Der „musikalische Lockdown“ ist eine Herausforderung

Muggensturm (as) – In der Serie „Vom Ton zum Klang“ beschreibt BT-Redakteurin Anja Groß seit einiger Zeit ihre Erfahrungen beim Klarinettelernen und im Anfängerorchester für Erwachsene des Musikvereins Muggensturm. Im heutigen Teil geht es darum, wie die Anfänger mit dem coronabedingten „musikalischen Lockdown“ umgehen.

Glücklich, wer in diesen Zeiten gemeinsam musizieren kann wie Daniela, Ida und Fokko Gondesen (von rechts).  Foto: privat

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Glücklich, wer in diesen Zeiten gemeinsam musizieren kann wie Daniela, Ida und Fokko Gondesen (von rechts). Foto: privat

Lustlos blättere ich mein Übungsbuch durch. Schon wieder Tonleitern und Dreiklänge? Seit Wochen dudle ich die rauf und runter – und die dazugehörigen Etüden aus dem Spielbuch natürlich mit. Aber so langsam habe ich das Gefühl, auf meine ganz persönliche Corona-Krise zuzusteuern. Kein Unterricht, keine Musikproben mit dem Anfängerorchester für Erwachsene (AfE) des Musikvereins Muggensturm – der coronabedingte „musikalische Lockdown“ wird zunehmend eine echte Herausforderung.

Jeden Morgen muss ich mich aufs Neue motivieren. Wo vorher das Wissen um die Probe am Montag und den Unterricht am Freitag ausreichend Druck verursachte, schleicht sich jetzt eher ein kleiner Schlendrian ein. Es fehlt das Ziel. So ertappe ich mich des Öfteren bei dem Gedanken: „Wofür heute üben, morgen reicht doch auch?“ Und der Gedanke mündet (leider) auch immer mal im Nichtstun. Zumal zunehmend die Erkenntnis Oberhand gewinnt, dass wir alle noch lange mit gewissen Einschränkungen werden leben müssen. Und, ehrlich gesagt, frage ich mich, wie Blasmusikproben unter Einhaltung der Infektionsschutzvorschriften funktionieren sollen – das dürfte fast so schwierig sein wie bei Chorproben.

„Mir fehlt die regelmäßige Probe“

Bei einem kleinen Gedankenaustausch in unserer Whatsapp-Gruppe berichten die anderen aus dem Anfängerorchester von ähnlichen Schwierigkeiten. „Mir fehlt die regelmäßige Probe als fester Ankerpunkt“, schreibt Christian Hornung. „Üben ganz ohne Ziel vor Augen ist halt einfach schwierig!“ Er versuche, so gut es geht, im Übungsbuch allein weiterzumachen. „Da ich viel im Homeoffice arbeite und damit weniger Zeit auf dem Arbeitsweg verbringe, komme ich auch ganz gut voran.“ Insofern hat die Corona-Pandemie auch etwas Gutes, denn besonders Christian hatte zwischen Job, Familie und Gitarrespielen immer wenig Zeit zum Üben.

Ansatzübungen stehen bei ihm auf dem Programm. Und auch er stellt fest: „Unsere Blasinstrumente sind ja solo gespielt nicht gerade familien- und gesellschaftstauglich.“ Spöttische Kommentare seiner Kinder über die „grässlich anzuhörenden“ Übungen sind garantiert. Ich muss lachen, denn das kommt mir sehr bekannt vor. „Ob der Katzenjammer jetzt vorbei ist“, wurde ich von meiner Familie jüngst gefragt, als ich die hohen Töne in der dritten Oktave üben musste. Da wegen Corona derzeit alle zu Hause sind, kann ich das ja auch nicht auf eine „Allein-daheim-Zeit“ verschieben.

Online-Unterricht und Familienkonzerte

Meine Klarinettenkollegin Daniela Gondesen wiederum hat den Vorteil, dass ihre Tochter Ida auch Klarinette lernt und ihr Mann Fokko Trompete spielt, sodass sie auch gemeinsam musizieren, wie sie berichtet. „Das macht zusammen doch mehr Spaß als alleine, so übe ich mit Ida neue Duos und Kanons“, erzählt Daniela, und zu Ostern wurden Lieder eingespielt und an Familie und Freunde verschickt –auch eine schöne Idee!

Unsere Querflötistin Erika Hecker hat immerhin Online-Unterricht. Auch wenn ich mir das gewöhnungsbedürftig vorstelle, kommt ein wenig Neid auf. Da erhält man wenigstens ein Feedback und neuen Input, kommt musikalisch voran. Doch zu allem Übel hat – schon länger angekündigt – in der Corona-Zeit auch noch unsere Klarinettenausbilderin aufgehört. Das erhöht die Spiel-Motivation nicht sonderlich. Zeit zum Üben wäre jedenfalls gerade nicht das Problem.

Bald ein virtuelles Orchester?

Unser Dirigent Peter Müller schreibt: „Die Situation ist auch für mich vollkommen neu!“ Er könne sich nicht erinnern, dass Musikvereins-Proben jemals über längere Zeit ausgefallen sind. Da er in fünf Gruppierungen spielt und zehn Schüler unterrichtet, hatte er von einem Tag auf den anderen sehr viel Zeit. Die wurde wie bei vielen zunächst für bisher unerledigte Aufgaben in Haus und Garten genutzt. Er fiel also in kein Loch, wie man befürchten könnte. Und geübt wird bei Peter sowieso immer!

Außerdem berichtet er von einem Projekt des Musikvereins Muggensturm: ein virtuelles Orchester. Er sei sehr gespannt, schreibt Peter, und kündigt an: „Ich könnte mir vorstellen, wenn unsere Zwangspause noch weiter währt, mit unseren Anfängern so was auch mal auszuprobieren.“ Endlich also ein kleiner Lichtblick!

Am selben Tag informiert der Vereinsvorstand dann auch noch, dass eine neue Ausbilderin in Aussicht ist. Das war ein schwieriger Findungsprozess, denn Ausbilder sind rar. Aber das ist ein anderes Thema, das viele Musikvereine umtreibt. Davon ein anderes Mal mehr… Ich muss jetzt dringend üben!

In dem elften Teil der Reihe beschäftigt sich Anja Groß mit der Frage, ob man zu alt sein kann, um ein Instrument zu lernen.

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Erstellt:
24. April 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 12sec

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