Der freundliche Krisenmanager geht

Karlsruhe (BNN) – Der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh übergibt Ende des Monats seine Geschäfte. Ein Rückblick auf eine Amtszeit, die voller Krisen steckte.

Engagiert bis zum Schluss: Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh ist auch durch den Krieg in der Ukraine gegen Ende seiner Amtszeit als Botschafter gefragt. Foto: Jörg Donecker

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Engagiert bis zum Schluss: Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh ist auch durch den Krieg in der Ukraine gegen Ende seiner Amtszeit als Botschafter gefragt. Foto: Jörg Donecker

Es wird schnell klar, warum Jochen Cornelius-Bundschuh diesen Ort gewählt hat. Die Petrus-Jakobus-Kirche in der Karlsruher Nordweststadt ist ein Vorzeigeprojekt, eines der größten Bauprojekte in seiner Zeit als Landesbischof. Entstanden aus Ruinen: Die Jakobuskirche und die Petruskirche wurden abgerissen. Kirchenmitglieder beider Gemeinden trauerten, dann wurden sie mit der Petrus-Jakobus-Kirche versöhnt. Cornelius-Bundschuh weihte den Neubau vor fünf Jahren ein. An einem Abend Anfang März steht er wieder am Walther-Rathenau-Platz, führt Journalisten durch die Kirche. Es ist ein Abschlussgespräch, Cornelius-Bundschuh tritt Ende des Monats seinen Ruhestand an.

„Wir stehen hier mitten auf dem Platz“, sagt er. „Wir wollen eine öffentliche Kirche sein.“ Wie zum Beweis spielen auf dem Vorplatz Jungen Basketball, einer kickt den Fußball an die Mauer. Hier, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung. „Wir reden immer vom Untergang der Kirchen – aber es ist einfach ein Umstellen. Wir haben schwere Themen, aber wir wollen auch die Hoffnung deutlich machen.“

Sind die Flügeltüren von Gemeindehaus und Kirche offen, blickt man von Westen nach Osten direkt auf das Taufbecken. Die Kirche ist hell, Stühle sind mit Abstand aufgestellt, in der Ecke stehen ein blaues und oranges Bild. Blau für die Jakobuskirche, rot für die Petruskirche. Aus beiden Kirchen sind hier Fenster eingebaut. Der drei Tonnen schwere Altar kann hydraulisch nach oben bewegt werden, die Deckenform spiegelt Dächer umliegender Gebäude wieder. Hier wollte es ein Architekt perfekt machen.

Freundschaftliches Verhältnis mit Erzbischof Burger

Cornelius-Bundschuh spricht begeistert über die preisgekrönte Architektur. Für ihn ist es auch ein Projekt, das einfach fertig wurde – und zwar so, wie es geplant war. Ansonsten blickt der 64-Jährige auf eine Amtszeit zurück, die voller Krisen steckte. Sie kamen einfach, und er musste als Landesbischof auf sie reagieren. Bevor er im Gemeindehaus darauf zurückblickt, hält er noch einmal an, zeigt auf drei Ahornbäume. Ein Kulturbruch zur Architektur, großartig, oder? Man bekommt ein Gefühl dafür, was dieser Mann sich in seiner Amtszeit vorgestellt hatte.

2013 setzte sich der hessische Theologieprofessor bei der Wahl zum badischen Landesbischof durch und trat 2014 die Nachfolge von Ulrich Fischer an. Cornelius-Bundschuh erzählt, wie er sich Themen für seine zwölfjährige Amtszeit überlegte. Dann kam die große Flüchtlingsbewegung. „Plötzlich war klar, dass es um etwas ganz Anderes gehen wird“, sagt er. „Aber man kann das reale Leben nicht planen.“ Die Landeskirche habe ihren Akzent gesetzt und gezeigt, dass man Menschen aufnehmen wolle.

Wenige Monate nach Cornelius-Bundschuh übernahm auch Erzbischof Stephan Burger sein Amt. Zwischen Freiburg und Karlsruhe, zwischen Katholiken und Protestanten, ist es mit der Atmosphäre je nach handelnden Akteuren mal besser, mal schlechter bestellt. „Über die acht Jahre hinweg entwickelte sich zwischen uns ein von Freundschaft getragenes Miteinander“, sagt Burger. „Dazu gehörte vor allem der gegenseitige Respekt, der offene Austausch sowie die Achtung und Wertschätzung des unterschiedlichen theologischen wie kirchlichen Verständnisses.“

Der Kampf um die Mitglieder trieb ihn um

Er spricht von einem Vertrauensverhältnis, und davon lebe die Ökumene. Burger bleibt im Amt, und so wünscht er sich, „dass diese Verbindung weiterhin erhalten bleibt“. Beide Kirchen müssen einsparen. Geplant sind daher künftig beispielsweise gemeinsame Pfarrbüros. Die Idee trieb Cornelius-Bundschuh weiter voran.

Burger und Cornelius-Bundschuh führten auch den gleichen Kampf: den um Mitglieder. Die Zahlen sind in beiden Kirchen konstant rückläufig. Im Erzbistum sind noch rund 1,7 Millionen Katholiken gemeldet, die evangelische Landeskirche Baden bewegt sich nach unten auf die Millionengrenze zu (1,06 Millionen). Wieder so eine Aufgabe für Krisenmanager Cornelius-Bundschuh. Er wolle sich auf das Positive, auf die Gewinnung von Mitgliedern konzentrieren, sagte er mal. Später musste er erkennen, dass die Zahl der Austritte ungleich höher bleiben wird.

Er haderte damit, dass es der Kirche auch in der Pandemie nicht so recht gelang, ihre Stärken nach außen zu präsentieren. Noch nie habe er so viele Interviews gegeben wie derzeit, sagte er Anfang 2021 im Interview mit unserer Zeitung. Die Kirche unterstütze die Menschen mit Seelsorge in Gemeinden, Altersheimen, Kliniken, auch am Telefon. „Aber diese Dinge sind nicht plakativ in einer Sendung wie „Hart aber fair“ darzustellen“, so Cornelius-Bundschuh damals.

Zuletzt ging Cornelius-Bundschuh mit einem Thema in die Offensive

Im Abschlussgespräch zeigt er sich gegenüber den Journalisten im Stuhlkreis nachdenklich. „Weihnachten zwei Mal gottesdienstlich ausfallen lasse, bedeutet etwas. Ich bin mir nicht sicher, ob sich das wieder auspendeln wird.“

Die Offensive suchte Cornelius-Bundschuh zuletzt bei einer ganz anderen Krise. 92 Fälle sexualisierter Gewalt aus Diakonie und Landeskirche seien bekannt, erklärte er. Auf Bundesebene gibt es noch keinen Betroffenenbeirat, auf Landesebene solle nun einer gebildet werden.

Im Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) hat sich Cornelius-Bundschuh eingebracht. Dafür sei sie ihm dankbar, sagt die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus. „Mit Jochen Cornelius-Bundschuh verbinde ich besonders seine bedachten und klugen Äußerungen zu vielen wichtigen Themen.“ Bei friedensethischen Fragen sei er eine wichtige Stimme innerhalb der EKD. „Ich erinnere mich besonders an sein Grundsatzreferat bei der Dresdener Friedenssynode 2019.“

Er spricht über das wichtigste Ereignis seiner Amtszeit

In diesen Tagen geht es naturgemäß viel um die Ukraine. „Wir brauchen einen Waffenstillstand, einen Stopp des Krieges“, sagt Cornelius-Bundschuh. „Und den kriegen wir nicht gegen die Russen. So ist die Welt.“ Auf die Region warte eine Aufgabe wie bei der Flüchtlingsbewegung 2015, Integration sei nun wichtig. Und Russen und Ukrainer müssten hier im Gespräch bleiben. „Dafür müssen wir Wege bahnen.“

Dafür werden in der Landeskirche Baden künftig andere sorgen. Cornelius-Bundschuh wäre bis 2026 gewählt gewesen. Im Februar vergangenen Jahres gab er aber bekannt, auf sein Amt zu verzichten. Der Zeitpunkt überraschte, da der Fokus bereits auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen lag. In diesem Herbst werden Tausende Gläubige aus aller Welt in Karlsruhe zusammenkommen. Cornelius-Bundschuh bezeichnet die Vergabe nach Karlsruhe als wichtigstes Ereignis seiner Amtszeit.

Heike Springhart ist überzeugt: „Das sind große Schuhe“. Foto: Uli Deck/dpa

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Heike Springhart ist überzeugt: „Das sind große Schuhe“. Foto: Uli Deck/dpa

Den Beschluss zum Ruhestand fasste er nach einem Ende 2019 erlittenen Herzinfarkt. Öffentlich sprach er kaum darüber – wenn, dann aber über Grenzen und mehr Zeit, die er mit seiner Familie verbringen wolle. Auch was im Ruhestand kommen soll, breitet Cornelius-Bundschuh nicht groß aus. Seine Professur und seine zahlreichen Enkelkinder, sagt er, das werde wieder mehr Raum einnehmen.

Nachfolgerin Springhart: „Das sind große Schuhe“

Bis zum 31. März noch führt er die Geschäfte, aber schon in enger Abstimmung mit seiner Nachfolgerin Heike Springhart. Die 46-jährige frühere Pforzheimer Pfarrerin hat mit Cornelius-Bundschuh schon gemeinsam Seminare an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg gehalten und wird dies auch weiter tun.

Der Übergang in Karlsruhe laufe erfreulich vertrauensvoll, sagt sie. „Das ist alles andere als selbstverständlich und für mich ein ganz großes Geschenk.“ Wenn Cornelius-Bundschuh öffentliche Briefe zur Lage in der Ukraine verfasst, stimmt er sich mit ihr ab. „Er ist freundlich, verbindlich“, sagt Springhart. „Das klingt so blass, aber er nimmt Menschen einfach mit.“ Vor allem sein Führungsstil beeindrucke sie. „Es geht ihm immer um die Sache. Er ist da sehr klar und interessiert an gemeinsamen Entscheidungen.“ Am 1. April übernimmt Springhart. „Das sind große Schuhe“, sagt sie.

Können gut miteinander und entsprechend vertrauensvoll laufe der Übergang, sagt Springhart. Foto: Uli Deck/dpa

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Können gut miteinander und entsprechend vertrauensvoll laufe der Übergang, sagt Springhart. Foto: Uli Deck/dpa

Cornelius-Bundschuh wirkt glücklich und zufrieden mit dem nahenden Ende seiner Amtszeit. Zum Abschied wünscht der 64-Jährige den Journalisten im Stuhlkreis viel Spaß mit seiner Nachfolgerin. „Die ist viel witziger als ich.“ In diesen Tagen stehen die letzten Abschiedstreffen an. Beim Ministerpräsidenten war Cornelius-Bundschuh schon. Winfried Kretschmann, der so manchen mit seiner dritten Amtszeit überraschte, an deren Ende er 77 Jahre alt sein wird, konnte eine Sache nicht so ganz verstehen. Er fragte Cornelius-Bundschuh, warum er denn in dem Alter schon aufhöre.

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