Der letzte Uhrmacher in Ottersweier schließt

Ottersweier (jo) – In Ottersweier zieht sich ein Uhrmacher aus Leidenschaft zurück: Josef Baur löst sein Fachgeschäft in Ottersweier nach 44 Jahren aus Altersgründen schweren Herzens auf.

Vom mechanischen Zeitmesser zum Quarzwerk alles miterlebt: Josef und Angelika Baur in der Werkstatt. Foto: Joachim Eiermann

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Vom mechanischen Zeitmesser zum Quarzwerk alles miterlebt: Josef und Angelika Baur in der Werkstatt. Foto: Joachim Eiermann

Josef Baur weiß, wie Uhren ticken. Schließlich hat er das Handwerk im traditionellen Dreiklang gelernt: Lehre, Gesellenzeit, Meisterbrief. Seit über 50 Jahren geht er mit Zeitmessern aller Art und Größe um, seit 44 Jahren betreibt er das Fachgeschäft im Zentrum von Ottersweier gegenüber der Kirche. Doch in diesem Monat ist Schluss. Mit 69 Jahren hat er entschieden, in Rente zu gehen. Gleichwohl: So ganz will er Augenlupe und Werkzeuge nicht aus der Hand legen.
Fakt ist: Nach dem 28. August, dem letzten Öffnungstag, wird es kein Uhrengeschäft in Ottersweier mehr geben. Keines mehr, das auch Schmuck und Haushaltswaren führt. Wie es in den Räumen in der Eisenbahnstraße 6 weitergehen wird, ist derzeit noch offen. Dem örtlichen Handel und Handwerk – organisiert in einem Verein, den Baur einst mitbegründet hatte und in dessen Vorstand er sich engagierte – geht ein Dienstleister verloren. Treue Kunden bringen bereits Abschiedsgeschenke mit guten Wünschen vorbei; einige verdrücken sogar Tränen.

Nie eine Nachfrage wegen Ausbildung

In Ottersweier wird nun wahrgenommen, was andernorts längst Realität ist. Der Uhrmachermeister, früher in fast jeder größeren Gemeinde vertreten, ist eine seltene Spezies geworden. „Ich kenne nur wenige in der Region, die diesen Beruf erlernt haben“, sagt Josef Baur. Als Meister hatte er all die Jahre die Berechtigung, Nachwuchs auszubilden – nur: „Es gab nie eine Nachfrage.“ Er war auch Obermeister der Uhrmacher-Innung Bühl/Baden-Baden/Rastatt. Vor Jahren löste sich diese auf, mangels Mitglieder.

Dass der Beruf so gravierend an Bedeutung verlor, hat mit dem Aufkommen des Quarzwerks zu tun, das die Alltagsuhr billig machte und die mechanischen Uhren, ob mit Aufzug oder Automatik, großflächig vom Markt verdrängte. „Analoge“ Uhren sind heute vor allem unter Sammlern und Liebhabern gefragt. Die Zäsur von der feingliedrigen Zahnrad-Mechanik zum schnöden, elektronischen Taktgeber prägte Baurs 44 Geschäftsjahre in Ottersweier. „Neulich wollte ein Kunde ein Ladekabel für seine Hightech-Computer-Armbanduhr kaufen“, schildert er. Diese Sortimentsergänzung muss er nun nicht mehr vornehmen.

Kundschaft aus der ganzen Region

1979, zwei Jahre nach der Übernahme des Ladengeschäfts von seinem Vorgänger Ferdinand Kopf – was sich als „Glücksfall“ für beide Seiten erwies – war Ehefrau Angelika in den Betrieb eingestiegen. Die Räumlichkeiten wurden erweitert, im Lauf der Jahre immer wieder Fortbildungskurse besucht. Die Kundschaft resultiert über Ottersweier hinaus aus der gesamten Region. „Von Schutterwald bis Bad Bergzabern“, ergänzt Baur augenzwinkernd. Er hat im Beruf seine Leidenschaft gefunden. Und weil er eigentlich gar nicht so richtig aufhören kann und will, nimmt er mit, was ihn am meisten erfüllt: die Werkstatt. Daheim in der Laufer Straße 25 richtet er diese neu ein. Mit umziehen wird auch die Gravur-Maschine – für eine weitere Dienstleistung, die ebenfalls im Schwinden begriffen ist.

Der Lebenslauf von Josef Baur vor der Selbstständigkeit ist schnell erzählt. Er wuchs in der Landwirtschaft auf. Nach der Uhrmacherlehre in seiner Geburtsstadt Tübingen kam der tüchtige (Jung-)Geselle 1970 nach Bühlertal, wo ihm Robert Schmidt eine Anstellung bot – ein hochgeschätzter Kollege, der auch als Hundertjähriger noch gelegentlich am heimischen Werktisch saß und 103 wurde. Dieses stolze Alter lässt fast vermuten: Uhrmachermeister wissen der Zeit ein Schnippchen zu schlagen.

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Erstellt:
18. August 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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