Museum Frieder Burda: Der Wollstrom reißt nicht ab

Baden-Baden (fh) – Aus 40.000 gehäkelten Korallen entsteht das Baden-Baden Satellite Reef im Museum Frieder Burda. Ehrenamtliche haben beim Aufbau geholfen.

40.000 Einzelteile wurden von Mitwirkenden eingeschickt: Die Künstlerinnen Martina Schulz (links) und Christina Humpert nähen Häkelkorallen für das Baden-Baden Satellite Reef zusammen. Foto: Fiona Herdrich

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40.000 Einzelteile wurden von Mitwirkenden eingeschickt: Die Künstlerinnen Martina Schulz (links) und Christina Humpert nähen Häkelkorallen für das Baden-Baden Satellite Reef zusammen. Foto: Fiona Herdrich

„Tack“ knallt der Tacker, mit dem Martina Schulz eine zarte Blüte im textilen Gesamtkunstwerk fixiert. Im Untergeschoss des Museum Frieder Burda lehnen an diesem Tag Ende Dezember bereits einige fertige Paneele mit flauschigen Unterwasserwelten an der Wand, andere dreidimensionale Riffelemente erheben sich im hinteren Teil des Raums, während gegenüber noch zahlreiche gehäkelte Korallen in Kartons, Körben und Kisten darauf warten von den Künstlerinnen Schulz und Christina Humpert sowie ihren Helfern arrangiert und vernäht zu werden.

Handarbeitsbegeisterte waren im vergangenen Jahr aufgerufen worden, aus Wolle und anderen Materialien Korallen für das Baden-Baden Satellite Reef zu häkeln. Es ist Teil einer Ausstellung der Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim, die ab dem 29. Januar im Museum Frieder Burda zu sehen ist. „Erst haben wir uns noch gefragt, ob wir genug Korallen zusammenbekommen“, sagt Museumssprecherin Ute Rosenfeld und lacht. Zu Hochzeiten brachte der Paketbote dann 80 Einsendungen an einem Tag.

Mit Nadel, Faden und Tacker: Martina Schulz (rechts) und Charlotte Reiter fügen die Korallen zusammen. Foto: Fiona Herdrich

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Mit Nadel, Faden und Tacker: Martina Schulz (rechts) und Charlotte Reiter fügen die Korallen zusammen. Foto: Fiona Herdrich

Rund 4.000 sollten das Museum Frieder Burda insgesamt erreichen – gefüllt mit farbenprächtigen kleinen und großen Häkelkorallen aus Deutschland, aber auch anderen Ländern, unter anderem der Schweiz, Griechenland und sogar Australien. Anfangs katalogisierte Rosenfeld diese noch, um sie theoretisch dem Absender wieder zuordnen zu können, und schrieb Dankesmails. „Doch irgendwann wurden es einfach zu viele.“

Mehr als 40.000 Korallen schickten Mitwirkende ein – mehr als genug für die geplante groß angelegte Wandinstallation und mehrere Koralleninseln. Auch im Vorraum der Werkstatt türmen sich an diesem Tag noch die Kisten. Und der Strom der Wolle reißt nicht ab. Auch über den Einsendeschluss hinaus kommen noch Päckchen mit Korallen ins Museum Frieder Burda.

Nicht alle davon sind aus bunter Wolle. Rosenfeld präsentiert eine braunglänzende Blüte, bei genauem Hinsehen entpuppt sich das Material als Kassettenband. Andere sind aus feinem Draht oder aus in Streifen geschnittenen Plastiktüten. Wieder andere schlängeln sich gen Decke wie die Arme einer Krake oder muten an wie gemütliche Yogakissen.

„Wir wollen keine hervorheben, alle sind gleich viel wert“, stellt Rosenfeld klar – von der einfachen Koralle, die eine Schulklasse oder Handarbeitsgruppe gemacht hat, bis hin zu aufwendig gearbeiteten Anemonen. „Die Vorgabe war so einfach, und es ist trotzdem eine unglaubliche Vielfalt angekommen“, ergänzt Schulz.

Eine meditative Aufgabe

Durch schwarzen Stoff, mit dem ein Gerüst aus Holz und Hasendraht bezogen ist, drückt Helferin Charlotte Reiter eine gebogene Polsternadel. Um überall hinzukommen, muss sie regelrecht in das Riff hineinkriechen. „Manchmal arbeitet man dann schon drei Stunden in schwieriger Haltung, bis alles verarbeitet ist“, gibt sie zu bedenken. Die Arbeit erfordere Kraft und Konzentration.

Dennoch werde jedes Stück liebevoll von den 15 bis 20 Helferinnen, die sich ehrenamtlich für den Aufbau des Riffs engagieren, in die Hand genommen. „Ganze Handarbeitscommunitys haben bei uns angefragt. Es wurde mündlich weitergegeben, dass wir Helfer suchen“, berichtet Rosenfeld – auch hier meldeten sich mehr als genug Freiwillige. Doch nur ein Teil konnte kommen, schließlich müssen bei der Arbeit in der Kunstwerkstatt die Corona-Abstände eingehalten werden.

Auch eine kleine rosa Seeanemone findet noch ihren Platz. Foto: Fiona Herdrich

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Auch eine kleine rosa Seeanemone findet noch ihren Platz. Foto: Fiona Herdrich

Christina Humpert fädelt derweil einen Faden durch ein winziges Nadelöhr, um über ein flaches Paneel gebeugt eine rosa Seeanemone in ein Feld aus grünen Wollschwämmen zu pflanzen. Künstlerin Christine Wertheim hat ihr und Schulz gezeigt, wie sie arbeitet und mit den Farben spielt. „Es ist auch eine sehr meditative Aufgabe“, findet Humpert.

So leicht die einzelnen textilen Pflänzchen auch sind, die fertigen Paneele und Skulpturen haben ein immenses Gewicht. „Und sie müssen noch durch die Tür passen“, gibt Rosenfeld zu bedenken.

Außerdem müssen sie gelagert werden, bis Margaret und Christine Wertheim nach Baden-Baden kommen, um zu kuratieren und letzte Änderungen vorzunehmen. Ein paar fertige Teile verbergen sich an diesem Tag noch in der geschlossenen Raum-Licht-Installation von James Turrell hinter einem Sichtschutz. „So mancher Museumsbesucher lugt da schon mal neugierig dran vorbei“, sagt Rosenfeld. „Aber man muss es richtig live sehen“, ist sie überzeugt. Auch Humpert, Schulz und Reiter sind gespannt auf das fertige Riff. Alle freuen sich darauf, die Korallen im großen Raum zu sehen, „wo sie atmen können“.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Fiona Herdrich

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Erstellt:
12. Januar 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 06sec

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