Der heiße Draht zur Literatur

Baden-Baden (co) – Gelungene Alternative: Weil aufgrund von Corona derzeit nichts anderes möglich ist, rezitieren die Schauspieler des Stadttheaters im Rahmen des Formats „Bei Anruf Wort“ am Telefon.

Lukas-Samuel Juranek kam mit seinen ausgewählten Texten bei den Zuhörern sehr gut an. Foto: Sebastian Brummer

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Lukas-Samuel Juranek kam mit seinen ausgewählten Texten bei den Zuhörern sehr gut an. Foto: Sebastian Brummer

Die Theaterleute am Goetheplatz sind einfach ein kreatives Völkchen. Sie wollen so gerne spielen, aber was ist eine Bühne ohne Publikum? Also greifen sie kurzerhand zum Telefonhörer unter dem Motto „Bei Anruf Wort“.

Es wurden bereits Inszenierungen online gestreamt, aber nicht jeder hat einen Computer zu Hause oder mag sich in seiner Freizeit damit beschäftigen. Um der Ausdruckslust der Schauspieler trotz geschlossener Türen des Theaters einen Weg zu ebnen und die momentan so trübe Zeit etwas aufzupeppen, wurde aus den Reihen des Ensembles der Gedanke aufgegriffen, Literatur über einen direkten Draht zu präsentieren, und zwar den ganz heißen am Telefon.

Erzählung, Lyrik oder Kindergeschichte

„Bei Anruf Wort“ weckt jedoch nur im ersten Moment niedere blutrünstige Instinkte und den Gedanken an Hitchcocks fast gleichnamigen Thriller. Aber etwas Spannung darf schon sein, schließlich wissen die Angerufenen vorher nicht, was sie erwartet. Neugierige Zuhörer können bei ihrer Anmeldung wählen zwischen einer kurzen Erzählung, einem lyrischen Stück oder einer Kindergeschichte. Sie wissen jedoch nicht, welches Ensemblemitglied sie anruft, und für welchen Text aus ihrem bevorzugten Genre sich der Mime letztlich entscheidet. Die Schauspieler ihrerseits genießen den Freiraum, die Literatur selbst auszuwählen, das eine oder andere Lieblingsstück kann da durchaus mit einfließen, ob Ballade oder Klassiker.

Was bei den ersten Anmeldungen für Samstag gar nicht nachgefragt wurde, waren Kindergeschichten. Das verwundert Dramaturgin Miriam Fehlker etwas: „Es wäre doch spannend für die Mamas, wenn mal jemand anders vorliest und sie gemeinsam mit ihren Kindern lauschen können.“ Der Wunsch nach Lyrik oder Erzählungen hielt sich die Waage.

Pro Anruf zehn bis 15 Minuten

Gut die Hälfte des Ensembles beteiligt sich an der Telefonaktion. Eingeplant sind pro Anruf zehn bis 15 Minuten, so dass auch noch einige persönliche Sätze gewechselt werden können. Die beiden ersten Protagonisten waren Schauspieler Lukas-Samuel Juranek, der seit der Spielzeit 2020/21 festes Ensemblemitglied am hiesigen Theater ist, und Souffleuse Agathe Taschke. Geführt werden je vier bis fünf Gespräche.

Als Juranek pünktlich um 12 Uhr anruft, fragt mich eine sonore Stimme: „Sitzen Sie bequem? (Pause) Können Sie mich gut hören?“ „Dann drücken Sie bitte die Eins“, ergänze ich instinktiv in Gedanken. Doch dann erklärt er mir kurz, dass er aus „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce lesen wird, entsprechend meinem Wunsch nach einer Erzählung. Juranek hat die Stelle gewählt, als die Brille des jungen Stephen im streng katholischen Internat durch einen Zusammenstoß mit einem Radler zerbricht, Pater Dolan dahinter jedoch einen Trick vermutet und ihn für seine vermeintliche Faulheit hart züchtigt. Doch Stephen wehrt sich, beschwert sich beim Rektor und wird dafür von seiner Klasse gefeiert wie ein Held, was Juraneks Stimme deutlich zum Ausdruck bringt.

„Große Sehnsucht“

Er hat sich zuvor mit Kollegen besprochen, aber auch in seinem eigen Bücherarchiv gegraben, um passende Texte auszuwählen – und wirbt seitens der Anrufer hier um Vertrauen. Einem Paar, das sich gemeinsam für die telefonische Lesung angemeldet hat und auf Lautsprecher stellt, bereitet er mit Lyrik von Erich Fried die größte Freude, haben beide doch eine enge Verbindung zur Literatur. „Bei uns Schauspielern besteht so eine große Sehnsucht, in Kontakt zu treten, eine Stimme zu finden und trotz dieser Zeit mit all ihren Beschränkungen wieder laut zu werden“, freut sich Juranek auf gemeinsame Zeit am Hörer.

Emotionen kämen dabei nicht zu kurz, er spürt ein Schmunzeln beim unsichtbaren Gegenüber oder eine Veränderung des Atems. Er wird auf jeden Fall weiter dabei sein, denn „Bei Anruf Wort“ soll laut Dramaturgin Miriam Fehlker noch eine ganze Weile weiterlaufen. Für Dienstag, Donnerstag oder Samstag kann man sich montags und mittwochs zwischen 10 und 12 Uhr anmelden unter der Rufnummer (07221) 932760 oder per Mail an fsj.theater@baden-baden.de.

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Erstellt:
8. Februar 2021, 11:40 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 58sec

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