Der innere Drang nach oben

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um den Willen aufzusteigen

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Zwei Schicksale – beide verbindet der unbedingte Gehorsam gegenüber dem inneren Drang, etwas aus sich zu machen. Doch beide scheitern, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Anton Reiser, dem Romanhelden von Karl Philipp Moritz, fehlt etwas, denn „er erwog nicht, daß Selbstachtung, welche sich damals beim ihm noch auf die Achtung anderer Menschen gründen konnte, die Basis der Tugend ist“. Selbstachtung, wie kann sie fehlen? Wie kann man sie erwerben?

Doch nur dadurch, dass man erfährt, sich und anderen zu vertrauen. Wo dieses Vertrauen fehlt, wird man scheitern und die Traumwelt, in die man sich stattdessen flüchtet, weil die Wirklichkeit zu ungerecht und schrecklich ist, wird überhand nehmen. Das mag reizvoll für jemanden sein, der aus dem Vollen schöpft, aber nicht für jemanden, der jeden Tag um seine materielle Existenz kämpft und auf das Wohlwollen anderer angewiesen ist.

Wer nichts hat, kann noch etwas verlieren

Anton Reiser, der Protagonist des gleichnamigen Romans aus den Jahren 1785 bis 1790, gehört zu denen, die kaum etwas haben als ein gewisses Talent zum Lernen und denen auch noch dieses Wenige weggenommen wird. Reiser spürt einen unablässigen Druck in sich und auf sich lasten, der in seiner Kindheit zwischen Erniedrigung und Quälerei zu einer völligen Selbstentäußerung führt. Doch er hegt die Sehnsucht nach einer geachteten Stellung und variierte diese Hoffnung in immer neues Scheitern. Der Roman beschreibt auf eine fast brutale Weise den Realismus, den gesellschaftliche Verhältnisse auf einen begabten Menschen ausüben, nur weil er aufgrund der Herkunft daran gehindert wird, eine eigene Existenz aufzubauen. Selbst als es Reiser durch eine günstige Fügung gelingt, ein wenig Erfolg zu haben, wird bald wieder alles einreißen und er schlechter dastehen als zuvor. Mehr und mehr richtet er sich in einer Fantasiewelt ein, um die Wirklichkeit zu vergessen. Das ist eine Seite seines Schicksals. Neben Not und Elend bleibt die Weltflucht und, logischerweise, als Ort dieser Flucht das Theater. Selbst dies scheitert, weil sich die Theatergruppe auflöst, kurz bevor Reiser den Entschluss fasst, zu ihnen zu stoßen. Am Ende bleibt nicht einmal die Einsicht in das Scheitern, denn dazu bedarf es zumindest des Broterwerbs als Basis, doch selbst das ist ihm verwehrt. Wer nichts hat, so lehrt uns Karl Philipp Moritz, kann immer noch etwas verlieren. Und doch weiß Reiser, „dass er unabänderlich er selbst sein musste und kein anderer sein konnte, dass er in sich selbst eingeengt und eingebannt war“.

Karl Siebrecht, der Held des Romans: „Ein Mann will nach oben“ (1941) von Hans Fallada, will ebenfalls etwas werden, etwas darstellen: Er will eben nach oben. Aber: Was ist oben? Besitz? Reichtum?

Karl Siebrecht will voran

Zu Beginn des Romans strebt Siebrecht nach Erfolg, um sich vom Elend des Hinterhofes zu befreien, wo er in einer kleinen Wohnung auf dem Fußboden der Küche schlafen muss, wo Geldsorgen ebenso zu Hause sind wie Schwindsucht und Not.

In Berlin lernt er Kalli Flau und Rieke Busch kennen, die er auf seinem Weg zur „Eroberung von Berlin“ mit sich nimmt. Doch die beiden unterschieden sich von ihm dadurch, dass sie, nachdem sie sich gemeinsam einen gewissen Wohlstand erarbeitet hatten, zufrieden waren. Siebrecht jedoch reicht das nicht: „Sie verdienten genug, sie konnten sogar etwas zurücklegen, also schön, was nun noch? Nichts weiter!... Das alles war nun in Karl Siebrechts Augen gar nichts. Er wollte voran.“

Er macht sich weiter auf, um Berlin zu erobern, um etwas darzustellen, um einem inneren Drang zu folgen. Er, der vom Land kommt, vom Arbeiter zum Direktor aufsteigt, der die Gunst von wohlhabenden Freunden genießt und sich in der Sphäre des Luxus ebenso zu bewegen lernt wie im dunklen Hinterhof, er schafft es dann. Er ist oben. Und doch kam ihm etwas abhanden: „Ja, es war gut, heimzukehren. Irrtümer, Gefahren, Versuchungen, Zeiten der Schwäche: sie blieben keinem erspart. Aber dann kehrte man heim in sein Haus, in sein Eigenstes, in die Heimat, in das, was man aus sich heraus geschaffen hatte, das zu einem Stück des eigenen Ichs geworden war, mochte es nun ein Haus sein oder eine Frau oder eine ganze Stadt.“

Im Gegensatz zu Anton Reiser scheint Karl Siebrecht zumindest teilweise bei sich angekommen. Zurück bleibt eine stumme Resignation. Hätte es bei Reiser und Siebrecht nicht auch anders sein können?

Literaturempfehlung: Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Frankfurt 1998.

Hans Fallada: Ein Mann will nach oben. Berlin 2011.

Vor zwei Wochen philosophierte Wolfram Frietsch über Philosophie und Humor.

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Erstellt:
17. Januar 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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