„Der kulturelle Leuchtturm der Stadt“

Karlsruhe (win) – Der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup hat bei einem virtuellen Bürgerforum die Mehrkosten für das Badische Staatstheater verteidigt.

Großbaustelle: Das Vorhaben wird inzwischen auf 508 Millionen Euro taxiert. Foto: Stefan Jehle

© STEFAN JEHLE

Großbaustelle: Das Vorhaben wird inzwischen auf 508 Millionen Euro taxiert. Foto: Stefan Jehle

Eigentlich sollte der Karlsruher Gemeinderat bereits in seiner morgigen Sitzung final über Sanierung samt Neubau am Badischen Staatstheater beschließen, doch deutlich gestiegene Kosten sorgten zuletzt für heftige Diskussionen und eine Vertagung der Debatte auf den 22. Juni. Am Freitag fand ein virtuelles Bürgerforum statt, in dem ausführlich über die Grundlage der Planung, die Kostenentwicklung und den aktuellen Stand der Arbeiten informiert wurde. Vor über 500 heimischen Computern saßen Menschen, die die gut zweistündige Veranstaltung verfolgten und die vom großen, öffentlichen Interesse kündeten. Neben viel Lob für die ausführliche Information gab es dabei aber auch Kritik an der relativ knapp bemessenen Zeit, in der Fragen beantwortet wurden.

Land, Stadt und Staatstheater hatten reichlich Personal aufgefahren, um das zwischenzeitlich auf 508 Millionen Euro taxierte Bauvorhaben und die Bedeutung des Badischen Staatstheaters für die Stadt und die Region zu erläutern. Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) erinnerte an jährlich über 300.000 Besucher aus der Stadt und der gesamten Region, einschließlich der Südpfalz und dem Nord-Elsass.

Staatstheater als Mittelpunkt

Das Badische Staatstheater sei der kulturelle Leuchtturm der Stadt, dem mit der Generalsanierung samt dem Neubau mehrerer Gebäudeteile die Chance für eine „ganz neue Qualität“ ermöglicht werden soll. Das Staatstheater soll zum Mittelpunkt der Stadtgesellschaft im Herzen der Stadt werden.

Beschlossen hatte das Vorhaben der Karlsruher Gemeinderat mit großer Mehrheit bereits im September 2017. Damals waren noch 325 Millionen Euro die Beschlusslage, die neuerliche Kostensteigerung auf über 500 Millionen Euro macht nun aber einen neuerlichen Beschluss nötig.

Begründet wurde der Preissprung insbesondere mit anderen Berechnungsmethoden. Man habe den Risikozuschlag erhöht, für Baunebenkosten spürbar mehr eingeplant und auch bei den Baukosten selbst würden höherer Preissteigerungen erwartet. Dessen ungeachtet gehe es nicht um Sonderwünsche, sondern „nur“ um eine gute und wirtschaftliche Lösung, die sich am Bedarf orientiere, so Staatssekretärin Gisela Splett (Grüne) aus dem Finanzministerium. Stark veraltete Technik, extrem beengte Platzverhältnisse und nicht zuletzt Arbeitsrecht und Brandschutz lägen dem Vorhaben zugrunde.

Neubau an anderer Stelle abgelehnt

Ein Verzicht auf den Neubau des Schauspielhauses kommt für sie deshalb ebenso wenig in Frage, wie ein Neubau an anderer Stelle. Es wundere sie, wie ein Neubau, an den die gleichen Anforderungen gestellt würden, billiger werden könne, als die Sanierung samt Erweiterung im Bestand. Denkbare Einsparung würden allein schon durch die Verzögerungen bei einer Neuplanung aufzehren.

Kultur-Staatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) warnte zudem vor gravierenden Einschnitten im künstlerischen Bereich. Auch davon war in der Spardebatte des Gemeinderats schon die Rede. Die Stadt würde womöglich den Status „Staatstheater“ gefährden und damit auch einen großen Teil der Landeszuschüsse, denn nur bei einem echten Staatstheater sei vertretbar, dass das Land die Hälfte aller Kosten übernimmt. Sanierung und Erweiterung des Badischen Staatstheaters seien eine „Jahrhundertentscheidung“, hinter der die Landesregierung voll und ganz stehe.

Dagmar Menzenbach vom Landesbetrieb Vermögen und Bau verwies auf den Theaterneubau vor rund 50 Jahren. Damals sei aus Kostengründen auf das Schauspielhaus verzichtet worden, statt dessen wird seither der ursprünglich als Probebühne des Musiktheaters vorgesehene Saal als Kleines Haus für das Schauspiel genutzt. Mit den funktionalen Defiziten habe das Staatstheater bis heute zu kämpfen und das soll nun endlich korrigiert werden.

Vor allem Proberäume für Orchester und Chor, aber auch Werkstätten und Büros entsprächen nicht den rechtlichen Vorgaben. Gemäß der ursprünglichen Planung von Helmut Bätzner soll das Badische Staatstheater auch endlich stärker in den Mittelpunkt der Stadtgesellschaft rücken.

Gebaut werden soll in drei Modulen, beginnend mit dem Neubau des Schauspielhauses, womit bereits im kommenden Jahr gestartet werden soll. Allein für diesen Bauabschnitt wird mit rund 110 Millionen Euro gerechnet, die Inbetriebnahme ist für 2026 eingeplant. Das Gesamtprojekts soll im Jahr 2034 vollendet sein. Einschließlich Vorplanung, Architektenwettbewerb, Ausführungsplanung und den inzwischen in Bau befindlichen Vorwegmaßnahmen habe man schon ein Drittel des Weges zurückgelegt.

Personalrat über neue Diskussion enttäuscht

Barbara Kistner, Vorsitzende des Personalrates des Badischen Staatstheaters, zeigte sich von den neuerlichen Diskussionen über Einsparungen im Betrieb oder am Neubau tief enttäuscht. „Warum braucht man uns eigentlich“, fragte sie. Kultur sei das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft stehe und auf das sie baue, zitierte Kistner die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Das ursprünglich für 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konzipierte Haus sei für die inzwischen rund 700 Beschäftigten längst viel zu klein geworden.

Das Bürgerforum Staatstheater ist in voller Länge weiterhin auf dem Youtube-Kanal der Stadt Karlsruhe zu finden, abrufbar auch über die Seite des Badischen Staatstheaters:

www.staatstheater.karlsruhe.de

Ihr Autor

Winfried Heck

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Erstellt:
16. Mai 2021, 17:50 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 19sec

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