in einer Art musikalische Vorahnung des zweiten Weltkriegs, ist jedenfalls auch heute noch von brandaktueller Brisanz und sei es nur in Sachen Fluchtproblematik. Das Werk wird im Theater Baden-Baden produziert und gezeigt und findet in Koproduktion mit dem Festspielhaus und den Berliner Philharmonikern statt.

Der Welt einen Spiegel vorhalten – das ist Hartmanns Intention beim Werk für fünf Sänger (Hauptrolle Sopranistin Marie Smolka) plus Sprecher. Die Oper fokussiert auf den ersten Teil des barocken Abenteuerroman (1669) von Johan Jacob Christoph von Grimmelshausen, auf die Kindheit des Antihelden, und bietet neben dem historischen Rückgriff auf ein kollektives Trauma des deutschen Landes zugleich parabelhaft dunkle Vorahnungen, inklusive frappierender Hitler-Göhring-Analogien. Alles in allem die ideale Folie für die damalige Zeit, findet Eva-Maria Höckmayer, und die Regisseurin spricht nicht umsonst von einem „seherischen Meisterwerk, das unter die Haut geht“.

Wobei sie insbesondere den Spagat zwischen „rationalem Weckruf und starker Betroffenheit“ schätzt. „Das Stück emotionalisiert sehr stark.“ Die Entwicklungsgeschichte des satirischen Schelmenromans verdichtet sich bei Hartmann zum Loblied auf die Dummheit in allen Facetten – von Einfalt als Waffe über Naivität bis hin zu Verdrängung. Themen von zeitloser Allgemeingültigkeit. Nicht zuletzt sei das Sujet „politisch in Reinform“.

Auch ein regionaler Bezug

Verwendet wird im Übrigen die erste Opernfassung von 1934 bis 1936, die wesentlich schärfer und depressiver daherkommt als die nach dem Krieg überarbeitete Fassung. Auch für Festspielhaus-Indentand Benedikt Stampa liegt der Reiz im Gegenwartsbezug, der Stoff stehe exemplarisch für ein „Europa, das unter Beschuss steht“. Ganz zu schweigen vom regionalen Konnex, stammt doch Grimmelshausen aus dem keinen Tagesritt entfernten Renchen. Mit anderen Worten ein „Meisterwerk der Musikgeschichte“, das quasi um die Ecke daherkommt. Im Sinne der Nachhaltigkeit hofft er nicht zuletzt, dass das zweite Schwergewicht neben dem „Fidelio“ den historischen Stellenwert bekomme, den es verdiene, und vor allem auch in der Region breite Schichten erreiche – im Idealfall ein „Osterfestspiel, das für alle offen“ sei.

Hierzu zählt nicht zuletzt auch die Einbindung von Musikern aus der Region. So wurden für den Projektchor, dem bald eine Sprechrolle, bald eine kommentierende Rolle zukommt, gestandene Sänger aus Baden-Baden und Umgebung rekrutiert, insgesamt sechs Männer und fünf Frauen. Sie sind laut Anja Schlenker-Rapke seit Oktober am Proben.

Auch das Bühnenbild ist laut Ralph Zeger bemüht, „die politische Aktualität in eine zeitlose Ästhetik zu fassen, die einen möglichst breiten Assoziationsraum schafft“. Für Theaterintendantin Nicola May besteht die Spannung der Kooperation darin, dass man „immer etwas bekomme, das man ohne den andern nicht haben kann“. Künstlerisch sei es mitunter „ganz gut, mal im Kochtopf zu rühren“, zumalOper nach ganz anderen Gesetzen ablaufe.

Musikalisch ist das eklektizistische Werk für 18-köpfiges Orchesterensemble indes schwer einzuordnen. Anklänge an Strawinsky fänden sich, an Schostakowitsch oder Zitate von Bartok, betont Clemens Jüngling (musikalische Assistenz/ die Leitung hat Michael Hasel). „Hartmann ist einfach Hartmann“, so Jüngling, „er hat in den 30er ganz viele Stile amalgamiert“.

Begleitendes Schülerprojekt

Auch stilistisch ist vom Lied über gesprochene Passagen oder Bänkelgesang alles dabei, um expressiv „das Entsetzen in Musik zu übersetzen.“ Die Brisanz steigt, wenn man bedenkt, dass Hartmann ob seiner linkspolitischen bis kommunistischen Affinität letztlich die Partitur im Garten vor der Nazi-Diktatur verstecken musste – stets im Bewusstsein, verbotene Musik zu machen. Was das Ganze zur „Bekenntnismusik“ mache.

Alles in allem jedenfalls eine komplexe und mitunter „nicht leichte Kost“. Das dürften zumindest die Klassenstufen acht bis zehn von sieben hiesigen Schulen (vom Rastatter LWG bis hin zum Grimmelshausen-Gymnasium Offenburg) zu spüren bekommen – im besten Sinne des Wortes. Sie nehmen im Rahmen von Geschichte, Deutsch oder Musik an dem gefördert von der T.-von-Zastrow-Foundation geförderten Jugend-Projekt teil, mit dem Ziel, begleitend zur Vorstellung Exponate in einer Ausstellung zu präsentieren. Den nötigen Input liefern die Berliner Philharmoniker. „Es geht darum, Material zu generieren, das im Foyer ausgestellt wird“, verrät Vierling – sei es als Personencharakterisierung, Interview mit Akteuren oder in Form von Arbeiten zum Bühnenbild. „Wenn wir es schaffen zu zeigen, was Musik ausdrücken kann und wie viele Parallelen es zu heute gibt, wäre viel gewonnen“, findet Vierling.

Eine Stunde und 20 Minuten dauert die Kammeroper in drei Szenen. Nach der Premiere (5. April) und zwei Aufführungen im Rahmen der Osterfestspiele (9./11. April) sind sechs weitere Aufführungen bis 13. Mai geplant. Dann aber mit Hochschulstudierenden aus der Region im Orchestergraben. Die Matinee ist am 29. März statt.

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Erstellt:
24. Februar 2020, 21:25 Uhr
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