„Der kleine Horrorladen“: Bester Ötigheimer Musicalspaß

Ötigheim (cl) – Modellprojekt gedeiht prächtig in zweiter Premiere: Mit dem Musical „Der kleine Horrorladen“ haben die Ötigheimer Mordlust, Frivoles und viel Swing auf die Freilichtbühne gebracht.

Unfreiwilliger Held: Tobias Kleinhans muss in der Rolle des unsicheren Seymour im „Kleinen Horrorladen“ viel Schweiß und Blut geben, damit die gierige Audrey 2 prächtig wächst.  Foto: Lukas Tüg/Volksschauspiele

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Unfreiwilliger Held: Tobias Kleinhans muss in der Rolle des unsicheren Seymour im „Kleinen Horrorladen“ viel Schweiß und Blut geben, damit die gierige Audrey 2 prächtig wächst. Foto: Lukas Tüg/Volksschauspiele

Alle auf Abstand, aber nicht immer ganz anständig: Regisseur Stefan Haufe hat das Kult-Musical „Der kleine Horrorladen“ von Howard Ashman und Alan Menken coronakonform mitten auf der großen Bühne inszeniert – und unaufhaltsam wuchern auf der reich bewaldeten Freilichtbühne Ötigheim mordlüsterne Triebe, sadistische Anwandlungen und laszive Frechheiten. Der Fantasie haben die Volksschauspiele Ötigheim freien Lauf gelassen bei ihrer zweiten Premiere am vergangenen Wochenende. Hier wird Rock’n‘ Roll gemacht im 60er-Jahre-Look mit fliegenden Petticoats.

Im Corona-Sommer Nummer zwei haben die Ötigheimer nicht ihren vergangenes Jahr ausgefallenen Spielplan aufgewärmt, sondern in Windeseile komplett umgestellt. Nach dem Familienstück „Das Haus in Montevideo“ nun also ein Musical-Hit, doppelt besetzt mit zwei Premieren, am Freitag- und am Samstagabend. Passenderweise geht es jetzt und hier um nichts anderes als die Bedrohung der Welt – nicht durch ein Virus, sondern durch eine fleischfressende Pflanze mit großem Appetit auf Menschen: Audrey 2 heißt die Angreiferin, die aus der Vorstadt heraus ihren Arterhaltungstrieb gierig voranbringt.

Das legendäre trashige Musical braucht auch in Ötigheim trotz schmaler Besetzung nicht viel, um für sich einzunehmen: Mit ein paar abbruchreifen Wänden, nackten Steinen, auf denen selbst rote Rosen in Vasen wie Mauerblümchen wirken, einem Schrotthaufen nebenan, einem Säufer als Conférencier (Winnie Heck), dazu drei rotzfreche Vorstadt-Grazien (Judith Herz, Anna Bagger, Sarah Appel) als „Chorus line“, die ihre Hüften zu Swing und Motown-Sound sexy kreisen lassen, so wird die schillernde, mitreißende, unaufhaltsam weiter ins Verderben driftende Musical-Party gefeiert. Diese kleine Welt steht permanent auf der Kippe, aber trotzdem sind alle gut gelaunt.

Julian Baumstark spielt den sadistischen Zahnarzt-Rocker genüsslich aus

Und das geht so: Mr. Mushniks (Christoph Dettling) Blumenladen vegetiert vor sich hin, die Kunden bleiben aus, die Blumen verwelken. Die Angestellten sind so lieb wie unscheinbar, dem Tolpatsch Seymour und der ewig zu spät kommenden Kollegin Audrey droht die Arbeitslosigkeit, wenn nichts passiert. Buchstäblich in allerletzter Minute erinnert sich Seymour an das ungewöhnliche Pflänzchen, das er einem alten Chinesen abgekauft hat – mit Audrey 2 im Schaufenster gedeiht der „Horrorladen“ bald prächtig. Beinahe ein faustischer Pakt geht der kleine Blumenhändler mit dem wuchernden Schößling ein – Geld, Ruhm und die Liebe haben ihren Preis.

Tobias Kleinhans, der den anfangs unsicheren Seymour am Samstagabend spielt, muss zwar viel Wasser und vor allem Blut schwitzen, wächst neben der angebeteten Kollegin Audrey als romantischer Held aber bald über sich hinaus – während seine Finger, immer mehr von Audrey 2 ausgesaugt, dick verpflastert sind. Neues Futter für die Pflanze muss her. Und während mit der Super-Blondine (Mafalda Kühn mit schöner Stimme und lieblicher Erscheinung) also ein zartes Liebesgeflüster beginnt, wird ihr gewalttätiger Freund, man ahnt und hofft es, wohl bald „verfüttert“ werden. Julian Baumstark spielt den sadistischen Zahnarzt-Rocker mit Riesenbohrer genüsslich aus – und stirbt zumindest im Lachkrampf.

Mit makabrem Humor dreht das wunderbar eingespielte Ötigheimer Musical-Team samt Ballett im Motown-Sound auf, zu Soul-Rhythmen fröhlich losgelöst gibt das Komödienensemble immer ausgelassener der dem Affen Zucker oder der Pflanze Futter. Die Hits „Grow for Me“, „Somewhere That’s Green“ und „Suppertime“ werden mit Hingabe von beachtlichen Stimmen geschmettert. Die dreckigste Röhre zeigt dabei Nicole Kern als sprechende Pflanze Audrey 2 – aus einem mächtigen Schlund, den die Ötigheimer Techniker trickreich wachsen lassen. Skurril, absonderlich wie komisch entwickeln sich die dunklen Seiten des „Kleinen Horrorladens“ unter dem treibenden Sound der Ötigheimer Band direkt aus dem Untergrund des Orchestergrabens zu einem schrillen Spaß. Im Laufe des dreistündigen Abends drehen die flotten, frech verfönten Ötigheimer so richtig auf – bis zum unausweichlichen Ende.

Vom Publikum in locker besetzten Rängen wird die „Horror“-Truppe frenetisch und mit Standing Ovations, auch bei der Premiere der zweiten Besetzung am Samstagabend, gefeiert. Das Modellprojekt Freilichtspiele Ötigheim des Landes gedeiht hier auch mit Audrey 2 prächtig.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
20. Juni 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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